ADHS oder Hochsensibilität? Unterschiede klar erklärt

Veröffentlicht am: 27. September 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Du fühlst Dich schnell überfordert, nimmst viele Reize gleichzeitig wahr oder hast das Gefühl, anders zu sein als andere? Dann hast Du Dich vielleicht schon gefragt, ob Du ADHS hast oder hochsensibel bist. Beide Begriffe werden oft verwechselt, dabei sind es unterschiedliche Dinge, die sich im Alltag ähnlich anfühlen können. In diesem Ratgeber findest Du die wichtigsten Unterschiede, die Überschneidungen und Hinweise, wie Du Dich besser einordnen kannst.

Kurz erklärt: ADHS ist eine anerkannte Diagnose aus dem Bereich der Neuroentwicklungsstörungen und geht mit Beeinträchtigungen im Alltag einher. Hochsensibilität (in der Forschung „sensory processing sensitivity“) ist dagegen ein Temperamentsmerkmal und keine Störung. Beides kann zu Reizüberflutung und starken Gefühlen führen, und beides kann zusammen vorkommen. Ob bei Dir ADHS vorliegt, lässt sich nur in einer ärztlichen Abklärung klären, nicht über ein Selbstbild oder einen Online-Test.

Was ist ADHS und was ist Hochsensibilität?

ADHS ist eine Neuroentwicklungsstörung mit Beginn in der Kindheit, Hochsensibilität ein Persönlichkeits- bzw. Temperamentsmerkmal. Die Zuordnung ist wichtig, weil daraus unterschiedliche Konsequenzen folgen: Bei ADHS geht es um eine Diagnose, die behandelt werden kann, bei Hochsensibilität um eine Eigenschaft, mit der man lernen kann, gut umzugehen.

Zu ADHS gehören Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration, Impulsivität, innere oder äussere Unruhe, Mühe bei Planung und Organisation sowie oft emotionale Reizbarkeit. Die Ursachen sind komplex. Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen eine hohe erbliche Komponente (Heritabilität von etwa 74 Prozent), wobei viele Gene mit jeweils kleinen Effekten beteiligt sind (Faraone & Larsson, 2019). Bei einem Teil der Betroffenen bleibt ADHS bis ins Erwachsenenalter bestehen (Kooij et al., 2019).

Eine verschwommene Hand streckt sich durch eine durchscheinende Stoffwand. Das Bild symbolisiert Unsicherheit, Reizüberflutung und das Gefühl, nicht ganz durchzudringen.

Hochsensibilität wird in der Forschung als „sensory processing sensitivity“ (SPS) beschrieben. Gemeint ist eine höhere Empfindlichkeit für Reize aus der Umgebung. Typischerweise werden vier Aspekte genannt: eine tiefere Informationsverarbeitung, eine leichte Überstimulation, eine stärkere emotionale Reaktivität und Empathie sowie eine feinere Wahrnehmung kleiner Veränderungen. Die Fachleute betonen, dass SPS als Temperamentsmerkmal und nicht als Störung verstanden wird. Oft wird geschätzt, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung dieses Merkmal stark ausgeprägt haben. Spätere Analysen mit anderen Methoden kamen auf andere Anteile, die genaue Zahl hängt also davon ab, wie man misst (Greven et al., 2019).

Wo überschneiden sich ADHS und Hochsensibilität?

Sie überschneiden sich vor allem bei der Reizempfindlichkeit, und das ist auch wissenschaftlich gut zu erkennen. In einer Studie mit 274 Studierenden hing eine stärkere Ausprägung von ADHS-Merkmalen deutlich mit grösserer Empfindlichkeit für Sinnesreize zusammen (Panagiotidi et al., 2020). Eine grosse Übersichtsarbeit mit 30 Studien und rund 5400 Teilnehmenden fand bei Menschen mit ADHS deutlich mehr Auffälligkeiten in der Reizverarbeitung als bei Kontrollgruppen, und zwar in verschiedenen Sinnesbereichen (Berührung, Sehen, Hören, Mund). Die Forschenden empfehlen deshalb, die Reizverarbeitung in der ADHS-Abklärung gezielt mitzuerfassen (Jurek et al., 2025).

Auch eine Studie mit 496 Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung fand einen Zusammenhang zwischen SPS und ADHS-Merkmalen, und Erwachsene mit ADHS-Diagnose hatten in allen SPS-Bereichen höhere Werte. Die Autorinnen und Autoren sehen beides trotzdem als unterschiedliche Konzepte (Schippers et al., 2025). Das heisst: Viele Menschen mit ADHS erleben sich als reizempfindlich, aber nicht jeder hochsensible Mensch hat ADHS.

Gemeinsam sind beiden Gruppen oft:

  • schnelle Überforderung durch Lärm, Menschen oder viele Anforderungen
  • intensive Gefühle
  • Erschöpfung und erhöhte Stressanfälligkeit
  • das Gefühl, anders zu sein als andere

Bei hoher Sensibilität zeigte eine Studie ausserdem einen Zusammenhang mit mehr Burnout, Angst, Depression und Stress, auch nach Berücksichtigung von Neurotizismus. Ein solcher Zusammenhang sagt nichts über die Ursache, er zeigt aber, dass hohe Sensibilität im Alltag belasten kann, vor allem in einem fordernden Umfeld (Damatac et al., 2025).

Was unterscheidet ADHS und Hochsensibilität?

Der wichtigste Unterschied: ADHS ist eine Diagnose mit Beeinträchtigung im Alltag, Hochsensibilität eine Eigenschaft ohne Krankheitswert. Im Erleben gibt es weitere typische Unterschiede, die aber nur eine grobe Orientierung sind und eine Abklärung nicht ersetzen.

Bereich ADHS Hochsensibilität
Einordnung Diagnose (Neuroentwicklungsstörung), behandelbar Temperamentsmerkmal, keine Störung
Kernmerkmale Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Unruhe, Mühe mit Planung und Organisation tiefe Verarbeitung, leichte Überstimulation, starke Empathie, feine Wahrnehmung
Umgang mit Reizen Beides kommt vor: Überempfindlichkeit und aktive Reizsuche Reize werden schnell zu viel, Rückzug und Ruhe helfen
Beginn Symptome seit der Kindheit, in mehreren Lebensbereichen Als Temperamentsmerkmal beschrieben, nicht als Erkrankung mit Beginn und Verlauf
Alltag Beeinträchtigung gehört zur Diagnose Kann belasten, muss aber nicht

Ein verbreitetes Missverständnis lautet, Menschen mit ADHS suchten immer Reize und Hochsensible vermieden sie. In der Praxis ist es komplizierter: Die erwähnte Übersichtsarbeit fand bei ADHS gleichzeitig mehr Überempfindlichkeit, mehr Vermeidung von Reizen und mehr Reizsuche (Jurek et al., 2025). Bei ADHS können also Reize schnell zu viel werden und trotzdem Spannung gesucht werden. Das ist kein Widerspruch, sondern kommt bei ADHS vor.

Ein Regenbogenlicht fällt über das Gesicht einer Frau, direkt über das Auge. Das Bild steht für die Vielschichtigkeit von ADHS und Hochsensibilität: bunt, intensiv und oft unsichtbar für andere.

Nützliche Fragen zur Selbstbeobachtung sind zum Beispiel: Hatte ich schon als Kind anhaltende Mühe mit Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulsen, nicht nur mit Lärm und Trubel? Ziehen mich Chaos, Verzettelung und Unpünktlichkeit auch dann in Schwierigkeiten, wenn die Umgebung ruhig ist? Solche Fragen sind ein Anstoss und keine Diagnose. Mehr dazu, was Online-Tests können und was nicht, findest Du im Beitrag zum ADHS-Selbsttest für Erwachsene.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir zuerst nach Deiner Geschichte: Seit wann sind die Schwierigkeiten da, und zeigen sie sich auch dann, wenn die Umgebung ruhig ist? Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Reizempfindlichkeit allein nicht die ganze Erklärung ist. Dann fragen wir genauer nach Aufmerksamkeit, Organisation und Impulsen, nach der Kindheit und nach mehreren Lebensbereichen.

Wichtig ist uns, dass wir auch andere Erklärungen prüfen, etwa Erschöpfung, Ängste, eine Depression oder Autismus. Manche Betroffene unterschätzen, wie sehr Schlafmangel und Stress die Reizempfindlichkeit verstärken. Eine Diagnose ist kein Etikett, sondern der Ausgangspunkt, um gemeinsam zu entscheiden, was Dir wirklich hilft.

Kann ich ADHS und Hochsensibilität gleichzeitig haben?

Ja, beides kann gleichzeitig vorliegen, und die Kombination kann den Alltag besonders fordernd machen. Wer zugleich schnell überreizt ist und Mühe mit Struktur und Impulskontrolle hat, erlebt oft viel Erschöpfung. Das zeigt sich zum Beispiel in den Zusammenhängen zwischen hoher Sensibilität und Stress- oder Angstbeschwerden (Damatac et al., 2025). Die Forschung zur Kombination ist noch jung, und die Zusammenhänge sind statistisch, nicht individuell.

Überschneidungen gibt es auch mit anderen Bildern: Reizempfindlichkeit kommt zum Beispiel auch bei Autismus vor, und Erschöpfung oder Ängste können für sich stehen. In der Fachliteratur wird betont, dass die Bedeutung von SPS für verwandte Störungsbilder noch weiter erforscht werden muss (Greven et al., 2019). Gerade deshalb ist eine sorgfältige ADHS-Diagnostik sinnvoll, die auch andere Erklärungen prüft. Wie sich Neurodivergenz und ADHS einordnen lassen, erklären wir in einem eigenen Beitrag.

Was hilft im Alltag bei Reizüberflutung?

Hilfreich sind vor allem Strategien, die Reize dosieren, Erholung einplanen und Struktur geben. Das gilt ähnlich für ADHS und Hochsensibilität, auch wenn es sich dabei um Alltagsstrategien handelt und nicht um belegte Behandlungen der Hochsensibilität. Mehr dazu findest Du auch in unserem Ratgeber zur Reizüberflutung bei ADHS.

  • Struktur schaffen: Tagespläne, To-do-Listen, feste Schlafenszeiten.
  • Pausen einbauen: bewusste Ruhephasen, bevor es zu viel wird.
  • Bewegung nutzen: Sie hilft vielen beim Abbau von Anspannung.
  • Digitale Reize reduzieren: Bildschirmzeit begrenzen, Benachrichtigungen ausschalten.
  • Reizfilter nutzen: zum Beispiel geräuschreduzierende Kopfhörer, eine Sonnenbrille oder ein ruhiger Arbeitsplatz.
  • Psychoedukation: die eigene Funktionsweise besser verstehen, damit Du früher gegensteuern kannst.

Für Erwachsene mit ADHS gibt es zusätzlich Behandlungen mit belegter Wirkung. Eine Meta-Analyse von 32 Studien fand für kognitive Verhaltenstherapie bei Erwachsenen mit ADHS eine deutliche Verbesserung der Symptome und der Alltagsfunktion im Vorher-nachher-Vergleich, im Vergleich mit Kontrollgruppen fielen die Effekte kleiner aus (Knouse et al., 2017). Ob und welche Medikamente sinnvoll sind, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt. Verändere oder pausiere Medikamente nie auf eigene Faust. Mehr dazu in unserem Überblick zu Symptomen bei Erwachsenen.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung lohnt sich, wenn Du immer wieder an Deine Grenzen kommst, Dich dauerhaft erschöpft fühlst oder Dein Alltag deutlich beeinträchtigt ist. Das gilt besonders, wenn Du unsicher bist, ob ADHS, Hochsensibilität, eine Angststörung, eine Depression oder etwas anderes dahintersteckt. Eine ADHS-Diagnose braucht ein ausführliches Gespräch zu Deiner Geschichte und Deinem heutigen Alltag, bei Bedarf ergänzt durch Fragebögen und Aussagen nahestehender Personen (Kooij et al., 2019).

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, an den Notfall, an den Rettungsdienst (144) oder an die Dargebotene Hand (143, rund um die Uhr).

Häufige Fragen zu ADHS und Hochsensibilität

Ist Hochsensibilität eine Diagnose?

Nein. In der Forschung wird Hochsensibilität als Temperamentsmerkmal beschrieben, nicht als Störung. Sie kann trotzdem belasten, vor allem in einem Umfeld mit viel Lärm, Druck oder Konflikten. Wenn Du darunter leidest, kann eine Fachperson mit Dir klären, ob zusätzlich eine behandelbare Erkrankung wie ADHS, Angst oder Depression vorliegt.

Sind alle Hochsensiblen auch ADHS-betroffen?

Nein. Studien zeigen zwar einen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und Reizempfindlichkeit, aber die beiden Konzepte gelten als unterschiedlich (Schippers et al., 2025). Der Zusammenhang ist nur mässig, viele hochsensible Menschen haben also keine ADHS. Entscheidend sind Beginn in der Kindheit und Beeinträchtigung in mehreren Lebensbereichen.

Können Selbsttests klären, ob ich ADHS oder Hochsensibilität habe?

Nur eingeschränkt. Selbsttests sind Screening-Hilfen und liefern Hinweise, aber keine Diagnose. Für ADHS braucht es eine ärztliche Abklärung mit Gespräch über Kindheit und Alltag. Für Hochsensibilität gibt es zwar Fragebögen aus der Forschung, aber keine medizinische Diagnose, die man stellen könnte.

Warum fühle ich mich bei Lärm und Menschenmengen so schnell erschöpft?

Das kann zu einer erhöhten Reizempfindlichkeit passen, wie sie bei Hochsensibilität und bei ADHS vorkommt. Es kann aber auch mit Stress, Schlafmangel, Angst oder Erschöpfung zusammenhängen. Wenn es Dich im Alltag deutlich einschränkt oder länger anhält, ist ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt sinnvoll.

Fazit: Sich selbst besser verstehen

ADHS und Hochsensibilität sind verschiedene Dinge, die sich ähnlich anfühlen und gemeinsam auftreten können. Wichtig ist, dass Du Deine Wahrnehmung ernst nimmst und Dir erlaubst, Unterstützung zu suchen, egal wie das Ergebnis am Ende heisst. Wenn Du Klarheit möchtest, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein guter erster Schritt. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Diagnostik.

Quellen

  • Faraone, S. V. & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry. nature.com
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. sciencedirect.com
  • Greven, C. U. et al. (2019). Sensory Processing Sensitivity in the context of Environmental Sensitivity: a critical review and development of research agenda. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. sciencedirect.com
  • Panagiotidi, M., Overton, P. & Stafford, T. (2020). The relationship between sensory processing sensitivity and attention deficit hyperactivity disorder traits: a spectrum approach. Psychiatry Research, 293, 113477. eprints.whiterose.ac.uk
  • Jurek, L. et al. (2025). Sensory processing in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder compared with control populations: a systematic review and meta-analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. sensoryproject.org
  • Schippers, L. M., Hoogman, M. & Greven, C. U. (2025). Sensory processing sensitivity and the association with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) traits, and ADHD-related strengths in the general population. Current Research in Behavioral Sciences, 9. sciencedirect.com
  • Damatac, C. G. et al. (2025). Exploring sensory processing sensitivity: relationships with mental and somatic health, interactions with positive and negative environments, and evidence for differential susceptibility. Current Research in Behavioral Sciences, 8. sciencedirect.com
  • Knouse, L. E., Teller, J. & Brooks, M. A. (2017). Meta-analysis of cognitive-behavioral treatments for adult ADHD. Journal of Consulting and Clinical Psychology. PubMed

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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