Multimodale Therapie bei ADHS: Was ist das genau?

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Sein Schwerpunkt ist die medikamentöse ADHS-Behandlung bei Erwachsenen.

Inhaltsverzeichnis

Bei ADHS ist oft von einer „multimodalen Therapie“ die Rede. Gemeint ist, dass nicht eine einzelne Massnahme im Zentrum steht, sondern mehrere Bausteine individuell kombiniert werden. In diesem Ratgeber erfährst Du, aus welchen Bausteinen eine solche Behandlung bestehen kann, wie sie typischerweise abläuft und was in der Schweiz dabei zu beachten ist.

Kurz erklärt: Multimodale Therapie bei ADHS bedeutet, dass pharmakologische, psychologische und weitere Bausteine wie Psychoedukation, Coaching oder Bewegung aufeinander abgestimmt kombiniert werden. Welche Bausteine für Dich passen, hängt vom Schweregrad der Beeinträchtigung, von weiteren Erkrankungen und von Deinen Wünschen ab. Eine ADHS-Diagnose allein ist laut Schweizer Fachliteratur noch keine zwingende Behandlungsindikation.

Was bedeutet multimodale Therapie bei ADHS?

Zwei Frauen führen ein intensives Gespräch in einem hell eingerichteten Raum mit Blumen und Wasser. Die Szene wirkt professionell und einladend.

Multimodal heisst, dass mehrere Behandlungsansätze kombiniert werden, statt nur auf einen zu setzen. Das Swiss Medical Forum beschreibt den Ansatz so: Pharmakologische, psychologische, ergotherapeutische sowie körpertherapeutische Konzepte werden kombiniert. Wie die Behandlung für Erwachsene aussieht, richtet sich laut diesem Artikel nach den S3-Leitlinien, also nach Empfehlungen, die auf Studien und Expertenkonsens beruhen.

Die Kombination hat einen Grund: ADHS betrifft nicht nur die Konzentration, sondern Alltag, Beruf, Beziehungen und das Selbstbild. Je nach Person stehen andere Schwierigkeiten im Vordergrund. Ein einzelner Baustein deckt nicht alles ab.

Aus welchen Bausteinen besteht eine multimodale Therapie?

Typische Bausteine sind Psychoedukation, Psychotherapie, Medikamente, Coaching und Unterstützung im Alltag. Die folgende Übersicht fasst sie zusammen:

Baustein Wofür? Was Du wissen solltest
Psychoedukation ADHS verstehen: Entstehung, Verlauf und Bedeutung für Alltag und Biografie Gilt in Schweizer Übersichten als Grundbaustein jeder Behandlung und wirkt entstigmatisierend
Psychotherapie, vor allem Verhaltenstherapie Strategien für Organisation, Impulse und Gefühle, Umgang mit Begleiterkrankungen Kognitive Verhaltenstherapie hat die meiste Evidenz, auch als Gruppenprogramm (Gruppentherapie für Erwachsene)
Medikamente Entlastung von Kernsymptomen, wenn der Schweregrad es nahelegt Stimulanzien oder Nicht-Stimulanzien, immer ärztlich verordnet und begleitet
Coaching Selbstwirksamkeit, Alltagsthemen, Ziele umsetzen Wird als wertvolle Teileinheit beschrieben, ersetzt keine Therapie
Bewegung, Ergo- und Körpertherapie Selbstregulation, Handlungsplanung, Körperwahrnehmung Regelmässige Bewegung kann Aufmerksamkeit, Stimmung und Impulskontrolle positiv beeinflussen
Austausch und Angehörige Verständnis im Umfeld, Entlastung, gegenseitige Unterstützung Selbsthilfegruppen und Beratung gibt es unter anderem bei elpos

Mehr zu den einzelnen Bausteinen findest Du im Beitrag zu den ADHS-Therapieformen und zur Behandlung ohne Medikamente. Auch Neurofeedback wird diskutiert, ist aber kein gesicherter Standardbaustein. Hilfen im Alltag und Strategien, um stabil zu bleiben, findest Du im Beitrag zur Rückfallprävention.

Warum kombiniert man mehrere Bausteine?

Die Kombination kann die Behandlung wirksamer machen, wie stark der Zusatznutzen langfristig ist, ist aber nicht abschliessend geklärt. Eine Basler Übersicht schreibt, dass sich eine multimodale Therapie mit medikamentöser Unterstützung und kognitiver Verhaltenstherapie als wirksam erwies und dass insbesondere der Zusammenschluss medikamentöser und psychotherapeutischer Ansätze die Behandlungseffekte positiv zu verstärken scheint. Zugleich heisst es dort, die Nachhaltigkeit der Effekte der Psychotherapie müsse wegen unzureichender Studien noch genauer erforscht werden.

Eine Übersicht zu nicht-medikamentösen Verfahren bei Erwachsenen sah die stärkste Evidenz für kognitive Verhaltenstherapie, daneben erste Hinweise für Achtsamkeit und kognitives Training, mit kleinen Stichproben und hohem Verzerrungsrisiko. Eine Meta-Analyse von 2013 betonte, dass für viele nicht-medikamentöse Verfahren stärkere Belege aus verblindeten Bewertungen nötig sind. Für Dich heisst das: Bausteine sollten sorgfältig gewählt und regelmässig überprüft werden, statt möglichst viele auf einmal zu beginnen.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde entwickeln wir den Behandlungsplan gemeinsam mit Dir. Wir fragen zuerst, was Dich im Alltag am meisten einschränkt und was Dir wichtig ist, denn die Reihenfolge der Bausteine hängt vom Einzelfall ab. Oft steht Psychoedukation am Anfang, weil das Verstehen der eigenen ADHS vieles einordnet und entlastet.

Wichtig ist uns, Ziele festzulegen und später gemeinsam zu überprüfen, ob der Plan noch passt. Häufig unterschätzt werden die kleineren Bausteine wie Bewegung, Austausch mit anderen Betroffenen oder Unterstützung im Umfeld, die neben Psychotherapie und Medikation ihren Platz haben können. Auch eine bestehende Begleiterkrankung beziehen wir von Anfang an ein.

Wie läuft eine multimodale Behandlung typischerweise ab?

Im Vordergrund liegt ein Fragebogen mit dem Titel „ADHD Self Test“, im Hintergrund sitzt eine Frau nachdenklich auf einem Stuhl.

Am Anfang steht eine gründliche Diagnostik, danach werden Behandlungsziele und Bausteine gemeinsam festgelegt und regelmässig überprüft. Ein typischer Ablauf:

  1. Diagnostik: Wichtig ist eine präzise Abklärung, denn bei Erwachsenen kommen weitere psychische Erkrankungen häufig vor.
  2. Psychoedukation: Du erfährst, wie ADHS bei Dir wirkt und was Dir im Alltag helfen kann. Auch Angehörige können einbezogen werden.
  3. Ziele festlegen: Ihr formuliert gemeinsam individuelle Ziele, die Ihr Schritt für Schritt angeht. Später wird geprüft, ob sie erreicht wurden. Das gilt laut Swiss Medical Forum als zentraler Teil des Behandlungserfolgs.
  4. Bausteine wählen: Je nach Beeinträchtigung kommen Psychotherapie, Medikamente, Coaching oder weitere Angebote dazu. Die Reihenfolge hängt vom Einzelfall ab.
  5. Verlauf prüfen: Bei längerer Medikation empfehlen Leitlinien nach Angaben Basler Fachautoren einen jährlichen Auslassversuch, um die Indikation zur Fortführung zu überprüfen. Das geschieht geplant und ärztlich begleitet, nie auf eigene Faust.

Die Einnahmetreue ist bei Medikamenten eine bekannte Herausforderung: Die Adhärenz sei trotz guter Wirkung auf Dauer nur gering, schreiben Schweizer Fachautoren. Das unterstreicht, wie wichtig eine gute Begleitung ist.

Wie sieht multimodale Behandlung bei Kindern und Jugendlichen aus?

Auch bei Kindern und Jugendlichen empfehlen Leitlinien die Kombination von Bausteinen, in der Praxis wird sie aber seltener umgesetzt. Eine Auswertung deutscher Krankenkassendaten ergab für das Jahr 2017, dass nur 6.5 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS sowohl Medikamente als auch Psychotherapie erhielten. 36.2 Prozent erhielten nur Medikamente, und für gut die Hälfte war keine Behandlung dokumentiert. Bei zusätzlichen psychischen Diagnosen wurde die Kombination häufiger. Wie bei Erwachsenen werden bei Kindern in der Regel Eltern und Schule einbezogen. Für Fragen zu Deinem Kind wende Dich an die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Deine Kinderärztin oder Deinen Kinderarzt.

Was ist in der Schweiz zu beachten?

Lächelnde junge Frau mit Kopfhörern sitzt am Laptop, Symbolbild für Online-Therapie

Die Grundversicherung vergütet Psychotherapie bei Krankheit, wenn sie von einer berechtigten Ärztin oder einem berechtigten Arzt angeordnet wird. Pro Anordnung sind maximal 15 Sitzungen vorgesehen, ab 30 Sitzungen braucht es eine Genehmigung der Krankenkasse. Das beschreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Wie die Abrechnung in der Praxis abläuft, erklärt der Beitrag zur OKP-Abrechnung bei ADHS.

Andere Bausteine wie Coaching oder Angebote ausserhalb der Psychotherapie werden nicht automatisch von der Grundversicherung übernommen. Kläre das vorher mit Deiner Krankenkasse. Auch der Aufwand ist ein Thema: Mehrere Bausteine brauchen Zeit und Energie. Es hilft, Prioritäten zu setzen und gemeinsam mit Deinem Behandlungsteam zu entscheiden, womit Du beginnst. Digitale Hilfen wie Erinnerungen oder ein Symptomtagebuch können den Alltag erleichtern, sie ergänzen die Behandlung und ersetzen sie nicht.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn Du vermutest, dass hinter Deinen Schwierigkeiten ADHS steckt, wenn eine bestehende Behandlung nicht mehr ausreicht oder wenn Niedergeschlagenheit, Ängste oder Schlafprobleme dazukommen. In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken wende Dich sofort an die Notfallnummer 144 oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine gute erste Anlaufstelle.

Häufige Fragen zur multimodalen Therapie bei ADHS

Muss ich bei multimodaler Therapie Medikamente nehmen?

Nein, nicht automatisch. Laut Schweizer Fachliteratur ist die Diagnose allein noch keine zwingende Behandlungsindikation, die Wahl der Methoden hängt vom Schweregrad der Beeinträchtigung und von weiteren Erkrankungen ab. Ob Medikamente sinnvoll sind, entscheidest Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Ändere oder beende sie nie eigenständig.

Reicht Psychotherapie allein?

Das hängt vom Einzelfall ab. Psychotherapie ist besonders wertvoll, wenn Medikamente nicht ausreichen oder nicht gewünscht sind, wenn Beeinträchtigungen im Alltag bestehen bleiben oder wenn weitere psychische Erkrankungen vorliegen. Ob zusätzliche Bausteine nötig sind, wird gemeinsam überprüft, und die Planung kann sich im Verlauf ändern.

Wie lange dauert eine multimodale Behandlung?

Das ist individuell. Viele Betroffene brauchen eine längere Begleitung, der Umfang kann sich aber im Lauf der Zeit ändern. Wichtig ist, dass Ziele festgelegt und regelmässig überprüft werden. So wird sichtbar, was hilft und was nicht mehr nötig ist. Auch Medikamente werden dabei regelmässig überprüft, nie auf eigene Faust angepasst.

Wer koordiniert die einzelnen Bausteine?

Das übernimmt in der Regel die behandelnde Fachperson. Bei klaroADHS erfolgen Abklärung und Therapie durch Fachärztinnen und Fachärzte. Wichtig ist, dass alle Beteiligten voneinander wissen, damit sich die Bausteine nicht widersprechen. Informiere deshalb auch Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt über Deine Behandlung.

Fazit: Mehrere Bausteine, ein gemeinsamer Plan

Multimodale Therapie heisst, die Behandlung auf Dich zuzuschneiden und Schritt für Schritt zu überprüfen. Nicht alles muss auf einmal geschehen, und nicht jeder Baustein ist für jeden nötig. Wenn Du Dir Unterstützung bei der Einordnung wünschst, steht Dir bei klaroADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich, Biel oder online. Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr dazu findest Du bei unserer ADHS-Therapie.

Quellen

  • Müller, T. J. et al. (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum, 22(27-28), 439-445. smf.swisshealthweb.ch
  • Schneider, M. & Folmert, A. (2023). Pharmakotherapie und Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter. Psychiatrie + Neurologie. rosenfluh.ch
  • Nimmo-Smith, V. et al. (2020). Non-pharmacological interventions for adult ADHD: a systematic review. Psychological Medicine, 50(4). cambridge.org
  • Sonuga-Barke, E. J. S. et al. (2013). Nonpharmacological interventions for ADHD: systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials of dietary and psychological treatments. American Journal of Psychiatry, 170, 275-289. ncbi.nlm.nih.gov
  • Riedel, O. et al. (2021). Prevalence of multimodal treatment in children and adolescents with ADHD in Germany: a nationwide study based on health insurance data. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health. capmh.biomedcentral.com
  • elpos Schweiz: Therapie bei ADHS. elpos.ch
  • Bundesamt für Gesundheit (BAG). Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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