ADHS-Verdacht: Erste Schritte zur Abklärung

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Vielleicht hast Du bei einem Artikel oder einem Gespräch gedacht: „Das klingt nach mir.“ Oder jemand aus Deinem Umfeld hat Dich auf Deine Unruhe, Dein Chaos oder Deine Vergesslichkeit angesprochen. Ein Verdacht auf ADHS ist noch keine Diagnose, aber ein guter Anlass, genauer hinzuschauen. In diesem Ratgeber findest Du fünf erste Schritte, einen Überblick über mögliche Anlaufstellen in der Schweiz und Hinweise, was Du für die Abklärung mitbringen kannst.

Kurz erklärt: Bei einem ADHS-Verdacht sammelst Du zuerst konkrete Beispiele aus Deinem Alltag und Deiner Kindheit, sprichst dann mit Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder direkt mit einer Fachperson und lässt die Abklärung strukturiert durchführen. Online-Selbsttests geben höchstens eine erste Orientierung. Die Diagnose stellt eine Fachperson nach einem ausführlichen Gespräch, Fragebögen und, wenn möglich, Einschätzungen von nahestehenden Personen.

Schritt 1: Wie beobachte ich mich und sammle Hinweise?

Am hilfreichsten ist es, konkrete Situationen festzuhalten, statt sich auf ein Bauchgefühl zu verlassen. Viele Erwachsene berichten über Jahre hinweg von ähnlichen Schwierigkeiten. Typische Hinweise auf ADHS bei Erwachsenen sind:

  • Konzentrationsprobleme und schnelle Ablenkbarkeit
  • Sprunghafte Gedanken oder Mühe, den Faden zu behalten
  • Aufschieben, auch bei einfachen Aufgaben
  • Impulsives Verhalten, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit
  • Innere Unruhe und das Gefühl, ständig „unter Strom“ zu stehen
  • Anhaltende Überforderung im Alltag, bei Organisation oder Terminen

Ein wichtiges Kriterium ist der Verlauf: ADHS ist eine Entwicklungsstörung. Nach dem Klassifikationssystem DSM-5 müssen einige Symptome schon vor dem zwölften Lebensjahr vorhanden gewesen sein (Kooij et al., 2019). Frage Dich deshalb auch: Wie war das in der Schule? Was haben Eltern oder Lehrpersonen damals zurückgemeldet?

Ein einfaches Tagebuch kann Dir helfen. Notiere ein bis zwei Wochen lang kurz, in welchen Situationen Du an Deine Grenzen kommst, was genau passiert ist und wie Du Dich dabei gefühlt hast. Halte auch fest, was gut klappt. Rückmeldungen von Partnerin, Partner, Freunden oder Familie sind wertvoll, weil andere Dein Verhalten oft anders wahrnehmen als Du selbst.

Eine Therapeutin mit offenem Blick führt ein strukturiertes Anamnesegespräch mit einer Frau. Im Vordergrund ist ein Fragebogen zur Erfassung von ADHS-Symptomen zu sehen. Die Szene vermittelt Vertrauen und Kompetenz.

Was können Online-Selbsttests?

Selbsttests wie die „Adult ADHD Self-Report Scale“ (ASRS) sind Screening-Verfahren. Sie zeigen, ob ein Verdacht plausibel ist, und bilden laut einem Schweizer Übersichtsartikel den Übergang zu einer ausführlichen Diagnostik (Müller et al., 2022). Eine Diagnose ersetzen sie nicht. Mehr dazu findest Du im Ratgeber zum ADHS-Selbsttest für Erwachsene.

Was kann sich ähnlich anfühlen wie ADHS?

Viele Beschwerden, die zu ADHS passen, können auch andere Ursachen haben. Das ist einer der Gründe, warum eine fachliche Abklärung sinnvoll ist. Auch die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass es keinen einzelnen Test für ADHS gibt und dass Schlafstörungen, Angst, Depression oder Lernschwierigkeiten ähnliche Symptome verursachen können.

Was Du bemerkst Mögliche andere Erklärungen
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit Depression, Schlafmangel, Schlafstörungen, Erschöpfung
Innere Unruhe, Gedankenkreisen Angststörung, anhaltender Stress
Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit Affektive Störungen, Persönlichkeitsfaktoren, Belastungsfolgen
Soziale Missverständnisse, Reizüberflutung Autismus-Spektrum, Hochsensibilität

Die Aufstellung ist eine grobe Orientierung. Welche Erklärung zutrifft, kann nur eine Fachperson klären. Oft liegen auch mehrere Dinge gleichzeitig vor. Mehr zur Abgrenzung findest Du in den Ratgebern zu ADHS oder Autismus und zu Neurodivergenz und ADHS.

Schritt 2: Welche Ärztin oder welcher Arzt ist bei ADHS-Verdacht zuständig?

Ein erster Kontakt ist oft die Hausärztin oder der Hausarzt, eine Abklärung erfolgt aber in der Regel bei einer Fachperson für Psychiatrie und Psychotherapie oder bei psychologischen Fachpersonen mit Erfahrung in der Diagnostik. In der Rolle der Hausärzte bei ADHS erfährst Du, wie diese erste Einschätzung aussehen kann. Nimm Deine Notizen mit und beschreibe offen, was Dich beschäftigt.

Eine Psychotherapeutin im Gespräch mit einer Patientin in einer hellen, freundlichen Praxis. Die Therapeutin lächelt einfühlsam, während sie einen diagnostischen Fragebogen durchgeht. Der Fokus liegt auf der professionellen Abklärung eines möglichen ADHS bei Erwachsenen.

Typische Anlaufstellen sind:

  • Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, auch mit Schwerpunkt ADHS
  • Psychologinnen und Psychologen mit Erfahrung in der Diagnostik von Entwicklungsstörungen
  • Kinder- und Jugendpsychiater, wenn der Verdacht eine Jugendliche oder einen Jugendlichen betrifft
  • Spezialisierte Praxen, Ambulatorien oder Kliniken

Fühlst Du Dich nicht ernst genommen, ist das kein Grund aufzugeben. Du darfst eine zweite Meinung einholen oder Dich direkt an eine spezialisierte Stelle wenden.

Schritt 3: Wie plane ich die Abklärung?

Du kannst Dich über die Hausarztpraxis überweisen lassen oder selbst bei einer Fachstelle anfragen. Je nach Angebot und Region unterscheiden sich Abläufe und Wartezeiten. Für die Kostenübernahme durch die Grundversicherung (OKP) gelten Regeln, die vom Angebot abhängen. Bei psychologischer Psychotherapie braucht es zum Beispiel seit dem 1. Juli 2022 eine ärztliche Anordnung (BAG, 2022). Frage vor dem Termin kurz nach, wie die Abrechnung läuft. Eine Übersicht dazu findest Du im Ratgeber zur ADHS-Diagnose in der Schweiz.

Aus der Praxis

Häufig kommen Erwachsene mit einem Gefühl, das sie schwer in Worte fassen: Es läuft nicht rund, obwohl sie sich anstrengen. In der Sprechstunde fragen wir zuerst nach konkreten Situationen, wo es im Alltag hakt, und danach, wie das in Schule und Kindheit war. Konkrete Beispiele helfen uns mehr als ein Etikett, das Du Dir selbst gibst.

Viele unterschätzen, wie wertvoll Kleinigkeiten sind: ein altes Zeugnis, eine Rückmeldung von Eltern oder Geschwistern, Notizen aus dem Alltag. Fehlen solche Unterlagen, ist das kein Hindernis, dann stützen wir uns stärker auf das Gespräch. Wichtig ist uns auch, dass wir andere Ursachen prüfen, etwa Schlafprobleme, Ängste oder eine Depression, und Dich mit Deinen Fragen ernst nehmen.

Schritt 4: Wie bereite ich mich auf die Diagnostik vor?

Eine gute Abklärung besteht aus mehreren Bausteinen, weil die Diagnose laut einem Schweizer Fachartikel immer eine klinische Diagnose ist, bei der alle verfügbaren Informationen zusammengeführt werden (Stieglitz, 2023). Üblich sind:

  • Ausführliches Gespräch (Anamnese): Deine Lebensgeschichte, Schule, Beruf, Beziehungen
  • Strukturiertes Interview und Fragebögen: zum Beispiel das Interview DIVA und Fragebögen wie die Wender-Utah-Rating-Skala zur Kindheit
  • Fremdanamnese: Einschätzungen von Eltern, Partnerin oder Partner oder anderen Bezugspersonen (Kooij et al., 2019)
  • Ausschluss anderer Ursachen: zum Beispiel Depression, Angst, Schlafprobleme oder körperliche Erkrankungen (Müller et al., 2022)

Neuropsychologische Tests können ergänzen, reichen aber allein nicht für eine Diagnose aus (Stieglitz, 2023). Wie viele Termine nötig sind, hängt vom Angebot und von der Komplexität Deines Falls ab.

Das kannst Du mitbringen:

  • Deine Notizen oder das Tagebuch
  • Alte Schulzeugnisse, Berichte oder Rückmeldungen von früher, falls vorhanden
  • Namen von Personen, die Dich aus der Kindheit oder heute gut kennen
  • Eine Liste Deiner aktuellen Medikamente und früherer Behandlungen
  • Fragen, die Du stellen möchtest

Symbolbild für neurologische Diversität: Darstellung eines modellierten Kopfes mit markierten Hirnarealen, häufig verwendet im Kontext von ADHS, Autismus und Neurodivergenz.

Schritt 5: Was passiert nach der Diagnose?

Eine Diagnose sagt nicht, dass Du „krank“ bist, sondern gibt Deinen Schwierigkeiten einen Namen und öffnet den Weg zu passenden Hilfen. Für Erwachsene wird ein mehrteiliges Vorgehen empfohlen: Psychoedukation (also Wissen über ADHS) als erster Schritt, dazu je nach Situation Medikamente, kognitive Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). Ob und welche Medikamente infrage kommen, besprichst Du mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.

Viele Menschen erleben die Diagnose als Entlastung, manche auch als Mischung aus Erleichterung und Trauer über verpasste Jahre. Beides ist normal (Ginapp et al., 2022).

Wann ist ärztliche Abklärung besonders wichtig?

Suche Dir Unterstützung, wenn Deine Beschwerden über längere Zeit bestehen und Arbeit, Beziehungen oder Wohlbefinden deutlich belasten. Das gilt besonders, wenn Du zusätzlich niedergeschlagen bist, starke Ängste hast oder kaum schläfst. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deinen Hausarzt oder Notfalldienst, rufe die 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand.

Was gilt für Frauen mit ADHS-Verdacht?

Wenn Du Dich im Bild vom zappeligen Kind nicht wiedererkennst, heisst das nicht, dass ADHS ausgeschlossen ist. Bei Frauen zeigt sich ADHS häufig leiser und innerlicher. Beschreibe in der Abklärung deshalb auch, wie viel Mehraufwand Du im Alltag betreibst, und welche Behandlungen bisher nicht ausgereicht haben. Mehr dazu im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.

Häufige Fragen zum ADHS-Verdacht

Woran merke ich, dass ein ADHS-Verdacht berechtigt sein könnte?

Hinweise sind Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Impulsivität oder innerer Unruhe, die seit der Kindheit bestehen und in mehreren Lebensbereichen auftreten, etwa im Beruf und privat. Entscheidend ist der Verlauf über Jahre, nicht eine einzelne schwierige Phase. Ob es wirklich ADHS ist, klärt eine Fachperson in einer strukturierten Abklärung.

Reicht ein Online-Selbsttest für eine Diagnose?

Nein. Selbsttests sind Screening-Verfahren und zeigen, ob eine weitere Abklärung sinnvoll sein könnte. Für die Diagnose braucht es ein ausführliches Gespräch, meist ein strukturiertes Interview, Fragebögen und möglichst Informationen aus der Kindheit. Dabei werden auch andere Ursachen wie Depression oder Angst geprüft.

Muss ich zuerst zur Hausärztin oder zum Hausarzt?

Das ist nicht in jedem Fall nötig. Die Hausarztpraxis kennt Deine Vorgeschichte, kann körperliche Ursachen prüfen und Dich bei Bedarf überweisen. Du kannst Dich aber auch direkt bei einer Fachstelle melden. Wichtig ist, vorab die Kostenübernahme zu klären, da diese vom Angebot und von der Art der Leistung abhängt.

Kann ich ADHS auch als Erwachsener noch abklären lassen?

Ja. ADHS wird häufig erst im Erwachsenenalter erkannt, auch weil sich Beschwerden lange hinter anderen Erklärungen verstecken können. Die Abklärung berücksichtigt dabei auch Deine Kindheit, weil einige Symptome früh begonnen haben müssen. Dafür sind Zeugnisse oder die Erinnerung von Angehörigen hilfreich.

Fazit: Der erste Schritt zählt

Ein ADHS-Verdacht kann verunsichern, er kann aber auch Klarheit bringen. Wenn Du Dich in vielen Beschreibungen wiedererkennst, lohnt sich der nächste Schritt: Beobachten, mit einer Fachperson sprechen und strukturiert abklären lassen. Im kostenlosen Erstgespräch mit unserem Beratungsteam kannst Du Deine Fragen besprechen. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Zur Verfügung stehen Standorte in Zürich und Biel sowie die Online-Beratung.

Quellen

  • Kooij JJS et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Zum Artikel
  • Müller TJ et al. (2022): Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter: Neurobiologie, Epidemiologie, Diagnostik und Behandlung. Swiss Medical Forum 22(27-28):439-445. Zum Artikel
  • Stieglitz R-D (2023): Diagnostik und Differenzialdiagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 1/2023. Zum Artikel
  • Ginapp CM et al. (2022): The lived experiences of adults with ADHD: a rapid review of qualitative evidence. Frontiers in Psychiatry 13:949321. Zum Artikel
  • Bundesamt für Gesundheit BAG (2022): Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. Zur Seite
  • Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Diagnosing ADHD. Zur Seite

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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