Eine ADHS-Diagnose bringt oft Erleichterung und zugleich neue Fragen: Wie sieht eine Psychotherapie dabei konkret aus? Wer bezahlt sie? Und wie findest Du in der Schweiz einen Therapieplatz? In diesem Ratgeber erfährst Du, wie Psychotherapie bei ADHS aufgebaut ist, wie der Ablauf in der Schweiz aussieht und was Du zur Kostenübernahme wissen musst.
Kurz erklärt: Psychotherapie bei ADHS bedeutet meist kognitive Verhaltenstherapie: Du übst Alltagsstrategien, arbeitest an hinderlichen Gedanken und stärkst Deine Selbststeuerung. In der Schweiz kann sie über die Grundversicherung abgerechnet werden, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet. Pro Anordnung sind bis zu 15 Sitzungen vorgesehen, nach 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache des Versicherers. Medikamente und andere Bausteine lassen sich mit der Therapie kombinieren.
Was ist Psychotherapie bei ADHS?
Psychotherapie bei ADHS ist ein strukturiertes Gespräch- und Übungsangebot mit einer ausgebildeten Fachperson. Es geht darum, ADHS besser zu verstehen, den Alltag zu organisieren und mit Gefühlen und Stress umzugehen. Das Swiss Medical Forum bezeichnet die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als Psychotherapie mit der meisten Evidenz bei Erwachsenen, in Einzel- oder Gruppensettings (Swiss Medical Forum, 2022). Eine Metaanalyse von neun randomisierten Studien fand, dass KVT bei Erwachsenen ADHS-Symptome stärker verringerte als Warten auf die Behandlung und auch stärker als aktive Vergleichsbehandlungen (Young et al., 2020).

Neben der KVT werden je nach Fachperson weitere Verfahren genutzt. Achtsamkeitsbasierte Programme gelten als Ergänzung: Eine Metaanalyse fand Vorteile gegenüber Wartelisten, aber deutlich kleinere Effekte gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen (Oliva et al., 2021). Für ein DBT-basiertes Gruppenprogramm zeigte eine norwegische Studie mit 121 Erwachsenen bessere Kernsymptome, Exekutivfunktionen und Lebensqualität als bei üblicher Behandlung (Halmøy et al., 2022). Für Schematherapie oder systemische Therapie bei ADHS haben wir keine geprüften Studien gefunden. Einen Überblick über alle Verfahren gibt der Beitrag ADHS-Therapieformen im Vergleich, und mehr zur KVT findest Du unter Verhaltenstherapie bei ADHS.
Wann macht Psychotherapie bei ADHS Sinn?
Sie macht dann Sinn, wenn ADHS Deinen Alltag spürbar belastet oder zusätzliche Probleme dazukommen. Nicht jede Person mit ADHS braucht eine Psychotherapie. Sie kann aber hilfreich sein, wenn:
- Aufschieben, Stress oder Konflikte den Alltag stark beeinträchtigen
- zusätzlich Depression, Angst oder starke Stimmungsschwankungen bestehen
- Medikamente allein nicht ausreichen oder nicht gewünscht sind
- Beruf, Studium oder Partnerschaft darunter leiden
- Du Dich selbst besser verstehen möchtest
Dass Begleitbeschwerden oft eine Rolle spielen, zeigen Zahlen: Laut europäischem Konsens haben 60 bis 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS weitere psychische Störungen (Kooij et al., 2019). Eine Metaanalyse fand, dass KVT bei Erwachsenen mit ADHS Lebensqualität, Emotionsregulation sowie Depressions- und Angstsymptome verbessern kann (López-Pinar et al., 2020). Bei Erwachsenen, die trotz stabiler Medikation noch Beschwerden hatten, brachte eine zusätzliche zwölfwöchige Gruppen-KVT stärkere Verbesserungen als die Medikation allein (Pan et al., 2024).
Wie läuft eine Psychotherapie bei ADHS in der Schweiz ab?

Der Ablauf folgt meist diesen Schritten:
- Ärztliche Anordnung und Vorgespräch: Für die Abrechnung über die Grundversicherung braucht es eine ärztliche Anordnung, am besten vor dem ersten Termin. Im Vorgespräch klärt Ihr, ob die Zusammenarbeit passt und welche Ziele Du hast.
- Abklärung und Planung: Die Fachperson erfasst Deine Lebensgeschichte, Stärken und Schwierigkeiten. Daraus entsteht ein individueller Therapieplan.
- Sitzungen: Du arbeitest in regelmässigen Terminen an Deinen Zielen, mit Übungen für den Alltag zwischen den Sitzungen. Wie häufig und wie lange, legt Ihr gemeinsam fest. In Studien kamen zum Beispiel strukturierte Programme über zwölf Wochen zum Einsatz (Pan et al., 2024).
- Zwischenbilanz: Ihr prüft regelmässig, ob die Therapie hilft, und passt den Plan an. Bei Medikamenten stimmt sich die Therapeutin oder der Therapeut mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt ab.
- Abschluss und Nachsorge: Gegen Ende besprecht Ihr, wie Du Stabilität in belastenden Phasen schützt und wann eine Auffrischung sinnvoll sein kann.
Aus der Praxis
Zum Einstieg klären wir, ob die Anordnung vorliegt und ob die Zusammenarbeit passt. Dabei besprechen wir Deine Ziele. In den ersten Sitzungen geht es häufig um die Lebensgeschichte, Stärken und Schwierigkeiten, und darum, was im Alltag am meisten Mühe macht, etwa Aufschieben, Stress oder Konflikte. Viele unterschätzen, wie wichtig die Chemie zwischen Therapeutin oder Therapeut und Dir ist. Du darfst nachfragen, wie die Arbeitsweise aussieht, und auch wechseln, wenn es nicht passt. Wenn Medikamente Teil der Behandlung sind, stimmen sich Therapie und ärztliche Behandlung ab, damit niemand aneinander vorbei arbeitet. Der Plan wird regelmässig überprüft und angepasst.
Wer bezahlt die Psychotherapie bei ADHS?
Seit dem 1. Juli 2022 kann psychologische Psychotherapie über die obligatorische Krankenversicherung abgerechnet werden, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet (BAG). Die wichtigsten Regeln fasst die Tabelle zusammen.
| Thema | Regel laut BAG |
|---|---|
| Wer darf anordnen? | Ärztinnen und Ärzte mit Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin, Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie oder dem Schwerpunkt Psychosomatische und psychosoziale Medizin |
| Wie viele Sitzungen pro Anordnung? | Höchstens 15. Für weitere 15 Sitzungen tauschen sich Ärztin und Therapeut aus. |
| Nach 30 Sitzungen | Der Versicherer muss vor einer Fortsetzung eine Kostengutsprache erteilen. |
| Krisen und Kurztherapien | Alle Ärztinnen und Ärzte mit Weiterbildungstitel können einmalig bis zu 10 Sitzungen anordnen. |
| Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten | Kantonale Berufsausübungsbewilligung, anerkannter Weiterbildungstitel und mindestens 3 Jahre psychotherapeutische Erfahrung |
Wie viel Du selbst trägst, hängt von Deiner Franchise und Deinem Selbstbehalt ab. Frag zur Sicherheit vor Beginn bei Deiner Krankenkasse nach. Mehr zu den Regeln findest Du in den Beiträgen Überweisung zur Psychotherapie und Psychotherapie in der Schweiz: Was wird bezahlt?.
Angebote wie Coaching sind keine ärztlich angeordnete Psychotherapie. Kläre bei solchen Angeboten vorab, ob und wie Kosten übernommen werden.
Wie findest Du einen passenden Therapieplatz?
Der erste Anlaufpunkt ist oft die Hausärztin oder der Hausarzt, der die Anordnung ausstellen kann. Weitere Wege sind Fachstellen für ADHS bei Erwachsenen, etwa Psychiatrische Kliniken, und Beratungsstellen wie elpos, die eine kostenlose, vertrauliche Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall anbieten (elpos.ch). Bei einzelnen Stellen können Wartezeiten von mehreren Monaten vorkommen (UPK Basel). Wie lange es bei Dir dauert, hängt von Region und Angebot ab, versprechen können wir hier nichts.
Beim ersten Kontakt kannst Du folgende Fragen stellen:
- Hast Du Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen?
- Kann die Therapie über die Grundversicherung abgerechnet werden, und brauche ich dafür eine Anordnung?
- Wie läuft die Zusammenarbeit mit meiner Hausärztin oder dem Psychiater ab?
- Gibt es Einzel- und Gruppenangebote, und sind auch Sitzungen per Video möglich?
Wichtig ist auch, dass die Chemie stimmt. Du darfst nachfragen, wie die Arbeitsweise aussieht, und auch wechseln, wenn es nicht passt. Eine multimodale Begleitung mit mehreren Fachpersonen beschreibt der Beitrag Multimodale Therapie bei ADHS.
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Du vermutest, dass hinter Deinen Beschwerden ADHS steckt, ist zuerst eine ärztliche oder psychologische Abklärung sinnvoll, bevor Du eine Therapie planst. Dasselbe gilt bei anhaltender Niedergeschlagenheit, Ängsten oder Erschöpfung. Bei Suizidgedanken oder akuten Krisen ruf die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 an oder wende Dich an Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall.
Häufige Fragen zur Psychotherapie bei ADHS
Wie viele Sitzungen übernimmt die Krankenkasse?
Pro ärztlicher Anordnung sind höchstens 15 Sitzungen vorgesehen. Für weitere 15 Sitzungen tauschen sich Ärztin oder Arzt und Therapeut aus. Vor einer Fortsetzung nach 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache des Versicherers. Bei Krisen und Kurztherapien kann jede Ärztin oder jeder Arzt mit Weiterbildungstitel einmalig bis zu 10 Sitzungen anordnen (BAG).
Kann ich Psychotherapie und Medikamente kombinieren?
Ja, das ist üblich. Der europäische Konsens empfiehlt für Erwachsene ein multimodales Vorgehen mit Psychoedukation, Medikation, KVT und Coaching (Kooij et al., 2019). In einer Studie brachte zusätzliche Gruppen-KVT bei medikamentös behandelten Erwachsenen stärkere Verbesserungen als die Medikation allein (Pan et al., 2024). Welche Kombination für Dich passt, besprichst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Brauche ich eine ADHS-Diagnose, um eine Psychotherapie zu machen?
Für die Abrechnung über die Grundversicherung braucht es eine ärztliche Anordnung (BAG). Ob ADHS vorliegt, klärt eine strukturierte Abklärung mit klinischen Interviews sowie Eigen- und Fremdanamnese (Swiss Medical Forum, 2022). Eine Therapie kann auch bei Begleitbeschwerden wie Stress, Depression oder Angst sinnvoll sein. Das besprichst Du mit der anordnenden Ärztin oder dem Arzt.
Was unterscheidet Psychotherapie von Coaching?
Psychotherapie wird von zugelassenen Fachpersonen durchgeführt und kann bei ärztlicher Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet werden. Coaching ist eher lösungsorientiert und trainiert Alltagsfähigkeiten, die Evidenz dazu ist bisher vorläufig (Kooij et al., 2019). Coaching kann Psychotherapie ergänzen, ersetzt sie aber nicht.
Fazit
Psychotherapie, vor allem KVT, ist ein gut untersuchter Baustein der ADHS-Behandlung. In der Schweiz kann sie über die Grundversicherung laufen, wenn sie ärztlich angeordnet wird. Wenn Du nicht sicher bist, ob und welche Therapie für Dich passt, kannst Du das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam nutzen, mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Therapie.
Quellen
- Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. smf.swisshealthweb.ch
- Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6). journals.sagepub.com
- Oliva, F. et al. (2021). The efficacy of mindfulness-based interventions in attention-deficit/hyperactivity disorder beyond core symptoms. Journal of Affective Disorders, 292. sciencedirect.com
- Halmøy, A. et al. (2022). Dialectical behavioral therapy-based group treatment versus treatment as usual for adults with attention-deficit hyperactivity disorder: a multicenter randomized controlled trial. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
- Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- López-Pinar, C. et al. (2020). Efficacy of nonpharmacological treatments on comorbid internalizing symptoms of adults with ADHD: a meta-analytic review. Journal of Attention Disorders, 24(3). journals.sagepub.com
- Pan, M. R. et al. (2024). One-year follow-up of the effectiveness and mediators of cognitive behavioural therapy among adults with ADHD: secondary outcomes of a randomised controlled trial. BMC Psychiatry. link.springer.com
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
- Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). ADHS bei Erwachsenen. upk.ch
- elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch