ADHS oder Autismus? Unterschiede und Überschneidungen verstehen

Veröffentlicht am: 27. September 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

ADHS und Autismus werden oft in einem Atemzug genannt, doch sie sind nicht dasselbe. Beide gehören zu den Neuroentwicklungsstörungen und beginnen in der Kindheit, unterscheiden sich aber in Kernmerkmalen, Erleben und Verlauf. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, bei denen beides vorliegt, was die Abgrenzung nicht einfacher macht. In diesem Ratgeber erfährst Du, worin sich ADHS und Autismus unterscheiden, wo sie sich überschneiden und wie die Abklärung weiterhilft.

Kurz erklärt: Bei ADHS stehen Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Unruhe im Zentrum, bei Autismus Besonderheiten in der sozialen Kommunikation sowie eingeschränkte Interessen und Verhaltensmuster. Beide Diagnosen können gleichzeitig gestellt werden, und die Symptome überschneiden sich, etwa bei Reizempfindlichkeit und Gefühlsregulation. Welche Diagnose zutrifft, klärt eine fachärztliche Abklärung, nicht ein Selbsttest.

Was ist ADHS?

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Neuroentwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und bei vielen Menschen bis ins Erwachsenenalter bleibt. Die Merkmale treten in unterschiedlicher Stärke auf und betreffen meist mehrere Lebensbereiche. Dazu gehören:

  • anhaltende Konzentrationsprobleme
  • ausgeprägte Impulsivität
  • motorische Unruhe oder „innere Rastlosigkeit“
  • Schwierigkeiten mit Planung, Organisation und Zeitgefühl
  • emotionale Reizbarkeit und schnelle Stimmungswechsel

Es gibt drei Erscheinungsbilder: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert. Bei Erwachsenen wird ADHS oft erst spät erkannt.

Was ist Autismus?

Vier Strichmännchen in einer Reihe, eines davon steht auf dem Kopf, als Metapher für neurodiverse Denkweisen bei ADHS und Autismus, die sich oft von der Norm abheben.

Autismus ist eine Entwicklungsbesonderheit, die sich vor allem in sozialer Kommunikation und Interaktion sowie in eingeschränkten, sich wiederholenden Interessen und Verhaltensweisen zeigt. Eine Übersichtsarbeit beschreibt als Kern soziale Schwierigkeiten und repetitive Verhaltensweisen (Leitner, 2014). Autismus wird als Spektrum verstanden: Die Ausprägung reicht von kaum auffälligen Besonderheiten bis zu hohem Unterstützungsbedarf, und die Organisation Autismus Schweiz betont, dass es um Verständnis und praktische Unterstützung geht, nicht um Mitleid. Typische Merkmale sind:

  • Schwierigkeiten, soziale Signale intuitiv zu verstehen
  • kognitive Unflexibilität und ein starkes Bedürfnis nach Routinen und Vorhersehbarkeit (Martinez et al., 2024)
  • sehr spezifische Interessen mit grossem Detailwissen
  • besondere Wahrnehmung, zum Beispiel Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen

Manche autistische Menschen versuchen, Auffälligkeiten im Alltag zu verbergen („Masking“). Das kann erschöpfen und dazu führen, dass Autismus lange unerkannt bleibt.

Was unterscheidet ADHS und Autismus?

Der zentrale Unterschied liegt im Kern der Schwierigkeiten: Bei ADHS sind es Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle, bei Autismus soziale Kommunikation und Flexibilität. Eine Übersichtsarbeit beschreibt ADHS als Beeinträchtigung vor allem von Hemmung und anhaltender Aufmerksamkeit, Autismus dagegen mit kognitiver Unflexibilität, Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und eingeschränkten Interessen (Martinez et al., 2024). Die folgende Tabelle zeigt typische Tendenzen. Im Einzelfall gibt es viele Ausnahmen und Überschneidungen.

Bereich ADHS (typische Tendenz) Autismus (typische Tendenz)
Kernmerkmale Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Unruhe Besonderheiten in sozialer Kommunikation, eingeschränkte Interessen
Aufmerksamkeit schwer anhaltend zu steuern, Ablenkbarkeit Fokus auf Spezialinteressen, kann wie Unaufmerksamkeit wirken
Soziales Miteinander Schwierigkeiten oft durch Impulsivität, etwa Unterbrechen oder vorschnelles Reagieren Schwierigkeiten oft beim intuitiven Verstehen sozialer Signale
Verhalten und Flexibilität Mühe mit Planung und Organisation Bedürfnis nach Routine, Mühe mit Veränderungen
Reizverarbeitung häufig Auffälligkeiten, Überempfindlichkeit und Reizsuche kommen vor häufig Besonderheiten, Über- oder Unterempfindlichkeit

Gerade bei der Aufmerksamkeit lohnt sich ein genauer Blick: Wer sich auf ein inneres Interesse fixiert, wirkt von aussen manchmal unaufmerksam, obwohl keine ADHS-typische Aufmerksamkeitsstörung vorliegt (Martinez et al., 2024). Bei der Reizverarbeitung zeigt eine Übersichtsarbeit, dass Menschen mit ADHS deutlich mehr sensorische Besonderheiten haben als Kontrollpersonen (Jurek et al., 2025). Mehr dazu im Beitrag ADHS oder Hochsensibilität.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Beide Bilder teilen Schwierigkeiten bei exekutiven Funktionen, sozialem Miteinander und Gefühlen. Die Autoren der Übersichtsarbeit schreiben, dass Defizite bei exekutiven Funktionen, sozialer Funktion und emotionaler Intelligenz bei beiden vorkommen und die Diagnostik erschweren. Sie betonen, dass Fachleute zentrale Merkmale der einen Störung leicht als Symptome der anderen deuten (Martinez et al., 2024). Häufige Gemeinsamkeiten im Alltag sind:

  • erhöhte Empfindlichkeit für Umweltreize
  • Schwierigkeiten im sozialen Miteinander
  • emotionale Überforderung in stressigen Situationen
  • hoher Energiebedarf für die Alltagsbewältigung

Die Forschung versteht ADHS und Autismus zunehmend als Teile eines grösseren Spektrums neuroentwicklungsbedingter Unterschiede. Wie sich das einordnen lässt, erklären wir im Beitrag Neurodivergenz und ADHS.

Wie häufig kommen ADHS und Autismus gemeinsam vor?

Recht häufig, wobei die Zahlen je nach Studie stark schwanken. Seit DSM-5 dürfen beide Diagnosen gleichzeitig gestellt werden (Leitner, 2014). Studien nennen, dass bei etwa 30 bis 50 Prozent der autistischen Kinder ADHS-Symptome vorliegen (Leitner, 2014), andere Übersichten kommen auf 40 bis 70 Prozent (Martinez et al., 2024) bzw. 50 bis 70 Prozent (Hours et al., 2022). Umgekehrt haben rund 13 Prozent der Menschen mit ADHS auch Autismus (Martinez et al., 2024). Die Autoren einer Arbeit fragen zudem, ob sich Unaufmerksamkeit bei autistischen Menschen immer als ADHS erklären lässt oder ob andere Mechanismen eine Rolle spielen (Hours et al., 2022).

Auch bei Erwachsenen sind Überschneidungen dokumentiert: In einer Klinikstudie mit 326 Erwachsenen bei Erstabklärung in Griechenland hatten 29 beide Diagnosen, 151 nur ADHS und 58 nur Autismus. Begleiterkrankungen waren häufig, Substanzstörungen kamen in der ADHS-Gruppe fast viermal so oft vor wie in der Autismus-Gruppe (26,6 gegenüber 3,5 Prozent). Die Studie empfiehlt deshalb eine gründliche, interdisziplinäre Abklärung (Pehlivanidis et al., 2020).

Aus der Praxis

In der Sprechstunde schauen wir bei Unsicherheit zwischen ADHS und Autismus nicht nur auf einzelne Symptome, sondern auf das Gesamtbild und den Verlauf seit der Kindheit. Wir fragen etwa, wie Du Dich in sozialen Situationen erlebst, wie wichtig Routinen für Dich sind und wie Du mit Veränderungen umgehst. Häufig zeigt sich: Zwei Menschen können von aussen ähnlich wirken, aus ganz verschiedenen Gründen.

Wichtig ist uns, dass wir ehrlich einordnen, was wir in unserer ADHS-Abklärung klären können und wann eine zusätzliche Abklärung an anderer Stelle sinnvoll ist. Manche Menschen haben beides, und das lässt sich nicht in einem kurzen Gespräch beurteilen.

Warum ist eine genaue Abklärung wichtig?

Weil ähnliche Beschwerden verschiedene Ursachen haben können und die passende Unterstützung davon abhängt. Eine Diagnose bedeutet nicht „Schubladisierung“, sondern ermöglicht, Schwierigkeiten einzuordnen und passende Hilfen zu finden. Hohe Raten an Begleiterkrankungen können zudem die zugrunde liegende Störung verdecken (Kooij et al., 2019), und bei der Abklärung sollte deshalb alles zusammen betrachtet werden. Bei Erwachsenen mit bislang unerklärten beruflichen oder sozialen Schwierigkeiten kann eine Klärung ebenfalls sinnvoll sein, mehr dazu im Beitrag ADHS bei Erwachsenen.

Was tun bei Verdacht auf ADHS oder Autismus?

Ein Mädchen sitzt auf dem Boden und ist in sich gekehrt, während andere Kinder mit einem Erwachsenen interagieren: typische Szene, wenn Rückzug oder Fokus auf Details statt sozialer Interaktion im Vordergrund steht.

Der erste Schritt ist eine Abklärung durch Fachpersonen, für Dich oder Dein Kind. Mögliche Anlaufstellen in der Schweiz sind:

  • Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt als erste Ansprechperson, die weiter überweisen kann
  • Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bei Erwachsenen, kinder- und jugendpsychiatrische Dienste bei Kindern und Jugendlichen
  • Autismus Schweiz mit Information, Beratung und einem Verzeichnis von Diagnosestellen, Selbsthilfegruppen und Angeboten nach Kanton
  • Neuropsychologische Abklärung als Ergänzung bei unklaren Fragen

Wie die Abklärung auf ADHS bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Diagnostik. Ein Überblick zur Diagnose in der Schweiz findest Du im Ratgeber ADHS-Diagnose in der Schweiz. Wenn Du Dich akut sehr belastet fühlst oder an Suizid denkst, wende Dich sofort an die Dargebotene Hand (143), den Rettungsdienst (144) oder Deine Hausärztin bzw. Deinen Hausarzt.

Häufige Fragen zu ADHS und Autismus

Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?

Ja. Seit dem DSM-5 können beide Diagnosen nebeneinander gestellt werden (Leitner, 2014). Wie häufig das vorkommt, hängt von der Studie ab: Bei Kindern werden etwa 13 Prozent der Menschen mit ADHS mit Autismus genannt und 40 bis 70 Prozent der autistischen Menschen mit ADHS-Symptomen (Martinez et al., 2024). Bei Kindern mit beiden Diagnosen sind die Beeinträchtigungen im Alltag nach einer Übersichtsarbeit grösser (Leitner, 2014).

Wie unterscheide ich ADHS von Autismus im Alltag?

Eine zuverlässige Unterscheidung ist allein nicht möglich. Als Orientierung: Bei ADHS stehen Ablenkbarkeit, Impulsivität und Organisationsprobleme im Vordergrund, bei Autismus Besonderheiten in der sozialen Kommunikation, Routinen und Spezialinteressen. Weil sich beides überschneidet, braucht es eine ärztliche Abklärung.

Ist ADHS eine Form von Autismus?

Nein. Es sind zwei eigenständige Diagnosen mit unterschiedlichen Kernmerkmalen, die sich überschneiden und zusammen auftreten können (Leitner, 2014; Martinez et al., 2024).

Wo kann ich mich in der Schweiz abklären lassen?

Für ADHS bei Erwachsenen ist eine Fachärztin oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit ADHS-Erfahrung die übliche Anlaufstelle. Für Autismus bietet Autismus Schweiz ein Verzeichnis von Diagnosestellen nach Kanton. Bei Kindern sind kinder- und jugendpsychiatrische Dienste zuständig.

Fazit: ADHS und Autismus unterscheiden und individuell betrachten

ADHS und Autismus sind unterschiedliche Diagnosen mit eigenen Herausforderungen, die sich überschneiden und zusammen auftreten können. Wichtig ist, sich selbst oder betroffene Kinder nicht zu bewerten, sondern verstehen zu wollen. Wenn Du unsicher bist, ob bei Dir ADHS vorliegen könnte, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Diagnostik.

Quellen

  • Leitner, Y. (2014). The co-occurrence of autism and attention deficit hyperactivity disorder in children: what do we know? Frontiers in Human Neuroscience. frontiersin.org
  • Martinez, S., Stoyanov, K. & Carcache, L. (2024). Unraveling the spectrum: overlap, distinctions, and nuances of ADHD and ASD in children. Frontiers in Psychiatry, 15. frontiersin.org
  • Hours, C., Recasens, C. & Baleyte, J.-M. (2022). ASD and ADHD comorbidity: what are we talking about? Frontiers in Psychiatry. PMC8918663
  • Pehlivanidis, A. et al. (2020). Lifetime co-occurring psychiatric disorders in newly diagnosed adults with ADHD and/or ASD. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
  • Jurek, L. et al. (2025). Sensory processing in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder compared with control populations: a systematic review and meta-analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. sensoryproject.org
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. sciencedirect.com
  • Autismus Schweiz: Beratung, Information und Verzeichnis der Angebote. autismus.ch

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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