ADHS im Studium: Selbstorganisation verbessern

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Ein Studium bringt Freiheit: eigene Zeiteinteilung, wechselnde Fristen, selbstständiges Lernen. Für viele ist das befreiend. Mit ADHS kann genau diese Freiheit zur Herausforderung werden, weil Struktur, Anfangen und Dranbleiben mehr Kraft kosten. Das ist kein Zeichen mangelnder Eignung. Dieser Ratgeber zeigt, wie Du Dein Studium mit ADHS organisieren, konzentrierter lernen und Prüfungsphasen besser überstehen kannst.

Kurz erklärt: Studieren mit ADHS ist gut möglich, braucht aber oft angepasste Strategien: eine feste Tagesstruktur mit wenigen Hauptaufgaben, kurze Lernblöcke mit Pausen, ein ruhiger Lernplatz, früh beginnende Prüfungsplanung und Unterstützung durch Studienberatung und Fachpersonen. Viele Hochschulen in der Schweiz kennen einen Nachteilsausgleich. Informiere Dich frühzeitig bei Deiner Hochschule, welche Möglichkeiten und Unterlagen gelten.

Warum ist das Studium mit ADHS so herausfordernd?

Weil ein Studium vor allem Selbstorganisation verlangt: offene Lernphasen, lange Vorlesungen, grosse Aufgaben über Wochen und wenig äussere Struktur. Genau das sind Bereiche, die bei ADHS oft anstrengend sind. Eine systematische Übersichtsarbeit mit 15 Studien fand, dass eine ADHS-Diagnose oder deutliche ADHS-Symptome mit schlechterer Studienleistung zusammenhängen, besonders bei Unaufmerksamkeit. Als Einflussfaktoren nennt sie unter anderem exekutive Funktionen, Medikamenteneinnahme und Lernstrategien (Pagespetit et al., 2024). Das ist kein Urteil über Dich, sondern ein Hinweis darauf, dass Unterstützung und gute Strategien einen Unterschied machen können.

Typische Schwierigkeiten sind:

  • Konzentration in langen Vorlesungen
  • Aufschieben wichtiger Aufgaben
  • Mühe bei der Planung von Lernphasen
  • Überforderung durch unklare Aufgabenstellungen
  • Selbstzweifel, Versagensängste und Motivationstiefs

Dazu kommt oft der Druck der Umstellung: ein Studienstart in einer neuen Stadt wie Zürich, Basel oder St. Gallen, neue Wohnsituation, neue Kontakte. Wenn Du dazu auch noch eine Diagnose suchst oder einen Therapieplatz, kann das viel auf einmal sein. Viele Betroffene fühlen sich dabei allein. Du bist es nicht.

Wie schaffst Du eine Tagesstruktur, die trägt?

Mit festen Ankerpunkten, wenigen Hauptaufgaben und sichtbaren Hilfen. Das heisst nicht, jeden Tag minutiös zu planen, sondern Abläufe zu schaffen, die Halt geben, auch wenn etwas dazwischenkommt.

Ein Lernplatz mit Notizen und einem gesunden Snack bei Sonnenlicht.

  • Feste Lernzeiten im Kalender, am besten zu den Tageszeiten, an denen Du Dich am wachsten fühlst.
  • Vorlesungen vor- und nachbereiten: So bleibt mehr hängen, und Du vermeidest Last-Minute-Stress vor Prüfungen.
  • Tägliche Liste mit höchstens drei Hauptaufgaben, konkret formuliert, zum Beispiel „Kapitel 3 lesen“ statt „lernen“. Wie Listen ADHS-tauglicher werden, liest Du im Ratgeber ADHS und To-Do-Listen.
  • Wiederkehrende Routinen für E-Mails, Lernpausen und Freizeit. Je klarer der Rhythmus, desto weniger belasten Dich spontane Entscheidungen und Reizüberflutung.
  • Visuelle Hilfen: Wandkalender, Whiteboard, Klebezettel oder digitale Tools mit Erinnerungsfunktion.
  • Ein Lern-Buddy, der ebenfalls Aufgaben erledigt, kann helfen, dranzubleiben und Erfolge zu feiern.
  • Mikro-Gewohnheiten: Immer zur gleichen Uhrzeit anfangen oder erst den Schreibtisch aufräumen, dann loslegen. Mehr dazu im Beitrag Ordnung halten mit ADHS.

Diese Tipps sind Erfahrungswerte aus dem Alltag, nicht einzeln durch Studien belegt. Dass sich Organisation und Zeitmanagement bei Erwachsenen mit ADHS üben lassen, zeigt aber eine Studie mit 88 Erwachsenen: Nach einem zwölfwöchigen Gruppenprogramm zu Zeitmanagement, Organisation und Planung sprachen 42 Prozent auf die Behandlung an, in der Vergleichsgruppe 12 Prozent. Wer die Hausaufgaben erledigte, profitierte eher (Solanto et al., 2010). Weitere Ideen für Zeitplanung findest Du im Beitrag zum Zeitmanagement bei ADHS.

Wie lernst Du konzentrierter?

Mit kurzen, klaren Fokuszeiten und einer Umgebung, die zu Deinem Gehirn passt. Mehr Anstrengung ist selten die Lösung. Hilfreicher sind Strategien, die Ablenkung verringern und den Einstieg erleichtern.

Methode Idee Gut zu wissen
Pomodoro-Technik 25 Minuten lernen, 5 Minuten Pause Schnelle Erfolgserlebnisse, überschaubare Blöcke. Eine eigene Studie bei ADHS haben wir nicht geprüft.
Kopfhörer oder gleichmässiges Rauschen Störende Geräusche filtern Eine Meta-Analyse fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS einen kleinen Nutzen von weissem und rosa Rauschen im Labor (Nigg et al., 2024). Für Studierende ist das nicht gezeigt.
Bewegungspausen Zehn Minuten frische Luft, Treppensteigen, Dehnen Bei Erwachsenen mit ADHS zeigte eine einzelne Bewegungseinheit einen kleinen Effekt, die Studienqualität war aber überwiegend gering (Dahlberg et al., 2025).
Abwechslungsreiche Lernmethoden Mindmaps, Karteikarten, visuelle Zusammenfassungen Je nach Lerntyp anpassen.
Timer und visuelle Zeitanzeigen Zeit sichtbar machen, Fortschritt zeigen Passt zum anderen Zeitgefühl bei ADHS (Marx et al., 2022).

Schaffe Dir eine Lernumgebung, die zu Dir passt. Für manche bedeutet das absolute Ruhe, für andere Musik oder ein Café. Auch Ortswechsel können neue Energie bringen, etwa Bibliothek am Vormittag, WG-Zimmer am Nachmittag. Teste verschiedene Umgebungen und bleib bei dem, was funktioniert.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir Studierende zuerst, wo es konkret hakt: in der Vorlesung, beim Lernen zu Hause, bei der Planung der Prüfungsphase oder beim Dranbleiben über längere Zeit. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Schwierigkeiten schon in der Schulzeit bestanden, aber durch mehr äussere Struktur aufgefangen wurden. Im Studium fällt diese Struktur oft weg.

Für einen Nachteilsausgleich ist wichtig, dass Du Dich früh bei Deiner Hochschule erkundigst, welche Unterlagen sie verlangt, denn die Regeln unterscheiden sich. Fragen zu Medikamenten, auch rund um Prüfungen, besprichst Du bitte mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt und entscheidest nie allein.

Wie überstehst Du die Prüfungsphase?

Indem Du früh anfängst, in Etappen planst und realistische Ziele setzt. Für viele Studierende mit ADHS sind Prüfungszeiten die grösste Hürde: Nicht nur der Stoff, sondern auch Deadlines, Zeitdruck und Erwartungen belasten. Schnell entsteht das Gefühl: Wo anfangen? Reicht meine Energie?

Ein liebevoll gestalteter Lernplatz mit Blumen, Kerze und Laptop vor dem Fenster.

  • Früh beginnen, lieber 15 Minuten pro Tag als eine Nachtschicht mit Panik.
  • Lernpläne mit Etappenzielen und klaren Fristen. Kleine Schritte bringen mehr als unrealistische Marathon-Sessions.
  • Abwechslung im Stoff: Mische Themen und Methoden, um wach und interessiert zu bleiben.
  • Realistische Ziele: Nicht der 100-Prozent-Anspruch zählt, sondern kontinuierlicher Fortschritt.
  • Schlaf und Pausen schützen: Wer übermüdet ist, lernt schlechter. Mehr Struktur im Tagesablauf hilft auch dabei.

Was ist ein Nachteilsausgleich und wie beantragst Du ihn?

Ein Nachteilsausgleich soll verhindern, dass eine Beeinträchtigung bei Prüfungen zu einer Benachteiligung führt, ohne die fachlichen Anforderungen zu senken. Hochschulen in der Schweiz haben dazu eigene Regeln und Anlaufstellen. Mögliche Anpassungen können zum Beispiel längere Prüfungszeiten, zusätzliche Pausen oder ein ruhigerer Raum sein. Welche Massnahmen bei Dir infrage kommen und welche Nachweise nötig sind, entscheidet Deine Hochschule im Einzelfall.

  • Nimm früh Kontakt zur Studienberatung oder zur Anlaufstelle für Studierende mit Beeinträchtigung Deiner Hochschule auf. Der Prozess kann dauern.
  • Frage nach, welche Unterlagen verlangt werden, etwa ein ärztlicher Bericht.
  • Informiere Dich über Fristen vor der Prüfungsanmeldung.

Konkrete Regeln einzelner Hochschulen haben wir hier nicht geprüft. Verlasse Dich deshalb auf die aktuellen Angaben Deiner eigenen Hochschule.

Wo bekommst Du als Studierende oder Studierender Hilfe?

An mehreren Stellen, die sich ergänzen. Selbstorganisation ist wichtig, aber Du musst nicht alles allein schaffen.

  • Studienberatung Deiner Hochschule: bei Anträgen wie dem Nachteilsausgleich und bei Fragen zu Lernmethoden.
  • Hausärztin, Hausarzt oder Fachärztin und Facharzt für Psychiatrie: für die Abklärung und gegebenenfalls Behandlung. Mehr dazu in unserem Beitrag zur ADHS-Diagnose in der Schweiz.
  • Psychotherapie oder Coaching: Kognitive Verhaltenstherapie war in einer Meta-Analyse von neun Studien bei Erwachsenen mit ADHS besser als eine Warteliste, gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen war der Vorteil kleiner (Young et al., 2020).
  • Selbsthilfe und Beratung: Die ADHS-Organisation elpos bietet nach eigenen Angaben kostenlose Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall sowie Gesprächsgruppen an. Austausch mit anderen Betroffenen wird oft als entlastend erlebt.

Wenn Du Medikamente gegen ADHS nimmst oder darüber nachdenkst: Sprich mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, nimm nur Medikamente ein, die für Dich verordnet wurden, und ändere nie auf eigene Faust etwas. Gib verschriebene Medikamente nicht weiter und übernimm keine von anderen, auch nicht in der Prüfungsphase.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Konzentrations- und Organisationsprobleme schon lange bestehen, Dein Studium deutlich beeinträchtigen oder Du Dich ständig überfordert fühlst. Hinter solchen Schwierigkeiten kann ADHS stecken, aber auch Stress, Depression, Angst oder Schlafmangel. Eine Fachperson kann das einordnen.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise brauchst Du sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand. Viele Hochschulen haben zudem eine psychologische Beratung für Studierende.

Was ist im Studium bei Frauen mit ADHS typisch?

Mädchen erfüllen die Diagnosekriterien im Kindesalter deutlich seltener als Jungen, bei Frauen wird ADHS deshalb oft erst im Erwachsenenalter erkannt. Im Studium fällt dann die feste Struktur der Schule weg, und bisher gelungene Kompensation reicht manchmal nicht mehr aus. Wenn Du Dich so erlebst, findest Du im Ratgeber ADHS bei Frauen mehr dazu. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.

Häufige Fragen zu ADHS und Studium

Kann ich mit ADHS erfolgreich studieren?

Ja, viele tun es. Studien zeigen im Durchschnitt zwar schlechtere Studienleistungen bei ADHS, vor allem bei Unaufmerksamkeit (Pagespetit et al., 2024), aber das sagt wenig über den Einzelfall. Mit passender Struktur, Unterstützung und gegebenenfalls Behandlung kann ein Studium gelingen. Entscheidend ist, dass Du Hilfe früh in Anspruch nimmst.

Wie kann ich mich mit ADHS besser auf Prüfungen vorbereiten?

Beginne früh, mit kleinen täglichen Lerneinheiten statt langen Marathonsitzungen. Erstelle einen Plan mit Etappenzielen, wechsle Themen und Methoden ab und plane Pausen ein. Setze realistische Ziele und prüfe frühzeitig, ob ein Nachteilsausgleich für Dich in Frage kommt.

Gibt es an Schweizer Hochschulen einen Nachteilsausgleich bei ADHS?

Viele Hochschulen kennen Regelungen zum Nachteilsausgleich. Ob und welche Massnahmen bei ADHS möglich sind, entscheidet die jeweilige Hochschule im Einzelfall. Frage frühzeitig bei der Studienberatung oder der Anlaufstelle für Studierende mit Beeinträchtigung nach Ablauf, Fristen und Unterlagen.

Soll ich auch in der Prüfungsphase Pausen machen?

Ja. Kurze, regelmässige Pausen helfen, Aufmerksamkeit und Energie zu halten. Viele Menschen mit ADHS fahren mit kurzen Lernblöcken und festen Pausen gut. Welche Länge für Dich passt, ist individuell, probiere zum Beispiel 25 zu 5 oder 40 zu 10 Minuten aus und beobachte, was Dir hilft.

Fazit: Studium mit ADHS ist möglich, mit Plan

ADHS muss kein Studienhindernis sein. Wichtig ist, Deine Bedürfnisse ernst zu nehmen, realistische Strukturen zu schaffen und Unterstützung früh zu suchen. Ob Du in Zürich, Basel, St. Gallen oder anderswo studierst: Vielleicht nicht nach Schema F, aber auf Deine eigene, funktionierende Art. Wenn Du Dich fragst, ob ADHS hinter Deinen Schwierigkeiten stecken könnte, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. Mehr dazu findest Du bei der ADHS-Abklärung und zur ADHS-Therapie.

Quellen

  • Pagespetit, È., Pagerols, M., Barrés, N., Prat, R., Martínez, L., Andreu, M., Prat, G., Casas, M. & Bosch, R. (2024). ADHD and academic performance in college students: a systematic review. Journal of Attention Disorders, 29(4), 281-297. journals.sagepub.com
  • Solanto, M. V. et al. (2010). Efficacy of meta-cognitive therapy for adult ADHD. American Journal of Psychiatry, 167(8), 958-968. psychiatryonline.org
  • Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6). journals.sagepub.com
  • Nigg, J. T., Bruton, A., Kozlowski, M. B., Johnstone, J. M. & Karalunas, S. L. (2024). Systematic review and meta-analysis: do white noise or pink noise help with task performance in youth with attention-deficit/hyperactivity disorder or with elevated attention problems? Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 63(8). ohsu.elsevierpure.com
  • Dahlberg, M. et al. (2025). The effects of physical activity interventions on the core symptoms of ADHD in adults: a systematic review and meta-analysis. Mental Health and Physical Activity, 29. sciencedirect.com
  • Marx, I., Cortese, S., Koelch, M. G. & Hacker, T. (2022). Meta-analysis: Altered perceptual timing abilities in attention-deficit/hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. sciencedirect.com
  • elpos Schweiz, ADHS-Organisation: Angebote und kostenlose Beratung. elpos.ch

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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