Ein Tag mit ADHS: Einblicke in den Alltag

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Wie fühlt sich ein ganz normaler Tag mit ADHS an? Viele Betroffene beschreiben einen ständigen Balanceakt: Du willst alles im Griff haben, und doch macht Dein Kopf oft sein eigenes Programm. Dieser Ratgeber begleitet Dich in fünf Momentaufnahmen durch den Tag, vom Aufstehen bis zum Rückblick am Abend. Die Szenen sind typische Situationen, die viele Menschen mit ADHS schildern. Sie sind keine Diagnose, und nicht jede Person erlebt alles davon.

Kurz erklärt: Ein Tag mit ADHS besteht oft aus vielen kleinen Hürden: Der Start fällt schwer, Übergänge zwischen Aufgaben kosten Kraft, die Aufmerksamkeit schwankt zwischen Ablenkung und Vertiefung, und am Abend kommt der Kopf schwer zur Ruhe. Das hat nichts mit fehlendem Willen zu tun. Mit festen Routinen, weniger Reizen und realistischer Planung lässt sich der Alltag oft spürbar entlasten.

Wie sieht ein Alltag mit ADHS aus?

Er ist meist anstrengender, als es von aussen aussieht, weil ADHS viele Lebensbereiche gleichzeitig berührt. In einer britischen Befragung gaben 89 Erwachsene mit ADHS im Vergleich zu 94 Erwachsenen ohne ADHS in fast allen erfassten Bereichen mehr Beeinträchtigungen an, unter anderem bei der Arbeit, im sozialen Leben, im Umgang mit Geld und bei der Stimmung (Pitts et al., 2015). Eine Übersichtsarbeit, die 125 Reviews zusammenfasst, nennt als häufig verbundene Themen unter anderem Schlafprobleme, Schwierigkeiten im Beruf und in Beziehungen sowie ein geringeres Selbstwertgefühl (French et al., 2024).

Gleichzeitig ist ADHS mehr als eine Liste von Schwierigkeiten. Viele Betroffene kennen auch Momente von Begeisterung, Kreativität und intensiver Konzentration. Struktur hilft dabei, aber sie ist keine einmalige Lösung: Sie muss immer wieder angepasst werden, und manchmal braucht es spontane Ideen, um sie durchzuhalten.

Die folgende Übersicht fasst den Tag zusammen. Die einzelnen Abschnitte danach gehen ins Detail.

Tageszeit Typische Hürde Was helfen kann
Morgen Schwerfällige Übergänge, viele Gedanken Schriftliche Routine, Vorbereitung am Vorabend
Arbeit oder Studium Schwieriger Einstieg, Vertiefung ohne Pausen Kleine Schritte, Timer, reizarme Umgebung
Nachmittag Sinkende Energie, offene Aufgaben Feste Zeitfenster, Checklisten, Pausen an der Luft
Abend Kopf bleibt aktiv, Einschlafen fällt schwer Abendroutine, Bildschirmpause, Einschlafritual
Rückblick Selbstkritik Erfolge sichtbar machen, freundlicher Blick auf sich selbst

Wie beginnt der Morgen mit ADHS?

Oft mit viel Gedankenlärm und wenig Handlung. Der Wecker klingelt, doch das Aufstehen dauert. Beim Zähneputzen schwirren schon Termine und Aufgaben durch den Kopf. Das Frühstück fällt aus oder findet im Stehen statt, und der Griff zum Handy kostet unbemerkt Zeit. Am Ende fühlt sich der Start wie ein Wettlauf gegen sich selbst an.

Eine Sanduhr mit feinem, braunem Sand steht auf einem hellen Untergrund, im Hintergrund sind getrocknete Blätter zu sehen. Visuelle Timer wie Sanduhren sind einfache Hilfsmittel, um Zeit sichtbar zu machen.

Typische Hürden am Morgen

  • Übergänge sind schwerfällig: vom Bett ins Bad, vom Bad an den Frühstückstisch, vom Tisch zum Schreibtisch.
  • Kleine Reize wie Licht, Geräusche oder Nachrichten auf dem Handy können sich schnell überwältigend anfühlen.
  • Schnell entsteht das Gefühl, schon früh «nicht hinterherzukommen».

Was am Morgen helfen kann

  • Eine Morgenroutine mit klaren Schritten, am besten schriftlich oder als Bildliste in der Wohnung.
  • Erinnerungen auf dem Handy oder Wecker mit kurzen Hinweisen, zum Beispiel «Zähne putzen» oder «Frühstück».
  • Kleidung, Tasche und Frühstück schon am Vorabend bereitlegen, damit morgens weniger Entscheidungen anfallen.
  • Die ersten Minuten bewusst reizarm halten, zum Beispiel ohne Handy, mit gedämpftem Licht.
  • Eine kurze Bewegungseinheit wie Dehnen oder ein Gang um den Block. Regelmässige Bewegung gehört auch zu den allgemeinen Empfehlungen für Erwachsene mit ADHS (NICE, 2018).

Was passiert bei Arbeit oder Studium?

Hier wechseln sich oft zwei Zustände ab: Der Einstieg fällt schwer, und wenn ein Thema zündet, ist plötzlich kaum noch Platz für etwas anderes. Schon der Arbeitsweg kann mit Lärm, Menschen und Nachrichten auf dem Smartphone anstrengend sein. Am Schreibtisch ist der Kopf voll, die To-do-Liste lang, aber der Zugang zur ersten Aufgabe bleibt vage.

Manche beschreiben dann Phasen, in denen sie sich so in eine Sache vertiefen, dass Essen, Trinken und Pausen untergehen. Danach folgt häufig ein Tief: Der Körper ist erschöpft, man zieht sich zurück oder reagiert gereizt. Solche Vertiefungsphasen werden oft «Hyperfokus» genannt. Sie sind keine eigene Diagnose, aber vielen Betroffenen vertraut.

Was bei der Arbeit helfen kann

  • Aufgaben vorab in kleine, konkrete Schritte teilen und schriftlich priorisieren.
  • Pausen fest einplanen, zum Beispiel mit Kalender-Erinnerung oder Timer.
  • Kurze Selbst-Check-ins: «Wie geht es mir gerade? Habe ich etwas getrunken oder gegessen?»
  • Den Arbeitsplatz reizärmer gestalten: aufgeräumter Tisch, Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung, feste Arbeitszeiten.
  • Übergänge aktiv gestalten, etwa mit kurzer Bewegung oder frischer Luft zwischen zwei Aufgaben.

Mehr dazu findest Du in unseren Ratgebern zu Reizüberflutung bei ADHS und zu ADHS und Beruf.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir zuerst, wie ein typischer Tag aussieht und wo es hakt: beim Aufstehen, bei der Arbeit oder abends beim Abschalten. Wichtig ist uns dabei, was seit der Kindheit besteht und was sich erst später verändert hat. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Erschöpfung, Schlafmangel oder gedrückte Stimmung ähnliche Alltagsprobleme verursachen können wie ADHS. Deshalb klären wir diese Möglichkeiten mit ab, statt vorschnell eine Erklärung zu wählen.

Manche unterschätzen, wie viel Kraft die ständige Selbstkorrektur kostet. Die Ideen im Artikel sind Vorschläge zum Ausprobieren. Was davon zu Dir passt, finden wir gemeinsam heraus.

Warum wird der Nachmittag oft chaotisch?

Weil die Energie sinkt, während sich offene Aufgaben ansammeln. Termine rutschen durch, das Zeitgefühl wird unsicher, und Selbstfürsorge bleibt auf der Strecke. Zu Hause bleibt der Haushalt liegen oder wird in einem plötzlichen Energieschub auf einmal erledigt. Dazu kommen Konflikte mit Mitbewohnenden, Familie oder Partnerschaft, wenn spontane Reaktionen missverstanden werden.

Eine junge Frau hat den Kopf auf ein offenes Buch gelegt und hält noch einen Stift in der Hand. Sie wirkt erschöpft und überfordert, der Arbeitsbereich ist chaotisch.

Was im Alltag helfen kann:

  • Eine feste Tagesstruktur mit klaren Zeitfenstern für Aufgaben, die Du tatsächlich schaffen kannst.
  • Checklisten für wiederkehrende Abläufe, zum Beispiel für den Wocheneinkauf oder die Wäsche.
  • Pausen an der frischen Luft, um Reize herunterzufahren.
  • Gemeinsame Absprachen im Haushalt, die Zuständigkeiten sichtbar machen.
  • Mehr Ideen für den Umgang mit Terminen und Zeit findest Du im Ratgeber Zeitmanagement bei ADHS.

Warum fällt das Abschalten am Abend so schwer?

Weil der Körper müde sein kann, während der Kopf weiterläuft. Gedanken springen, der Tag wird gedanklich noch einmal durchgegangen, und Schuldgefühle melden sich. Einschlafen wird zur Geduldsprobe. Dass Schlafprobleme bei ADHS häufig vorkommen, beschreibt auch die Forschung (French et al., 2024). Der Griff zum Handy verlängert die Wachphase oft zusätzlich.

Ideen für den Abend:

  • Eine feste Abendroutine mit gedimmtem Licht und ruhigen Tätigkeiten.
  • Bildschirme in der letzten Stunde vor dem Schlafen möglichst weglegen.
  • Ein Einschlafritual, das zu Dir passt, zum Beispiel ein Hörbuch, eine Atemübung oder kurzes Aufschreiben der Gedanken.

Weitere Anregungen findest Du im Ratgeber Schlafroutine bei ADHS. Halten Schlafprobleme über längere Zeit an, lohnt sich ein ärztliches Gespräch.

Wie gehst Du mit dem Rückblick auf den Tag um?

Am besten mit einem freundlichen Blick auf Dich selbst. Am Abend gehen viele Menschen mit ADHS kritisch mit sich ins Gericht: «Wieder nicht alles geschafft», «Warum bin ich so chaotisch?» Doch es gibt auch die andere Seite: «Ich habe zwei wichtige Dinge erledigt», «Ich habe rechtzeitig eine Pause gemacht.» Beides gehört zum Tag.

  • Schreibe abends drei Dinge auf, die gelungen sind, auch kleine.
  • Mache Erfolge sichtbar, zum Beispiel mit einer Liste an der Wand.
  • Sprich mit Dir, wie Du mit einer guten Freundin oder einem guten Freund sprechen würdest.

Anhaltende Selbstkritik und das Gefühl, nie zu genügen, können auf Dauer belasten. Warum das so ist, erklären wir im Beitrag zu Minderwertigkeitsgefühlen bei ADHS.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Dann, wenn Du Dich in vielen dieser Beschreibungen wiedererkennst und Dein Alltag, Deine Arbeit oder Deine Beziehungen darunter über längere Zeit leiden. Eine Abklärung klärt, ob ADHS dahinterstecken kann oder ob etwas anderes, zum Beispiel eine Depression, eine Angststörung oder Erschöpfung, im Vordergrund steht. Eine Diagnose stellt nur eine Fachperson, nicht ein Text im Internet.

Wenn Du Dich in einer akuten Krise befindest oder an Suizid denkst: Wähle in Notfällen die 144 (Rettung) oder rufe die Dargebotene Hand unter der Nummer 143 an. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine Anlaufstelle.

Häufige Fragen zum Alltag mit ADHS

Warum fällt mir das Aufstehen und Loslegen mit ADHS so schwer?

ADHS betrifft die Selbststeuerung, also das Planen, Starten und Wechseln zwischen Aufgaben. Gerade Übergänge und der Einstieg kosten deshalb viel Kraft. Eine feste Reihenfolge, schriftliche Schritte und weniger Ablenkung am Morgen können den Start erleichtern. Fällt Dir das Loslegen trotz solcher Hilfen über Monate sehr schwer, kann eine Abklärung sinnvoll sein.

Ist der anstrengende Alltag ein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Disziplin?

Nein. Faulheit ist keine Erklärung für die Schwierigkeiten, die viele Menschen mit ADHS beschreiben. Studien zeigen, dass Erwachsene mit ADHS in Bereichen wie Arbeit, sozialem Leben und Stimmung mehr Beeinträchtigung erleben (Pitts et al., 2015). Wer sich Mühe gibt und trotzdem scheitert, braucht eher passende Strategien und Unterstützung als mehr Druck.

Helfen Routinen und Struktur wirklich?

Für viele ja, aber nicht als einmalige Lösung. Europäische Fachleute empfehlen bei ADHS im Erwachsenenalter einen mehrteiligen Ansatz aus Psychoedukation, Medikation, kognitiver Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). Strukturhilfen im Alltag sind oft Teil davon. Sie funktionieren am besten, wenn sie einfach bleiben und regelmässig angepasst werden.

Was ist Hyperfokus?

Als Hyperfokus bezeichnen viele Betroffene Phasen, in denen sie sich so stark in eine Tätigkeit vertiefen, dass sie Zeit, Essen und Trinken vergessen. Es ist kein eigenes Diagnosekriterium. Hilfreich sind Timer oder Erinnerungen, die Dich an Pausen und Grundbedürfnisse erinnern, ohne den Fokus ganz zu zerstören.

Fazit

Ein Tag mit ADHS ist selten linear. Er besteht aus intensiven Reizen, Höhen und Tiefen. Mit einer Struktur, die zu Dir passt, realistischen Erwartungen und etwas Nachsicht mit Dir selbst lässt sich der Alltag oft deutlich entlasten. Wenn Dich ADHS im Alltag stark belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.

Quellen

  • French B. et al. (2024): The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Pitts M., Mangle L., Asherson P. (2015): Impairments, Diagnosis and Treatments Associated with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) in UK Adults: Results from the Lifetime Impairment Survey. Archives of Psychiatric Nursing. sciencedirect.com
  • Kooij J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry. cambridge.org
  • NICE (2018, aktualisiert 2019): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). nice.org.uk

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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