Viele Menschen mit ADHS landen zuerst in der Hausarztpraxis, oft ohne an ADHS zu denken. Sie kommen wegen Schlafproblemen, Erschöpfung, Stress oder weil sie sich im Alltag ständig überfordert fühlen. In diesem Ratgeber erfährst Du, welche Rolle Hausärztinnen und Hausärzte in der Schweiz bei ADHS spielen, was sie leisten können und wann eine Fachstelle gefragt ist.
Kurz erklärt: Hausärztinnen und Hausärzte sind in der Schweiz häufig die erste Anlaufstelle bei Verdacht auf ADHS: Sie hören zu, ordnen Beschwerden ein, weisen an eine Fachstelle zu und begleiten die Gesundheit insgesamt. Die eigentliche ADHS-Diagnose braucht aber eine strukturierte Abklärung durch eine erfahrene Fachperson, meist in Psychiatrie oder Psychotherapie. Eine ärztliche Anordnung durch den Hausarzt kann zudem die Tür zu einer Psychotherapie über die Grundversicherung öffnen.
Welche Rolle spielen Hausärzte bei ADHS?
Sie sind meist der erste Kontakt, begleiten Dich langfristig und koordinieren zwischen den Fachpersonen. Das ist ihre Stärke: Sie kennen Deine Krankengeschichte, Deine Lebenssituation und oft auch Deine anderen Beschwerden. Für ADHS sind das typischerweise folgende Aufgaben:
- Zuhören und einordnen: Du schilderst, was Dich belastet, und gemeinsam wird geklärt, ob andere Ursachen wie Schlafmangel, Stress oder eine Depression eine Rolle spielen können.
- Zuweisen: Bei einem Verdacht auf ADHS überweist Dich Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt an eine Fachstelle für die Abklärung. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel verlangen für ihre ADHS-Abklärung bei Erwachsenen zum Beispiel eine Zuweisung durch Hausärztin, Psychotherapeut oder Psychiater (UPK Basel).
- Psychotherapie anordnen: Seit dem 1. Juli 2022 können Ärztinnen und Ärzte mit dem Titel Allgemeine Innere Medizin psychologische Psychotherapie anordnen, damit sie über die Grundversicherung abgerechnet werden kann (BAG).
- Begleiten: Auch nach der Diagnose bleibt die Hausarztpraxis eine Ansprechstelle, etwa für Schlaf, Blutdruck, Begleiterkrankungen und Abstimmung zwischen den Behandelnden.

Wie viel davon in Deiner Hausarztpraxis möglich ist, ist verschieden. Manche Praxen kennen sich mit ADHS bei Erwachsenen gut aus, andere weniger. Das ist kein Vorwurf, sondern ein Grund, das Thema offen anzusprechen.
Kann mein Hausarzt ADHS diagnostizieren?
Eine erste Einschätzung ist möglich, die vollständige Diagnose braucht in der Regel eine Fachperson. Das Swiss Medical Forum beschreibt die Diagnostik bei Erwachsenen als mehrstufigen Prozess: Screening-Fragebögen liefern erste Eindrücke, danach folgen die Erfassung der Kindheitssymptome, strukturierte klinische Interviews und der Ausschluss anderer Störungen. Die Diagnose stellt eine erfahrene klinische Fachperson auf Basis von Eigen- und Fremdanamnese (Swiss Medical Forum, 2022). Auch der europäische Konsens zur ADHS bei Erwachsenen sieht halbstrukturierte klinische Interviews durch Psychiaterinnen und Psychiater oder auf Entwicklungsstörungen geschulte Fachpersonen vor (Kooij et al., 2019).
Dazu kommen Regeln bei den Medikamenten. Für mehrere Präparate nennt die Spezialitätenliste im Schweizer Arzneimittel-Kompendium Bedingungen: Bei Elvanse und bei Atomoxetin müssen Diagnose und erste Verordnung durch Fachärzte erfolgen, bei Concerta muss die Diagnose von einer Fachärztin oder einem Facharzt gestellt werden, und bei Erwachsenen müssen die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben (Compendium.ch).
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass über andere Modelle nachgedacht wird. Ein Kurzbericht aus einer US-amerikanischen Hausarztklinik beschreibt eine Pilotgruppe von 48 Erwachsenen: 80 Prozent erhielten die ADHS-Diagnose, komplexere Fälle (12 Prozent) wurden an die Psychiatrie weitergeleitet, und die Zeit bis zur Diagnose war kürzer als die lokalen Wartezeiten von 20 bis 56 Wochen (Heltemes et al., 2024). Das ist ein kleines Pilotprojekt mit einem anderen Gesundheitssystem, es lässt sich nicht auf die Schweiz übertragen.
| Aufgabe | Hausarztpraxis | Fachstelle (Psychiatrie, Psychotherapie) |
|---|---|---|
| Erstgespräch zu Beschwerden | häufig erster Kontakt | nach Zuweisung |
| ADHS-Diagnose | erste Einschätzung, Zuweisung | strukturierte Abklärung mit Interviews und Anamnese |
| Psychotherapie über die Grundversicherung | kann anordnen (Allgemeine Innere Medizin) | kann anordnen (Psychiatrie und Psychotherapie) |
| Medikamente | Absprache mit der Fachperson | Diagnose und erste Verordnung bei mehreren Präparaten nötig |
| Begleiterkrankungen, Schlaf, allgemeine Gesundheit | wichtige Ansprechstelle | je nach Behandlungsplan |
Warum wird ADHS im Alltag manchmal übersehen?
Weil sich die Symptome mit anderen Beschwerden überschneiden und Erwachsene oft mit Folgeproblemen kommen. Ein europäisches Konsens-Papier hält fest, dass 60 bis 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS zusätzliche psychische Störungen haben, die ebenfalls erkannt und behandelt werden müssen (Kooij et al., 2019). Wenn jemand wegen Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Ängsten kommt, steht deshalb zunächst die Behandlung dieser Beschwerden im Vordergrund. Mehr zu diesen Überschneidungen findest Du im Beitrag zu Alltag mit ADHS.
Auch die Fachwelt weiss, dass die Abklärung anspruchsvoll ist. In einer Befragung von Schweizer Kinderärztinnen und Kinderärzten nannten die Befragten die Subjektivität der Diagnosekriterien als Herausforderung, dazu die geringe Verfügbarkeit von Psychotherapie und eine schwache Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen (Zysset et al., 2023). Die Studie betrifft Kinder und Jugendliche, die genannten Hürden dürften aber auch bei Erwachsenen eine Rolle spielen.
Bei manchen Menschen kommt eine persönliche Schwelle dazu. Männer suchen zum Beispiel oft später Hilfe, wie der Beitrag Warum Männer seltener Therapie suchen beschreibt. Und wer befürchtet, nicht ernst genommen zu werden, findet im Beitrag Stigma rund um ADHS Hintergründe dazu.
Aus der Praxis
Für uns ist eine Zuweisung am hilfreichsten, wenn sie das Beschwerdebild und seinen Verlauf kurz beschreibt, dazu Vorbefunde, aktuelle Medikamente und Hinweise auf Schlaf, Stimmung und Substanzgebrauch. Häufig kommen Betroffene zuerst mit Erschöpfung, Stress oder Schlafproblemen in die Hausarztpraxis und denken gar nicht an ADHS. Für die Abklärung ist wichtig, ob die Schwierigkeiten schon in der Kindheit bestanden. Alte Zeugnisse oder frühere Berichte können dabei viel beitragen. Nach der Diagnose bleibt die Hausarztpraxis eine wichtige Ansprechstelle, etwa für Begleiterkrankungen und die allgemeine Gesundheit. Wir stimmen uns bei Bedarf ab, damit alle Beteiligten vom gleichen Plan ausgehen.
Wie bereitest Du Dich auf das Gespräch bei der Hausärztin oder beim Hausarzt vor?
Je konkreter Du Deine Beobachtungen schilderst, desto leichter fällt die Einordnung. Folgende Vorbereitung kann helfen:
- Beispiele sammeln: Schreib Dir drei bis fünf konkrete Situationen auf, in denen Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulsivität Probleme machen, zum Beispiel verpasste Termine, liegen gebliebene Aufgaben oder Konflikte im Team.
- Rückblick auf die Kindheit: Hast Du Schulzeugnisse, Berichte oder Erinnerungen, die zeigen, dass die Schwierigkeiten schon früh da waren? Für die Diagnose bei Erwachsenen ist das wichtig.
- Schlaf, Stimmung, Stress: Erwähne auch, wie Du schläfst und wie Deine Stimmung ist. So kann Deine Ärztin oder Dein Arzt Begleiterkrankungen mitdenken.
- Medikamente und Substanzen: Nenne alle Medikamente, die Du nimmst, und auch Alkohol, Cannabis oder andere Substanzen. Das ist wichtig für die Sicherheit einer späteren Behandlung.
- Eine vertraute Person mitnehmen: Angehörige können Beobachtungen ergänzen. Hinweise für sie findest Du im Beitrag Wie Angehörige unterstützen können.
Ein Selbsttest oder ein Artikel wie dieser ersetzen die Abklärung nicht, sie können aber das Gespräch erleichtern.
Wie läuft die Überweisung an eine Fachstelle ab?
Meist weist die Hausärztin oder der Hausarzt Dich an eine Psychiaterin, einen Psychiater oder eine spezialisierte Stelle zu, die die Abklärung durchführt. Dort wird die Diagnostik im Detail gemacht, und danach wird mit Dir ein Behandlungsplan besprochen. Bei einzelnen Stellen sind Wartezeiten von mehreren Monaten möglich (UPK Basel). Wie lange es bei Dir dauert, hängt von der Region ab. Du kannst die Hausarztpraxis bitten, Dir mehrere Anlaufstellen zu nennen, und beim ersten Kontakt direkt nach der Wartezeit fragen. Wie wir bei klaro arbeiten und was Du von der Abklärung erwarten kannst, beschreibt der Beitrag Warum wir bei klaro anders arbeiten.
Gut zu wissen: Wenn Du bereits eine Psychotherapie machst oder machen möchtest, kann die Hausärztin oder der Hausarzt diese anordnen. Pro Anordnung sind höchstens 15 Sitzungen vorgesehen. Danach tauschen sich Ärztin und Therapeut aus, um weitere Sitzungen anzuordnen, und nach 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache des Versicherers (BAG).

Was macht die Hausarztpraxis nach der Diagnose?
Sie bleibt eine wichtige Begleiterin für Deine Gesundheit insgesamt. Wenn Du ADHS-Medikamente nimmst, spielt Deine körperliche Gesundheit eine Rolle: Das Kompendium nennt bei Ritalin und Elvanse unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Glaukom als Kontraindikationen, bei Elvanse zusätzlich Bluthochdruck sowie Hinweise auf Ohnmacht und Veränderungen im Herz-EKG (Compendium.ch). Zudem können Stimulanzien am Abend den Schlaf stören (Swiss Medical Forum, 2022). Ob und wie die Hausarztpraxis Kontrollen übernimmt, solltest Du mit Deiner behandelnden Fachperson und Deiner Hausärztin besprechen. Änderungen an Deinen Medikamenten nimmst Du nie allein vor.
Auch die Begleitung im Alltag gehört dazu: Wie läuft es bei der Arbeit, im Schlaf, in Beziehungen? Hausärztinnen und Hausärzte sehen Betroffene oft über Jahre und merken, wenn sich etwas verändert. Wie sich ein später Zugang zur Diagnose anfühlen kann, zeigen die Erfahrungsberichte zur ADHS-Diagnose mit 40. Zu gesellschaftlichen Fragen rund um ADHS lohnt sich ein Blick in den Beitrag ADHS und die Schweizer Gesellschaft.
Wann solltest Du nicht warten?
Bei akuten Krisen musst Du nicht auf einen Termin warten. Wenn Du Suizidgedanken hast oder Dich akut gefährdet fühlst, wähle die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 oder suche Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall auf. Auch bei starker Erschöpfung, anhaltender Niedergeschlagenheit oder wenn Du Dich im Alltag nicht mehr zurechtfindest, ist ein Gespräch bei der Hausärztin oder beim Hausarzt ein guter erster Schritt.
Häufige Fragen zu Hausärzten und ADHS
Brauche ich eine Überweisung für die ADHS-Abklärung?
Das hängt von der Stelle ab. Die UPK Basel verlangt für die Abklärung bei Erwachsenen eine Zuweisung durch Hausarzt, Psychotherapeutin oder Psychiater. Andere Anbieter handhaben das anders. Frag vor der Anmeldung bei der Stelle nach, ob eine Zuweisung nötig ist, und bring die wichtigsten Unterlagen mit. Deine Hausarztpraxis kann Dir dabei helfen.
Kann mein Hausarzt ADHS-Medikamente verschreiben?
Das hängt vom Präparat und von den Regeln der Spezialitätenliste ab. Bei mehreren ADHS-Medikamenten verlangt das Kompendium, dass Diagnose und erste Verordnung durch Fachärzte erfolgen (Compendium.ch). Wer die Folgerezepte ausstellt, besprechen Hausärztin und Fachperson miteinander. Nimm Medikamente nie eigenständig ein oder ab, sondern kläre jede Frage mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Kann mein Hausarzt eine Psychotherapie anordnen?
Ja, wenn er oder sie den Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin hat. Pro Anordnung sind bis zu 15 Sitzungen möglich. Zudem kann jede Ärztin und jeder Arzt mit Weiterbildungstitel bei Kriseninterventionen oder Kurztherapien einmalig bis zu 10 Sitzungen anordnen (BAG). Ob die Psychotherapie bei Dir sinnvoll ist, klärst Du im Gespräch.
Was kann ich tun, wenn mein Hausarzt ADHS nicht ernst nimmt?
Bleib sachlich und bring konkrete Beispiele mit, wie ADHS Deinen Alltag beeinflusst. Wenn Du Dich trotzdem nicht gehört fühlst, kannst Du eine zweite Meinung einholen oder direkt eine Fachstelle fragen. Die ADHS-Organisation elpos bietet eine kostenlose, vertrauliche Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall an, auch für Menschen, die unsicher sind, wie sie weiter vorgehen (elpos.ch).
Fazit
Hausärztinnen und Hausärzte sind für viele Menschen mit ADHS der erste Schritt: Sie hören zu, ordnen ein, weisen zu und begleiten. Die Diagnose und die Behandlung gehören meist in die Hände einer spezialisierten Fachperson, und eine gute Zusammenarbeit zwischen beiden hilft Dir am meisten. Wenn Du Dir unsicher bist, ob ADHS bei Dir eine Rolle spielt, kannst Du das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam nutzen, es ist kostenlos. Mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Abklärung.
Quellen
- Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum, 22(27-28). smf.swisshealthweb.ch
- Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Zysset, A. et al. (2023). Diagnosis and management of ADHD: a pediatric perspective on practice and challenges in Switzerland. BMC Pediatrics. bmcpediatr.biomedcentral.com
- Heltemes, R. et al. (2024). Adult ADHD diagnosis in a family medicine clinic. Annals of Family Medicine, 22(6), 568. annfammed.org
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
- Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). ADHS bei Erwachsenen. upk.ch
- Compendium.ch: Fachinformationen zu Ritalin, Elvanse, Concerta und Atomoxetin Mepha. Ritalin, Elvanse, Concerta, Atomoxetin
- elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch