Durchschlafstörungen bei ADHS: Ursachen & Strategien

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Du schläfst eigentlich ein, aber mitten in der Nacht bist Du plötzlich wach, und der Kopf läuft sofort wieder an. Morgens fühlst Du Dich wie gerädert, obwohl Du genug Stunden im Bett warst. Viele Menschen mit ADHS kennen das. In diesem Ratgeber erfährst Du, welche Ursachen dahinterstecken können, was im Alltag helfen kann und wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist.

Kurz erklärt: Nächtliches Aufwachen und frühes Erwachen kommen bei ADHS häufig vor. Mögliche Ursachen sind Stress und Grübeln, eine verschobene innere Uhr, Medikamente, Begleiterkrankungen wie Angst oder Depression und körperliche Schlafstörungen wie Schlafapnoe. Ein Schlafprotokoll, feste Rhythmen und ein ruhiger Umgang mit Wachphasen können helfen. Halten die Probleme über Wochen an, sollte ärztlich abgeklärt werden, woran es liegt.

Wie häufig sind Durchschlafprobleme bei ADHS?

Häufiger als bei Menschen ohne ADHS, vor allem nach eigenen Angaben. Eine Metaanalyse mit 16 Studien fand bei Kindern mit ADHS mehr nächtliches Erwachen nach Fragebogenangaben und in Messungen mehr Wechsel zwischen den Schlafstadien pro Stunde, ausserdem eine geringere Schlafeffizienz und eine kürzere Gesamtschlafzeit (Cortese et al., 2009). Bei Erwachsenen berichteten Betroffene in sieben von neun Schlafparametern über Auffälligkeiten. Im Schlaflabor zeigten sich dagegen keine klaren Unterschiede, nur Aktivitätsmesser deuteten auf längere Einschlafzeiten und geringere Schlafeffizienz hin (Díaz-Román et al., 2018). Das heisst nicht, dass Du Dir den leichten oder unterbrochenen Schlaf einbildest. Es heisst, dass subjektive Beschwerden ernst genommen und gezielt erfragt werden sollten.

Ein Mann in weissem Hemd liegt erschöpft auf seinem Schreibtisch und hält einen Pappbecher in die Höhe. Neben ihm stehen ein Laptop, ein Handy und Büromaterial.

Was kann hinter nächtlichem Aufwachen stecken?

Meist wirken mehrere Faktoren zusammen. Die folgende Tabelle zeigt typische Auslöser und mögliche Ansatzpunkte.

Mögliche Ursache Woran Du es merken kannst Ansatzpunkt
Stress, Grübeln, innere Anspannung Du wachst auf, und die Gedanken kreisen sofort Abendroutine, Gedanken aufschreiben, Entspannung
Verschobene innere Uhr Spätes Einschlafen, Mühe am Morgen, unregelmässiger Schlaf Feste Aufstehzeit, Morgenlicht, ärztliche Abklärung
ADHS-Medikamente Veränderung des Schlafs nach Beginn oder Umstellung einer Behandlung Einnahmezeit und Präparat ärztlich besprechen
Depression oder Angst Frühes Erwachen, Niedergeschlagenheit, Sorgen, die nachts stärker werden Ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung
Körperliche Schlafstörungen Lautes Schnarchen, Atemaussetzer, Bewegungsdrang in den Beinen Schlafmedizinische Abklärung
Umgebung und Gewohnheiten Licht, Lärm, Hitze, spätes Essen, Alkohol oder Koffein am Abend Schlafumgebung und Abend anpassen

Stress, Grübeln und Reizoffenheit

Viele Menschen mit ADHS beschreiben, dass sie in der Nacht schon durch kleine Reize aufwachen, etwa Geräusche, Licht oder Temperaturwechsel. Auch gedankliche Unruhe kann beim Aufwachen sofort wieder einsetzen. Dazu kommt, dass unregelmässige Schlafzeiten und fehlende Abendroutinen bei ADHS häufiger sind (Wajszilber et al., 2018). Diese Erfahrungen sind gut nachvollziehbar, aber nicht für jede Person gleich ausgeprägt.

Medikamente, Begleiterkrankungen und körperliche Ursachen

ADHS-Medikamente können den Schlaf beeinflussen, bei manchen verschlechtern sie ihn, bei anderen verbessern sie ihn. Mehr dazu findest Du im Artikel zu ADHS-Medikamenten und Schlaf. Auch Depression und Angst können mit Schlafproblemen einhergehen. Und schliesslich können körperliche Schlafstörungen wie Schlafapnoe oder das Restless-Legs-Syndrom den Schlaf zerstückeln. Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS führt Schlafstörungen einschliesslich Schlafapnoe deshalb als mögliche Ursache von Müdigkeit und Unaufmerksamkeit auf (AWMF S3-Leitlinie ADHS). Wer ADHS und eine Schlafstörung hat, braucht oft beides im Blick, denn die Probleme können sich gegenseitig verstärken (Wajszilber et al., 2018).

Der Teufelskreis aus Angst vor der Nacht

Wer mehrere schlechte Nächte hinter sich hat, beginnt oft schon abends zu befürchten, wieder aufzuwachen. Dieser Druck hält wach und macht das Wiedereinschlafen schwerer. Hilfreich ist, die Nacht weniger als Aufgabe zu sehen: Ein unterbrochener Schlaf ist unangenehm, aber Du musst ihn nicht „lösen“.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir bei nächtlichem Aufwachen zuerst, seit wann es besteht und ob es mit einer Veränderung zusammenfällt, etwa einer neuen Medikation, einer belastenden Phase oder einem anderen Alltag. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass mehrere Dinge zusammenspielen: Grübeln, ein unregelmässiger Rhythmus, Koffein oder Alkohol am Abend. Wir fragen auch nach Stimmung und Ängsten, denn frühes Erwachen kann zu einer Depression gehören. Bei lautem Schnarchen, Atemaussetzern oder unruhigen Beinen denken wir an eine körperliche Schlafstörung und veranlassen bei Bedarf eine schlafmedizinische Abklärung. Wichtig ist uns, dass Du nicht nur die Nacht beschreibst, sondern auch, wie Du Dich tagsüber fühlst. Ein Schlafprotokoll macht dieses Gespräch deutlich konkreter.

Was hilft bei Durchschlafproblemen mit ADHS?

Am besten wirkt meist eine Kombination aus Beobachten, festen Abläufen und einem ruhigen Umgang mit Wachphasen. Eine Universallösung gibt es nicht, und Veränderungen brauchen etwas Geduld.

Ein Schlafprotokoll führen

Notiere zwei Wochen lang kurz, wann Du ins Bett gehst, wann und wie oft Du aufwachst, wann Du aufstehst und wie Du Dich morgens fühlst. Ergänze, ob Du Kaffee oder Alkohol getrunken hast und wann Du Medikamente eingenommen hast. So erkennst Du Muster, und Deine Ärztin oder Dein Therapeut hat eine gute Grundlage für ein Gespräch.

Den Abend und die Schlafumgebung anpassen

  • Eine feste Abendroutine: Immer dieselben Schritte signalisieren dem Körper, dass die Nacht beginnt. Ideen findest Du im Artikel zur Schlafroutine bei ADHS.
  • Eher leichtes Abendessen: Schwere, fettige Mahlzeiten spät am Abend belasten manche Menschen. Probiere aus, was Dir bekommt.
  • Sanfte Bewegung am frühen Abend: Ein Spaziergang oder leichtes Dehnen, nichts Anstrengendes kurz vor dem Schlafen.
  • Dunkel, ruhig, gut belüftet: Lichtdichte Vorhänge oder eine Schlafmaske, Ohrstöpsel bei Lärm, kurz lüften vor dem Zubettgehen.
  • Bildschirme am Abend zurückfahren: Inhalte und Benachrichtigungen aktivieren, deshalb lohnt sich ein fester Zeitpunkt, ab dem das Handy weg ist.

Wenn Du nachts aufwachst

  • Greif nicht sofort zum Handy. E-Mails und Nachrichten aktivieren den Kopf.
  • Schreib einen Gedanken, der Dich beschäftigt, kurz auf. Dann ist er „ausgelagert“.
  • Probiere eine ruhige Atem- oder Entspannungsübung, zum Beispiel eine langsame Ausatmung oder eine Muskelentspannung im Liegen.
  • Nimm den Druck raus: Je mehr Du Dich zwingst, wieder einzuschlafen, desto wacher wirst Du. Ruhiges Daliegen ist ebenfalls Erholung.

Eine Frau sitzt am Schreibtisch und hat erschöpft den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, mehrere Kaffeebecher stehen um sie herum. Schlechter Schlaf zeigt sich oft im Berufsalltag.

Was Fachleute zusätzlich anbieten können

Bei ausgeprägten Schlafstörungen empfiehlt die Europäische Insomnie-Leitlinie als Behandlung der ersten Wahl die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I), unabhängig davon, ob zusätzlich eine ADHS besteht (Riemann et al., 2023). In einer kleinen Studie ohne Kontrollgruppe mit 19 Erwachsenen mit ADHS verbesserte ein an ADHS angepasstes Programm die Schlafprobleme. Die Teilnehmenden fanden Lichtexposition und feste Schlafzeiten besonders hilfreich (Jernelöv et al., 2019). Der Befund ist ermutigend, aber noch nicht gesichert.

Bei Melatonin lohnt sich ein genauer Blick: Eine Metaanalyse fand bei Kindern und Jugendlichen mit Neuroentwicklungsstörungen (darunter ADHS), dass Melatonin das Einschlafen und die Gesamtschlafzeit verbessern kann, das nächtliche Aufwachen dagegen nicht (Salanitro et al., 2022). Für Durchschlafprobleme ist Melatonin deshalb nicht automatisch die passende Lösung. In der Schweiz ist es verschreibungspflichtig und gehört in ärztliche Hände. Mehr dazu steht im Artikel zu Melatonin bei ADHS.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Dein Schlaf über mehrere Wochen unterbrochen ist und Du Dich tagsüber erschöpft, unkonzentriert oder gereizt fühlst. Auch bei lautem Schnarchen, Atemaussetzern, Bewegungsdrang in den Beinen, anhaltender Niedergeschlagenheit oder Ängsten solltest Du das ärztlich anschauen lassen. Erste Anlaufstelle ist Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt. Wenn eine körperliche Schlafstörung im Raum steht, kann ein anerkanntes Schlafzentrum die richtige Stelle sein. Eine Liste findest Du bei der Schweizerischen Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie.

Auch intensive Träume können den Schlaf unterbrechen. Wenn Albträume häufig vorkommen, lies unseren Artikel zu Albträumen bei ADHS. Wie Schlafprobleme insgesamt zusammenhängen, erfährst Du unter Schlafprobleme bei ADHS, und Probleme beim Einschlafen behandelt der Artikel zu Einschlafproblemen.

Wenn Du Gedanken hast, Dir etwas anzutun, oder Dich in einer akuten Krise befindest, hol Dir sofort Hilfe: Notruf 144, die Dargebotene Hand unter 143 oder Deine Hausärztin beziehungsweise den ärztlichen Notfall.

Häufige Fragen zu Durchschlafstörungen bei ADHS

Ist kurzes Aufwachen in der Nacht normal?

Kurzes Aufwachen kommt bei vielen Menschen vor und ist für sich genommen kein Problem. Zum Thema wird es, wenn Du danach lange wach liegst, Dich morgens nicht erholt fühlst oder tagsüber stark leidest. Dann lohnt sich ein Schlafprotokoll, und bei anhaltenden Beschwerden ein Gespräch mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Können ADHS-Medikamente das Durchschlafen stören?

Das ist möglich, aber individuell. Eine Metaanalyse bei Kindern und Jugendlichen fand, dass Stimulanzien im Mittel die Einschlafzeit verlängern und die Schlafdauer verkürzen können (Kidwell et al., 2015). Bei manchen wird der Schlaf auch besser, weil der Abend ruhiger ist. Bespreche Auffälligkeiten mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt und ändere nichts selbst.

Hilft Melatonin beim Durchschlafen?

Eher beim Einschlafen als beim Durchschlafen. In einer Metaanalyse verbesserte Melatonin bei Kindern und Jugendlichen mit Neuroentwicklungsstörungen (darunter ADHS) die Einschlafzeit und die Schlafdauer, nicht aber das nächtliche Aufwachen (Salanitro et al., 2022). Ob es bei Dir sinnvoll ist, klärst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Kann zu wenig Schlaf ADHS-Symptome verstärken?

Viele Betroffene erleben das so. Bei Kindern mit ADHS verbesserte ein Schlaftraining die Schlafprobleme und die Stärke der ADHS-Symptome moderat (Hiscock et al., 2015). Für Erwachsene ist die Datenlage vorläufig: Eine zusätzliche Schlafbehandlung verbesserte Schlaf und Erschöpfung, den ADHS-Symptomen nützte sie nicht mehr als die übliche Behandlung (van der Ham et al., 2025).

Fazit: Genau hinschauen statt aushalten

Durchschlafprobleme bei ADHS haben oft mehrere Ursachen. Mit einem Schlafprotokoll, festen Abläufen und einem ruhigen Umgang mit Wachphasen kannst Du viel herausfinden und ausprobieren. Wenn die Nächte über Wochen unruhig bleiben, lohnt sich eine ärztliche Abklärung. Wenn Du Dich fragst, ob hinter Deinen Schlafproblemen eine ADHS stecken könnte, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. Mehr dazu findest Du bei der ADHS-Abklärung und der ADHS-Therapie.

Quellen

  • Cortese, S., Faraone, S. V., Konofal, E. & Lecendreux, M. (2009). Sleep in children with attention-deficit/hyperactivity disorder: meta-analysis of subjective and objective studies. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 48(9), 894-908. sciencedirect.com
  • Díaz-Román, A., Mitchell, R. & Cortese, S. (2018). Sleep in adults with ADHD: systematic review and meta-analysis of subjective and objective studies. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 89, 61-71. sciencedirect.com
  • Wajszilber, D., Santisteban, J. A. & Gruber, R. (2018). Sleep disorders in patients with ADHD: impact and management challenges. Nature and Science of Sleep. dovepress.com
  • Riemann, D. et al. (2023). The European Insomnia Guideline: an update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. Journal of Sleep Research, 32(6). doi.org
  • Jernelöv, S. et al. (2019). Effects and clinical feasibility of a behavioral treatment for sleep problems in adult attention deficit hyperactivity disorder (ADHD): a pragmatic within-group pilot evaluation. BMC Psychiatry. link.springer.com
  • Salanitro, M. et al. (2022). Efficacy on sleep parameters and tolerability of melatonin in individuals with sleep or mental disorders: a systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 139. sciencedirect.com
  • Kidwell, K. M., Van Dyk, T. R., Lundahl, A. & Nelson, T. D. (2015). Stimulant medications and sleep for youth with ADHD: a meta-analysis. Pediatrics, 136(6), 1144-1153. PubMed
  • Hiscock, H. et al. (2015). Impact of a behavioural sleep intervention on symptoms and sleep in children with attention deficit hyperactivity disorder, and parental mental health: randomised controlled trial. BMJ, 350, h68. bmj.com
  • van der Ham, M. et al. (2025). The effects of sleep treatment on symptoms of ADHD, sleep quality, fatigue, and depressive symptoms in adults. Journal of Attention Disorders. journals.sagepub.com
  • AWMF (2018). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Kurzfassung. register.awmf.org
  • Swissmedic: Warnung vor Importen von Melatonin und DHEA durch Privatpersonen. swissmedic.ch
  • Schweizerische Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie (SGSSC): anerkannte Schlafzentren. schlafzentrum.swiss-sleep.ch

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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