ADHS & To-Do-Listen: Was besser funktioniert

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Eine lange To-Do-Liste soll Ordnung schaffen. Bei ADHS fühlt sie sich oft eher wie ein Vorwurf an: Zwanzig offene Punkte, kein klarer Anfang, am Abend ist fast nichts abgehakt. Das liegt nicht an mangelndem Willen. Viele klassische Listen sind schlicht nicht für ein Gehirn gebaut, dem Planen, Zeit einschätzen und Anfangen mehr Kraft kosten.

Kurz erklärt: Bei ADHS funktionieren To-Do-Listen besser, wenn sie kurz, konkret und sichtbar sind: ein bis drei Aufgaben pro Tag, in kleine Startschritte zerlegt, mit einem „Parkplatz“ für alles andere und mit einer Belohnung nach dem Erledigen. Welches Format zu Dir passt, ist individuell. Wenn Du trotz solcher Hilfen dauerhaft den Überblick verlierst, lohnt sich eine ärztliche Abklärung.

Warum scheitern klassische To-Do-Listen bei ADHS so oft?

Weil sie genau das voraussetzen, was bei ADHS anstrengend ist: Aufgaben ordnen, Zeit einschätzen, den ersten Schritt auswählen und dranbleiben, auch wenn der Nutzen erst später kommt. Dazu kommen mehrere Befunde aus der Forschung, die gut zu dem passen, was viele Betroffene beschreiben.

  • Zeitgefühl: Eine Meta-Analyse von 55 Studien fand bei ADHS Schwierigkeiten, Zeitspannen zu schätzen, zu produzieren und kurze Dauern zu unterscheiden (Marx et al., 2022). Ein Eintrag wie „heute Abend noch schnell“ ist dann schwer zu bemessen.
  • Belohnung und Wartezeit: Eine Meta-Analyse von 21 Studien zeigte, dass Menschen mit ADHS verzögerte Belohnungen im Durchschnitt stärker abwerten als andere (Jackson & MacKillop, 2016). Eine Aufgabe, deren Ergebnis erst in Wochen sichtbar wird, hat es deshalb schwerer als etwas, das sofort Wirkung zeigt. In einer Bildgebungsstudie mit 53 unbehandelten Erwachsenen mit ADHS war die Verfügbarkeit bestimmter Dopamin-Bausteine in zwei Belohnungsregionen niedriger als bei 44 Kontrollpersonen (Volkow et al., 2009). Was das im Alltag genau bedeutet, ist nicht abschliessend geklärt.
  • Selbstwert: Wer über Jahre erlebt, dass Pläne nicht aufgehen, zweifelt irgendwann an sich selbst. Eine Liste, die jeden Abend „Versagen“ zeigt, verstärkt das. Mehr dazu im Beitrag zu ADHS und Prokrastination.

Praktisch heisst das: Eine gute Liste sollte wenig Entscheidungen verlangen, den nächsten Schritt sofort sichtbar machen und schnelle Erfolgserlebnisse ermöglichen.

Wie sieht eine ADHS-taugliche Tagesliste aus?

Sie hat drei Felder und bleibt bewusst klein. Statt alles auf einen Zettel zu schreiben, teilst Du den Tag so ein:

Eine leere To-do-Liste auf einem linierten Blatt mit dem Titel „TO DO:“.

Feld 1: Was heute wirklich zählt

Hier steht nur eine einzige Aufgabe: die wichtigste. Viele bestimmen sie schon am Vorabend, damit der Morgen nicht mit Entscheiden beginnt. Sie muss nicht gross sein. Ein Anruf oder eine bezahlte Rechnung kann an einem bestimmten Tag genau die richtige Aufgabe sein.

Feld 2: Was ich als Nächstes machen könnte

Das sind Aufgaben, die Du angehen kannst, wenn Energie da ist. Sie sind „nice to have“, aber nicht Pflicht. Wenn Du bei Feld 1 nicht in Gang kommst, darf Du hier anfangen. Ein kleiner Erfolg kann den Einstieg erleichtern.

Feld 3: Gedankenparker

Hier landen spontane Einfälle, die während des Tages auftauchen: „Ich müsste noch…“, „Ach ja, das Geschenk“. Statt ihnen sofort nachzugehen, schreibst Du sie auf und entscheidest am Abend, was bleibt und was nicht. So bleibt Dein Fokus bei der einen Aufgabe.

Diese Struktur ist ein Vorschlag aus der Praxis, keine Methode mit eigenem Wirksamkeitsnachweis. Sie nutzt aber Prinzipien, die in der Forschung zu ADHS eine Rolle spielen: weniger Entscheidungen, klare Prioritäten und ein sichtbarer Anfang.

Was bringen der „Parkplatz“ und die Not-To-Do-Liste?

Beide entlasten, weil sie den Kopf von Dingen befreien, die heute nicht dran sind. Der Parkplatz ist eine einzige Sammelliste, in die alles kommt, was irgendwann erledigt werden soll: Projekte, Ideen, Besorgungen. Du schaust nur beim Planen hinein, zum Beispiel einmal pro Woche. Viele Einträge verlieren mit der Zeit an Bedeutung oder erledigen sich von selbst.

Die Not-To-Do-Liste ist das Gegenstück: Dort steht, was Du bewusst nicht mehr machst. Das können Vorhaben sein, die Du seit Monaten vor Dir herschiebst, oder Ideen, die Du ehrlich gesagt nicht umsetzen wirst. Ein Beispiel: „Ich räume dieses Jahr nicht mehr den ganzen Keller aus.“ Etwas schriftlich loszulassen kann Druck wegnehmen, der sonst unterschwellig mitläuft.

Aus der Praxis

Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Betroffene schon viele Listen und Apps ausprobiert haben und sich am Ende selbst die Schuld geben. In der Sprechstunde fragen wir deshalb zuerst, woran das Dranbleiben konkret scheitert: am Anfangen, am Überblick oder am Aufgeben nach kurzer Zeit.

Wichtig ist uns: Es geht nicht um das perfekte System, sondern um eines, das Du an einem normalen Tag durchhältst. Verlierst Du trotz einfacher Systeme dauerhaft den Überblick, schauen wir auch auf andere Gründe wie Erschöpfung oder Depression und besprechen, ob eine Therapie sinnvoll ist. Tipps ersetzen weder Abklärung noch Behandlung.

Muss es mehr Struktur sein oder eine einfachere?

Meistens eine einfachere. Priorisierungsmatrizen, Kanban-Boards und Bullet-Journal-Systeme können funktionieren, verlangen aber Pflege: sortieren, aktualisieren, verschieben. Wenn das System selbst zur Aufgabe wird, kippt es schnell. Ein Hinweis aus der Forschung ist, dass Training in Zeitmanagement, Organisation und Planung Erwachsenen mit ADHS helfen kann. In einer Studie mit 88 Erwachsenen sprachen nach einem zwölfwöchigen Gruppenprogramm mehr Teilnehmende auf die Behandlung an als in der Vergleichsgruppe (42 gegenüber 12 Prozent), und das Erledigen der Hausaufgaben hing mit dem Erfolg zusammen (Solanto et al., 2010). Entscheidend scheint also nicht ein besonders ausgeklügeltes System zu sein, sondern das regelmässige Üben einfacher Schritte.

Regel für den Alltag: Nimm das einfachste System, das Du heute durchhalten würdest. Du kannst es später ausbauen, wenn es trägt. Mehr Ideen dazu findest Du im Ratgeber Ordnung halten mit ADHS und bei den Strategien zum Zeitmanagement.

Papier oder App: Was passt zu Dir?

Das hängt von Dir ab. Viele Menschen mit ADHS merken: Was nicht sichtbar ist, wird vergessen. Dann sind Papier, Whiteboard oder Klebezettel eine gute Wahl. Andere haben ihr Handy ohnehin immer dabei und profitieren von Erinnerungen. Eine Studie, die einen allgemeinen Vorteil von Papier gegenüber Apps belegt, haben wir nicht gefunden. Probiere deshalb beides aus.

Ein aufgeschlagener Planer mit zwei leeren To-do-Listen, umgeben von Umschlägen, Füller und Ohrringen.

Format Das spricht dafür Typische Stolperfalle
Papier oder Notizbuch Sichtbar, schnell, kein Ablenkungspotenzial Geht verloren oder liegt unter anderen Zetteln
Whiteboard oder Klebezettel Der Plan hängt dort, wo Du ihn siehst Wird zur Tapete, wenn er nie aktualisiert wird
App mit Erinnerung Meldet sich von selbst, immer dabei Zu viele Funktionen, Benachrichtigungen werden ignoriert
Timer oder visueller Kalender Macht Zeit sichtbar und begrenzt Aufgaben Braucht eine feste Startgewohnheit

Am Ende zählt, dass Du das Werkzeug wirklich nutzt, regelmässig und ohne Stress. Eine Übersicht möglicher Hilfen findest Du in unserem Beitrag zu Apps für ADHS.

Wie kommst Du bei ADHS ins Tun?

Indem Du die Aufgabe so klein machst, dass der Start fast nicht mehr auffällt. Viele Menschen mit ADHS wissen genau, was zu tun ist, und kommen trotzdem nicht los. Oft ist die Aufgabe zu vage („Steuer machen“), zu lang, unangenehm oder ohne spürbare Belohnung.

  • Mikro-Aufgaben: Formuliere so, dass Du in wenigen Minuten starten kannst. Ein Beispiel: Statt „Bewerbung schreiben“ lieber „Datei mit dem Lebenslauf öffnen“.
  • Wenn-dann-Pläne: „Wenn ich den Kaffee ausgetrunken habe, dann öffne ich die Steuerunterlagen.“ In einer Laborstudie mit Kindern mit ADHS verbesserten solche Pläne die Impulshemmung (Gawrilow & Gollwitzer, 2008). Ob sie auch bei Erwachsenen mit Alltagslisten helfen, ist damit nicht belegt. Es ist eine Idee zum Ausprobieren.
  • Sofortige Belohnung: Haken setzen, kurz aufstehen, fünf Minuten Lieblingsmusik. Das passt zum Befund, dass Wartezeit bei ADHS stärker ins Gewicht fällt (Jackson & MacKillop, 2016).
  • Eigene Gründe: Fachleute weisen darauf hin, dass bei ADHS nicht nur äussere Belohnungen zählen, sondern auch innere Motive wie Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und Verbundenheit (Morsink et al., 2021). Frage Dich bei einer Aufgabe, wofür sie Dir persönlich wichtig ist.

Wie bleibt eine Routine flexibel?

Indem sie Spielraum lässt. Eine Routine soll Orientierung geben, nicht zur Strafe werden, wenn ein Tag anders läuft. Plane Puffer ein, halte Slots frei und akzeptiere, dass einzelne Tage „verloren“ gehen. Das ist normal.

Eine Hand mit Kugelschreiber ruht auf einem Kalender mit handschriftlichen Einträgen und einer gelb markierten Woche.

Ein Trick sind „Rituale mit Optionen“: Nach dem Kaffee gibt es 30 Minuten Fokuszeit, und Du entscheidest spontan, was Du in dieser Zeit machst. So bleibt der Rahmen fest und der Inhalt frei. Wenn Zeitdruck und Reize Dich zusätzlich bremsen, helfen auch Hinweise aus dem Beitrag zur Reizüberflutung bei ADHS.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Du trotz einfacher Systeme dauerhaft den Überblick verlierst, im Alltag oder Beruf spürbar darunter leidest oder Dich stark belastet fühlst. Dahinter kann ADHS stecken, aber auch eine Depression, Erschöpfung oder etwas anderes. Eine Fachperson kann das einordnen. Tipps ersetzen weder Diagnostik noch Behandlung.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise brauchst Du sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand.

Häufige Fragen zu ADHS und To-Do-Listen

Warum schaffe ich trotz Liste nichts?

Oft ist die Liste zu lang oder die Einträge sind zu vage. Bei ADHS fällt es schwer, aus vielen Punkten den ersten Schritt auszuwählen und Zeit realistisch zu schätzen. Kürze die Liste auf ein bis drei Punkte und formuliere den ersten Schritt so konkret, dass Du ihn in wenigen Minuten erledigen kannst. Das ist keine Charakterfrage, sondern eine Frage des Formats.

Wie viele Aufgaben pro Tag sind sinnvoll?

Dafür gibt es keine feste Zahl, die für alle gilt. Viele Betroffene fahren mit einer Hauptaufgabe und zwei bis drei kleinen Nebenaufgaben gut. Beginne eher zu klein als zu gross: Wenn Du am Abend noch Energie hast, ist das ein gutes Zeichen, und Du kannst die Liste später vorsichtig erweitern.

Helfen Apps besser als Papier?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Eine allgemeine Überlegenheit einer der beiden Varianten haben wir in der Forschung nicht gefunden. Papier ist sichtbar, Apps erinnern aktiv. Entscheidend ist, dass Du das Werkzeug tatsächlich täglich ansiehst. Wenn Du nach zwei, drei Wochen merkst, dass Du es ignorierst, wechsle das Format.

Kann Therapie bei Organisation und Planung helfen?

Ja, das kann sein. Eine Meta-Analyse von neun Studien fand, dass kognitive Verhaltenstherapie bei Erwachsenen mit ADHS besser wirkte als eine Warteliste, gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen war der Vorteil kleiner (Young et al., 2020). Was für Dich passt, klärst Du am besten mit einer Fachperson.

Fazit: Dein eigenes System finden

Eine ADHS-taugliche To-Do-Liste ist kurz, konkret und sichtbar, mit einem Parkplatz für alles andere und einer kleinen Belohnung nach dem Erledigen. Es geht nicht darum, „so zu funktionieren wie andere“, sondern ein System zu finden, das Du wirklich nutzt. Wenn Du Dich fragst, ob hinter Deinen Schwierigkeiten ADHS steckt, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. Mehr zum Ablauf findest Du bei der ADHS-Abklärung und zur ADHS-Therapie.

Quellen

  • Marx, I., Cortese, S., Koelch, M. G. & Hacker, T. (2022). Meta-analysis: Altered perceptual timing abilities in attention-deficit/hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. sciencedirect.com
  • Jackson, J. N. S. & MacKillop, J. (2016). Attention-deficit/hyperactivity disorder and monetary delay discounting: a meta-analysis of case-control studies. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 1(4). sciencedirect.com
  • Volkow, N. D. et al. (2009). Evaluating dopamine reward pathway in ADHD: clinical implications. JAMA. jamanetwork.com
  • Morsink, S., Van der Oord, S., Antrop, I., Danckaerts, M. & Scheres, A. (2021). Studying motivation in ADHD: the role of internal motives and the relevance of self-determination theory. Journal of Attention Disorders. journals.sagepub.com
  • Solanto, M. V. et al. (2010). Efficacy of meta-cognitive therapy for adult ADHD. American Journal of Psychiatry, 167(8), 958-968. psychiatryonline.org
  • Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6). journals.sagepub.com
  • Gawrilow, C. & Gollwitzer, P. M. (2008). Implementation intentions facilitate response inhibition in children with ADHD. Cognitive Therapy and Research, 32(2). link.springer.com

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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