ADHS und Hypnose: Was Studien zeigen und was nicht

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Hypnose wird bei ADHS immer wieder als sanfte Möglichkeit genannt, innere Unruhe zu mindern und Konzentration zu üben. Gerade Erwachsene mit ADHS-Verdacht und Menschen, die alternative Wege suchen, interessieren sich dafür. In diesem Ratgeber erfährst Du, was Hypnose ist, was wenige, kleine Studien dazu zeigen und worauf Du achten kannst, wenn Du es ausprobieren möchtest.

Kurz erklärt: Hypnose ist keine etablierte Behandlung der ADHS. Es gibt einzelne kleine Studien: In einer randomisierten Studie mit 19 Erwachsenen berichteten Teilnehmende nach zehn Sitzungen von mehr Aufmerksamkeit, in Leistungstests zeigte sich aber keine bedeutsame Verbesserung. Als Ergänzung zu Diagnostik und Behandlung ist Hypnose denkbar, als Ersatz nicht.

Was ist Hypnose und wie läuft eine Sitzung ab?

Hypnose ist ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit und tiefer Entspannung, in dem Du für Vorstellungen und Anregungen der Therapeutin oder des Therapeuten besonders offen bist. Du bleibst dabei bei Bewusstsein und behältst die Kontrolle. Typische Elemente sind eine Einleitung zur Entspannung, Vorstellungsbilder und Suggestionen, die zu Deinen Zielen passen, sowie oft das Erlernen von Selbsthypnose für den Alltag.

Ein Beispiel für ein untersuchtes Vorgehen: In einer kleinen randomisierten Studie bekamen Erwachsene mit ADHS zehn wöchentliche Sitzungen von 40 bis 60 Minuten. Themen waren Aufmerksamkeit, Motivation und Selbstwert.

Was zeigt die Forschung zu Hypnose bei ADHS?

Die Forschung steht noch am Anfang, und es gibt nur wenige kleine Studien. Die wichtigsten Arbeiten im Überblick:

Studie Teilnehmende und Design Ergebnis
Virta et al., 2010 (Contemporary Hypnosis) Randomisierte Studie, 9 Erwachsene mit Hypnotherapie, 10 in der Vergleichsgruppe In der Selbsteinschätzung Verbesserungen bei Aufmerksamkeit, Aktivierung, Gedächtnis und Zufriedenheit bei Arbeit und Studium. Keine bedeutsamen Verbesserungen in kognitiven Tests und bei der Stimmung. Die Studie war klein und nicht verblindet, und es nahmen eher Personen mit milderer ADHS teil
Virta et al., 2015 (PLoS ONE) 27 Erwachsene mit ADHS und 31 gesunde Kontrollpersonen, ein Aufmerksamkeitstest mit hypnotischen Suggestionen Die Reaktionszeiten wurden in beiden Gruppen kürzer. Die Studie hatte keine Vergleichsbedingung ohne Hypnose und prüfte nur eine kurze Aufgabe
Nimmo-Smith et al., 2020 (Psychological Medicine) Systematische Übersicht von 32 randomisierten Studien zu nicht-medikamentösen Verfahren bei Erwachsenen Für kognitive Verhaltenstherapie die stärkste Evidenz. Hypnotherapie zeigte mögliche Vorteile, die Aussagekraft ist durch kleine Stichproben und ein hohes Verzerrungsrisiko begrenzt

Insgesamt reicht die Datenlage nicht, um Hypnose bei ADHS als wirksame Behandlung zu empfehlen. In der Studie von 2015 lag die Empfänglichkeit für Hypnose bei Menschen mit ADHS und bei den Kontrollpersonen im Bereich der Normalbevölkerung. Das ist ein Hinweis, dass ADHS dem Verfahren nicht grundsätzlich im Weg steht.

Was ist mit Erfahrungsberichten?

Erfahrungsberichte können motivieren, belegen aber keine Wirkung. Wenn jemand schreibt, Hypnose habe ihm geholfen, kann das an der Methode, an der Erwartung, an der Beziehung zum Therapeuten oder an anderen Veränderungen im Leben liegen. Deshalb zeigen wir hier keine Einzelfälle als Beleg, sondern verweisen auf die oben beschriebenen Studien. Wenn Du selbst Hypnose ausprobierst, notiere Dir vorher Ziele und schaue nach einigen Sitzungen gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam, ob sich etwas verändert hat.

Aus der Praxis

Wenn jemand Hypnose anspricht, fragen wir zuerst, was er oder sie sich davon erwartet, etwa Entspannung, bessere Konzentration oder weniger Anspannung. Wir ordnen ehrlich ein, dass die Studienlage klein ist und Hypnose die ADHS nicht heilt. Als Ergänzung zur Behandlung ist sie denkbar, als Ersatz nicht.

Wichtig ist uns die Abklärung vorab: Bei schweren psychischen Erkrankungen oder nach belastenden Erlebnissen sollte Hypnose nur nach fachärztlicher Abklärung und mit entsprechend qualifizierter Begleitung stattfinden. Wer es ausprobiert, notiert sich vorher Ziele und schaut nach einigen Sitzungen gemeinsam mit dem Behandlungsteam, ob sich etwas verändert hat.

Für wen kann Hypnose eine Ergänzung sein?

Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen in einem hypnotisch wirkenden Lichtmuster. Die spiralförmige Projektion veranschaulicht einen Trancezustand.

Hypnose kann eine Ergänzung sein, wenn Du Entspannung und Selbstregulation üben möchtest und Dich auf die Methode einlassen kannst. Sinnvoll kann das sein:

Hypnose ist nicht für alle gleich geeignet. Bei schweren psychischen Erkrankungen oder nach traumatischen Erlebnissen sollte sie nur nach fachärztlicher Abklärung und mit entsprechend qualifizierten Fachpersonen erfolgen. Eine Behandlung der ADHS selbst ersetzt sie nicht. Wie die Bausteine zusammenspielen, erklärt der Beitrag zur multimodalen Therapie. Einen Überblick über weitere Möglichkeiten findest Du bei den ADHS-Therapieformen.

Und bei Kindern und Jugendlichen?

Für Kinder und Jugendliche mit ADHS konnten wir keine belastbare Studie zu Hypnose prüfen. Sprich daher mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Deiner Kinderärztin oder Deinem Kinderarzt, bevor Du Hypnose für Dein Kind in Betracht ziehst. Wichtig sind eine ärztliche Abklärung und ein Behandlungsplan, in den Eltern und Schule einbezogen sind.

Worauf achtest Du bei der Wahl einer Hypnosetherapeutin oder eines Hypnosetherapeuten?

Eine Hand hält ein Hypnosependel vor einem weichen Hintergrund, ein klassisches Symbolbild für Hypnose.

Achte auf eine nachvollziehbare Ausbildung, Erfahrung mit ADHS und eine ehrliche Aufklärung über den Stand der Forschung. Das hilft bei der Auswahl:

  • Frage nach der Ausbildung und nach Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen oder Kindern.
  • Lass Dir Ablauf, Anzahl der Sitzungen und Kosten vorab schriftlich erklären. Die Kosten trägst Du je nach Anbieter und Versicherung möglicherweise selbst. Kläre das vorher mit Deiner Krankenkasse.
  • Nutze ein unverbindliches Vorgespräch, um zu prüfen, ob die Chemie stimmt.
  • Sei vorsichtig bei Heilsversprechen oder wenn Dir geraten wird, Medikamente oder eine laufende Behandlung zu beenden.
  • Informiere Dein Behandlungsteam, damit alles zusammenpasst.

Wenn Deine Belastung sehr hoch ist und Du das Gefühl hast, ambulant nicht mehr zurechtzukommen, kann auch eine stationäre Behandlung ein Thema sein. Sprich in solchen Situationen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Wer ADHS in der Schweiz diagnostizieren darf, liest Du im Beitrag Wer darf ADHS diagnostizieren?

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn Du unsicher bist, ob Deine Beschwerden von ADHS stammen, oder wenn Niedergeschlagenheit, Ängste, Schlafprobleme oder Erschöpfung Dich stark belasten. In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken wende Dich sofort an die Notfallnummer 144 oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine gute erste Anlaufstelle.

Häufige Fragen zu Hypnose bei ADHS

Kann Hypnose ADHS heilen?

Nein. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die sich nicht durch Hypnose heilen lässt. Hypnose kann höchstens Entspannung und Selbstregulation unterstützen. Die kleine Studienlage zeigt Verbesserungen in der Selbsteinschätzung, aber keine gesicherte Wirkung auf die Kernsymptome. Entscheidend für Deinen Alltag sind weiterhin Diagnostik, Psychoedukation und eine passende Behandlung.

Wie viele Sitzungen braucht man?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. In einer kleinen randomisierten Studie wurden zehn wöchentliche Sitzungen von 40 bis 60 Minuten eingesetzt. Vereinbare mit dem Therapeuten oder der Therapeutin vorab, nach wie vielen Sitzungen Ihr gemeinsam überprüft, ob es Dir hilft.

Kann ich unter Hypnose die Kontrolle verlieren?

In der Regel nicht. In Hypnose bleibst Du bei Bewusstsein, kannst mitreden und behältst die Kontrolle. Wichtig ist, dass Du Dich bei der Fachperson sicher fühlst. Wenn Dir etwas unangenehm ist, sag das sofort. Bei einer psychischen Erkrankung oder nach schweren Erlebnissen kläre vorher ärztlich ab, ob Hypnose für Dich geeignet ist.

Ersetzt Hypnose Medikamente?

Nein. Für Hypnose ist bei ADHS keine ausreichende Wirkung belegt, um Medikamente oder eine Psychotherapie zu ersetzen. Ändere oder beende Medikamente nie eigenständig, sondern entscheide gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Hypnose kann höchstens als Ergänzung dazukommen und sollte Deinem Behandlungsteam bekannt sein.

Fazit: Interessant, aber noch nicht gut belegt

Hypnose kann Entspannung und Selbstregulation unterstützen, als Behandlung der ADHS ist sie aber nicht belegt. Wenn Du sie ausprobierst, dann als Ergänzung, mit klaren Zielen und in Absprache mit Deinem Behandlungsteam. Wenn Du erst einmal klären möchtest, was bei Dir los ist, steht Dir bei klaro ADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich und Biel, geeignete Termine auch per Video. Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr dazu findest Du bei unserer ADHS-Therapie.

Quellen

  • Virta, M. et al. (2010). Hypnotherapy for adults with attention deficit hyperactivity disorder: a randomized controlled study. Contemporary Hypnosis, 27(1), 5-18. researchgate.net
  • Virta, M., Hiltunen, S., Mattsson, M. & Kallio, S. (2015). The impact of hypnotic suggestions on reaction times in continuous performance test in adults with ADHD and healthy controls. PLoS ONE. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  • Nimmo-Smith, V. et al. (2020). Non-pharmacological interventions for adult ADHD: a systematic review. Psychological Medicine, 50(4). cambridge.org

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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