Nach einer ADHS-Diagnose oder bei einem Verdacht taucht schnell die Frage auf: Welche Behandlung ist die richtige? Es gibt nicht die eine beste Therapie, sondern mehrere Bausteine, die sich kombinieren lassen. In diesem Ratgeber vergleichen wir die wichtigsten ADHS-Therapieformen für Erwachsene, ordnen ein, was die Forschung dazu sagt, und geben Dir Fragen mit, die Dir bei der Wahl helfen.
Kurz erklärt: Bei ADHS im Erwachsenenalter wird in der Regel ein multimodales Vorgehen empfohlen: Psychoedukation, Medikamente, kognitive Verhaltenstherapie und Coaching ergänzen sich. Welche Kombination passt, hängt von Deinen Symptomen, Begleiterkrankungen, Zielen und Vorlieben ab. Am besten belegt sind Medikamente und kognitive Verhaltenstherapie, bei Achtsamkeit, Bewegung oder Ernährung ist die Studienlage unsicherer.
Welche ADHS-Therapieformen gibt es im Überblick?
Die wichtigsten Formen sind Psychoedukation, Psychotherapie (vor allem KVT), Gruppenprogramme, Coaching, Medikamente und ergänzende Massnahmen. Die folgende Tabelle zeigt, worum es jeweils geht und wie gut sie untersucht sind.
| Therapieform | Worum geht es? | Studienlage bei Erwachsenen |
|---|---|---|
| Psychoedukation | ADHS verstehen, Strategien kennenlernen | Gilt im europäischen Konsens als Ausgangspunkt der Behandlung (Kooij et al., 2019) |
| Kognitive Verhaltenstherapie | Alltagsstrategien, Gedanken, Gefühle | Besser als Warteliste und aktive Kontrollen (Young et al., 2020) |
| Gruppenprogramme | Üben und Austausch mit anderen Betroffenen | Einzelne gute Studien, insgesamt noch wenige (Halmøy et al., 2022; Skliarova et al., 2024) |
| Coaching | Struktur, Ziele, Selbstmanagement | Vorläufige Evidenz (Kooij et al., 2019) |
| Medikamente | Symptome lindern, Selbststeuerung erleichtern | Moderate bis hohe Effekte auf Kernsymptome (Kooij et al., 2019) |
| Achtsamkeit | Aufmerksamkeit und Gefühle regulieren | Ergänzung, kleinere Effekte gegenüber aktiven Kontrollen (Oliva et al., 2021) |
| Bewegung, Ernährung | Wohlbefinden und Stabilität | Unsicher; Bewegung kurzfristig kleiner Effekt, Omega-3 kleiner Effekt (Dahlberg et al., 2025; Stevenson et al., 2014) |
Was leisten Psychoedukation und Verhaltenstherapie?
Sie bilden meist das Fundament. Psychoedukation vermittelt Wissen über ADHS und kann nach dem europäischen Konsens das Wissen über die Störung und die Qualität von Beziehungen verbessern (Kooij et al., 2019). Darauf baut oft die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) auf, die Planung, Impulssteuerung und Umgang mit Gedanken im Alltag übt. Typische Themen sind Zeitmanagement, Aufschieben, Stress und Selbstkritik. Eine Metaanalyse von neun Studien fand, dass KVT bei Erwachsenen stärker wirkt als Warten auf die Behandlung (SMD 0,76) und auch stärker als aktive Vergleichsbehandlungen (SMD 0,43) (Young et al., 2020).
Die Studienlage ist aber nicht einheitlich. In einer Basler Studie mit 43 Erwachsenen war ein standardisiertes KVT-Programm zusätzlich zur Medikation der üblichen klinischen Betreuung nicht überlegen, die Gruppen waren allerdings klein (Corbisiero et al., 2018). In einer chinesischen Studie mit 98 medikamentös behandelten Erwachsenen brachte zusätzliche Gruppen-KVT dagegen stärkere Verbesserungen als die Medikation allein, auch ein Jahr später (Pan et al., 2024). Mehr dazu im Beitrag Verhaltenstherapie bei ADHS.
In der Schweiz kann Psychotherapie bei ärztlicher Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet werden. Pro Anordnung sind bis zu 15 Sitzungen vorgesehen, nach 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache des Versicherers (BAG).
Wann sind Gruppentherapie und Coaching sinnvoll?
Gruppentherapie

Eine Gruppe passt, wenn Du gern mit anderen übst und Dich austauschen möchtest. Ein Beispiel ist eine norwegische Studie an sieben Kliniken mit 121 Erwachsenen: Ein 14-wöchiges DBT-basiertes Gruppenprogramm verbesserte Kernsymptome, Exekutivfunktionen, Lebensqualität und depressive Symptome stärker als die übliche Behandlung, und die Verbesserungen hielten über sechs Monate an (Halmøy et al., 2022). Eine Übersichtsarbeit zu psychoedukativen Gruppen für Erwachsene mit ADHS fand acht Studien mit Programmen von meist 6 bis 12 wöchentlichen Sitzungen. Die Teilnahme war oft hoch, aber die Zufriedenheit der Teilnehmenden wurde meist nicht erfasst, und die Messungen waren schwer vergleichbar (Skliarova et al., 2024). Auch die UPK Basel bieten Gruppentherapie für ADHS an (UPK Basel). Inhalte und Ablauf beschreibt der Beitrag ADHS-Gruppentherapie für Erwachsene.
Coaching

Coaching eignet sich, wenn Du Dein Problembewusstsein schon hast und gezielt an Alltagsthemen arbeiten willst. Der europäische Konsens beschreibt es als Beziehung, die Struktur, Unterstützung und Rückmeldung für den Aufbau von Alltagsfähigkeiten bietet, mit bisher erst vorläufiger Evidenz (Kooij et al., 2019). Das Swiss Medical Forum bezeichnet Coaching als wertvolle Teileinheit der multimodalen Behandlung, mit Psychoedukation, Bewältigungsstrategien und Hilfen zur Selbstorganisation (Swiss Medical Forum, 2022). Coaching ist keine ärztlich angeordnete Psychotherapie. Kläre deshalb vorab, ob und wie Kosten übernommen werden. Den Unterschied zur Therapie erklärt der Beitrag Coaching bei ADHS.
Welche Rolle haben Medikamente?
Medikamente sind die am besten belegte Einzelmassnahme für die Kernsymptome und gleichzeitig nur eine von mehreren Optionen. Im europäischen Konsens zeigen Amphetamine und Methylphenidat moderate bis hohe klinische Effekte (Kooij et al., 2019). Die Wahl des Präparats, die Dosis und die Kontrollen gehören in ärztliche Hände. In der Schweiz gelten für mehrere ADHS-Medikamente besondere Bedingungen, etwa eine fachärztliche Diagnose und bei Erwachsenen Symptome seit der Kindheit (Compendium.ch). Alle Details stehen im Beitrag ADHS-Medikamente, und wenn Du Medikamente vermeiden möchtest, hilft der Beitrag ADHS ohne Medikamente. Medikamente nimmst Du nie eigenständig ab.
Was bringen Achtsamkeit, Bewegung und Ergotherapie?
Diese Ansätze können Dich ergänzend unterstützen. Eine Metaanalyse fand bei Erwachsenen einen mittleren Effekt achtsamkeitsbasierter Programme gegenüber Wartelisten, gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen waren die Effekte aber deutlich kleiner. Die Autorinnen und Autoren sehen sie deshalb als Ergänzung, nicht als Ersatz (Oliva et al., 2021). Mehr dazu im Beitrag ADHS und Achtsamkeit. Bei Bewegung fand eine Metaanalyse einen kleinen Effekt einzelner Einheiten, für regelmässiges Training war die Wirkung nicht gesichert, bei geringer Studienqualität (Dahlberg et al., 2025). Für Omega-3-Fettsäuren beschreibt eine europäische Übersichtsarbeit Hinweise auf einen kleinen Effekt (Stevenson et al., 2014).
Ergotherapie setzt bei der Alltags- und Handlungskompetenz an, zum Beispiel bei Tagesstruktur und Routinen. Für Erwachsene mit ADHS haben wir dazu keine geprüfte Studie gefunden. Frag Deine Fachperson, ob sie bei Dir sinnvoll sein kann.
Aus der Praxis
Bei der Wahl der Therapie fragen wir zuerst, was im Alltag am meisten belastet und was Dir wichtig ist. Daraus entsteht der Plan, denn nicht jede Kombination passt zu jeder Person. Ein häufiges Missverständnis ist, man müsse sich für einen einzigen Baustein entscheiden. In der Regel ergänzen sich Psychoedukation, Psychotherapie, Coaching und je nach Situation Medikamente. Auch Begleiterkrankungen spielen für die Auswahl eine Rolle. Manche schätzen den Austausch in einer Gruppe, andere bevorzugen Einzelgespräche, beides ist legitim. Wichtig ist uns, den Plan regelmässig zu überprüfen und anzupassen. Bei Angeboten wie Coaching empfehlen wir, vorab zu klären, ob und wie Kosten übernommen werden.
Was ist eine multimodale Therapie, und welche passt zu Dir?
Multimodal heisst Kombination
Multimodal heisst, dass mehrere Bausteine kombiniert werden, abgestimmt auf Dich. Der europäische Konsens empfiehlt für Erwachsene mit ADHS ein multimodales und multidisziplinäres Vorgehen. Er betont auch, dass bei 60 bis 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS weitere psychische Störungen vorliegen, die mitbehandelt werden müssen (Kooij et al., 2019). Das spricht für ein Team aus Ärztinnen, Psychotherapeuten und weiteren Fachpersonen. Wie das konkret aussieht, erklärt der Beitrag Multimodale Therapie bei ADHS.
Welche Kombination zu Dir passt
Es gibt keine allgemeingültige Antwort, aber Fragen, die Dir helfen: Was belastet mich am meisten? Gibt es Begleitprobleme wie Schlaf, Stimmung oder Angst? Möchte ich Medikamente ausprobieren oder lieber nicht? Lerne ich besser allein, mit einer Therapeutin oder in einer Gruppe? Wie viel Zeit und Geld kann ich einsetzen? Die folgende Tabelle gibt eine grobe Orientierung. Sie ersetzt keine fachliche Beratung.
| Ziel | Mögliche Bausteine |
|---|---|
| Alltag strukturieren | Verhaltenstherapie, Coaching, Psychoedukation |
| Symptome im Alltag spürbar dämpfen | Medikamente, kombiniert mit Therapie |
| Austausch mit anderen Betroffenen | Gruppenprogramme, Gesprächsgruppen |
| Gefühle und Stress regulieren | Verhaltenstherapie, Achtsamkeit |
| Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst | Multimodale Therapie mit ärztlicher Begleitung |
| Wenn Du Medikamente vermeiden möchtest | Verhaltenstherapie, Coaching, Lebensstil, in Absprache mit der Ärztin |
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Bevor Du eine Therapie wählst, sollte klar sein, ob und welche Diagnose vorliegt. Das gilt auch, wenn Du Dich über längere Zeit niedergeschlagen, ängstlich oder erschöpft fühlst: Dann braucht es eine ärztliche Einschätzung. Bei Suizidgedanken oder akuten Krisen ruf die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 an oder wende Dich an Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall.
Häufige Fragen zu ADHS-Therapieformen
Welche ADHS-Therapie ist die wirksamste?
Eine einzelne Therapie, die für alle die beste ist, gibt es nicht. Für die Kernsymptome sind Medikamente am besten belegt, kognitive Verhaltenstherapie hat unter den Psychotherapien die beste Evidenz, und der europäische Konsens empfiehlt eine Kombination aus mehreren Bausteinen (Kooij et al., 2019). Was zu Dir passt, hängt von Symptomen, Zielen und Begleitbeschwerden ab.
Kann ich mehrere Therapieformen kombinieren?
Ja, das ist sogar üblich. In einer Studie brachte zusätzliche Gruppen-KVT bei medikamentös behandelten Erwachsenen mit Restbeschwerden stärkere Verbesserungen als Medikation allein (Pan et al., 2024). Wichtig ist, dass die Behandelnden voneinander wissen und die Bausteine aufeinander abgestimmt werden. Sprich offen über alles, was Du ausprobierst.
Muss ich Medikamente nehmen?
Nein. Die Entscheidung triffst Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, nach Abwägen von Nutzen, Nebenwirkungen und Deinen Vorlieben. Auch ohne Medikamente gibt es wirksame Bausteine wie Psychoedukation und KVT, und Ihr könnt Alternativen und Ergänzungen besprechen. Bereits eingenommene Medikamente setzt Du nie allein ab.
Wer bezahlt die Therapie in der Schweiz?
Psychotherapie kann bei ärztlicher Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet werden (BAG). Für ADHS-Medikamente gelten die Regeln der Spezialitätenliste (Compendium.ch). Bei Coaching oder anderen Angeboten kläre vorab, ob und wie Kosten übernommen werden. Beratung bietet etwa elpos kostenlos an (elpos.ch). Frag vor Beginn bei Anbietern und Krankenkasse nach, welche Leistungen übernommen werden.
Fazit
ADHS lässt sich auf verschiedenen Wegen behandeln, und die besten Ergebnisse entstehen meist durch eine passende Kombination. Du musst nicht alles auf einmal anfangen. Ein erster Schritt kann ein Gespräch sein, in dem Deine Ziele und Möglichkeiten geklärt werden. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Therapie.
Quellen
- Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6). journals.sagepub.com
- Corbisiero, S. et al. (2018). Randomisierte Studie zu KVT zusätzlich zur Medikation bei Erwachsenen mit ADHS (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel). Frontiers in Psychiatry, 9, 571. frontiersin.org
- Pan, M. R. et al. (2024). One-year follow-up of the effectiveness and mediators of cognitive behavioural therapy among adults with ADHD: secondary outcomes of a randomised controlled trial. BMC Psychiatry. link.springer.com
- Halmøy, A. et al. (2022). Dialectical behavioral therapy-based group treatment versus treatment as usual for adults with attention-deficit hyperactivity disorder: a multicenter randomized controlled trial. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
- Skliarova, T. et al. (2024). Psychoeducational group interventions for adults diagnosed with attention-deficit/hyperactivity disorder: a scoping review of feasibility, acceptability, and outcome measures. BMC Psychiatry. PMC11191191
- Oliva, F. et al. (2021). The efficacy of mindfulness-based interventions in attention-deficit/hyperactivity disorder beyond core symptoms. Journal of Affective Disorders, 292. sciencedirect.com
- Dahlberg, M. et al. (2025). The effects of physical activity interventions on the core symptoms of ADHD in adults: a systematic review and meta-analysis. Mental Health and Physical Activity, 29. sciencedirect.com
- Stevenson, J. et al. (2014). The role of diet in the treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder: an appraisal of the evidence on efficacy and recommendations on the design of future studies. European ADHD Guidelines Group. acamh.onlinelibrary.wiley.com
- Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. smf.swisshealthweb.ch
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
- Compendium.ch: Concerta und Elvanse (Fachinformation, Limitation). Concerta, Elvanse
- Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). ADHS bei Erwachsenen. upk.ch
- elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch