Du wachst mitten in der Nacht auf, das Herz rast, und das Gefühl aus dem Traum hängt Dir noch nach. Wenn das öfter vorkommt, fragst Du Dich vielleicht, ob es mit Deiner ADHS zu tun hat. Die Forschung dazu ist noch dünn, aber es gibt Hinweise, die Du kennen darfst, und es gibt Wege, die helfen können. In diesem Ratgeber erfährst Du, was bekannt ist, was dahinterstecken kann und wann Du Dir Unterstützung holen solltest.
Kurz erklärt: Albträume sind intensive, angstbesetzte Träume, die aufwecken. In einer Studie berichteten Erwachsene mit ADHS häufiger über wöchentliche Albträume als eine Vergleichsgruppe, die Gründe sind aber nicht abschliessend geklärt. Helfen können ein regelmässiger Schlaf, weniger Stress am Abend und bei belastenden Albträumen eine gezielte Behandlung wie die Imagery Rehearsal Therapy (Übungsmethode, bei der der Traum umgeschrieben wird). Bei häufigen Albträumen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Was sind Albträume, und wie unterscheiden sie sich vom Nachtschreck?
Ein Albtraum ist ein beängstigender Traum, nach dem Du aufwachst und Dich meist gut an den Inhalt erinnern kannst. Der Nachtschreck ist etwas anderes. Die Unterschiede in Kürze:
| Albtraum | Nachtschreck (Pavor nocturnus) | |
|---|---|---|
| Wann | Meist in der zweiten Nachthälfte, im Traumschlaf | Eher in der ersten Nachthälfte, im Tiefschlaf |
| Beim Aufwachen | Du bist wach, orientiert und erinnerst den Traum | Verwirrt, kaum ansprechbar, oft keine Erinnerung |
| Körper | Herzklopfen, Schwitzen, Anspannung | Schreien oder Aufschrecken, starke Erregung |
Wiederkehrende Albträume mit deutlicher Belastung sind in der Schlafmedizin als „Albtraumstörung“ bekannt (AASM). Albträume sind also mehr als eine Laune des Gehirns, wenn sie Deinen Schlaf und Deinen Alltag beeinträchtigen.
Treten Albträume bei ADHS häufiger auf?
Es gibt Hinweise darauf, aber die Datenlage ist klein. In einer deutschen Studie mit 65 erwachsenen Patientinnen und Patienten mit ADHS berichteten 4,6 Prozent über Albträume einmal pro Woche oder häufiger, in der Vergleichsgruppe, die die deutsche Bevölkerung abbildete, waren es 1,8 Prozent. Dieser Unterschied liess sich nicht allein durch eine höhere Traumerinnerung erklären, und auch zusätzliche psychische Erkrankungen erklärten ihn nicht (Schredl et al., 2017). Die Autoren empfehlen deshalb, Albträume in der ADHS-Diagnostik zu erfragen.
Wichtig ist die Einordnung: Auch bei ADHS sind regelmässige Albträume die Ausnahme, die meisten Betroffenen berichten nicht davon. Schlafprobleme insgesamt sind bei ADHS häufiger. Eine Metaanalyse zu Erwachsenen fand in sieben von neun Selbstauskünften zum Schlaf Auffälligkeiten (Díaz-Román et al., 2018), bei Kindern zeigten sich mehr Einschlafprobleme und Schwierigkeiten beim Zubettgehen (Cortese et al., 2009). Wie die Schlafprobleme zusammenhängen, erfährst Du im Artikel zu Schlafproblemen bei ADHS.

Warum könnten Albträume bei ADHS häufiger sein?
Das ist bisher nicht geklärt. Es gibt mehrere Erklärungsansätze, die sich nicht ausschliessen:
- Unruhiger oder zu kurzer Schlaf: Wenn der Schlaf unregelmässig oder fragmentiert ist, können sich Wachphasen und Träume leichter überschneiden. Unregelmässige Schlafzeiten und fehlende Abendroutinen sind bei ADHS häufiger (Wajszilber et al., 2018). Mehr dazu in den Artikeln zu Einschlafproblemen und Durchschlafstörungen.
- Stress und emotionale Belastung: Viele Betroffene erleben Stress, Überforderung oder Ablehnung im Alltag. Wie sehr sich das in Träumen zeigt, ist individuell. Die Inhalte von Albträumen sind sehr persönlich, belastbare Studien zu „typischen“ Albtraumthemen bei ADHS kennen wir nicht.
- Begleiterkrankungen und Belastungen: Angst, Depression oder belastende Erlebnisse können Albträume auslösen. In der Studie von Schredl und Kollegen erklärten zusätzliche psychische Erkrankungen den Unterschied allerdings nicht allein (Schredl et al., 2017).
- Medikamente und Substanzen: Manche Medikamente und auch Alkohol können Träume und Schlaf beeinflussen. Ob ADHS-Medikamente Albträume auslösen, ist nicht gesichert. Wenn Dir ein Zusammenhang mit einer Einnahme auffällt, sprich es bei der nächsten Gelegenheit an. Mehr zum Thema im Artikel zu ADHS-Medikamenten und Schlaf.
Aus der Praxis
Wir fragen in der Sprechstunde gezielt nach Albträumen, auch weil die Studie dazu rät, sie in der ADHS-Diagnostik zu erfragen. Dabei interessiert uns, wie belastend sie sind, ob sie wiederkehren und ob Du Dich nach dem Aufwachen orientiert fühlst, denn ein Albtraum ist etwas anderes als ein Nachtschreck. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Stress, Ängste, Alkohol oder ein unruhiger Schlaf mitspielen. Auch eine neue Medikation sprechen wir an. Spielen belastende Erlebnisse eine Rolle, gehört das in eine ärztliche oder psychotherapeutische Begleitung, und Du bestimmst, wie viel Du erzählen möchtest. Bei starker Belastung kommen gezielte Verfahren wie die Imagery Rehearsal Therapy infrage, bei Bedarf auch mit schlafmedizinischer Unterstützung.
Was hilft gegen Albträume bei ADHS?
Am besten ist eine Kombination aus guter Schlafbasis, Entlastung am Abend und, wenn die Albträume stark belasten, gezielter Behandlung. Für ADHS gibt es dazu bisher keine eigenen grossen Studien. Die folgenden Ansätze stammen aus der allgemeinen Schlafmedizin.
Die Schlafbasis stärken
Ein regelmässiger Rhythmus, ein ruhiger Abend und eine reizarme Schlafumgebung unterstützen den Schlaf insgesamt. Ideen findest Du in den Artikeln zur Schlafhygiene bei ADHS und zur Schlafroutine bei ADHS. Ob das allein gegen Albträume hilft, ist offen, es kann aber die Grundlage verbessern.
Gedanken und Sorgen auslagern
Wenn Du abends viel grübelst, hilft es manchen, Gedanken, Sorgen und To-dos aufzuschreiben, bevor sie ins Bett gehen. Das ist ein einfacher Versuch, kostet nichts und kann Dir abends etwas Last nehmen.
Imagery Rehearsal Therapy (IRT)
Bei der IRT schreibst Du einen belastenden Traum auf, veränderst ihn zu einer weniger bedrohlichen Version und stellst Dir diese Version am Tag immer wieder vor. Meist geschieht das mit fachlicher Begleitung. Nach Angaben der Amerikanischen Gesellschaft für Schlafmedizin (AASM) ist die IRT bei der Albtraumstörung und bei Albträumen im Zusammenhang mit PTSD hilfreich. Eine Metaanalyse fand bei Albträumen nach Traumata ähnliche Effekte für IRT und für das Medikament Prazosin (Yücel et al., 2020). Eine Studie mit Veteranen mit PTSD zeigte, dass sich Albträume mit einer Therapie verbesserten, die IRT zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie brachte insgesamt aber keinen zusätzlichen Vorteil (Harb et al., 2019). Für ADHS wurde IRT bisher nicht geprüft, Schredl und Kollegen schlagen vor, das zu testen (Schredl et al., 2017). Die Ergebnisse stammen also von anderen Gruppen und lassen sich nicht automatisch übertragen.
Wenn Du nach einem Albtraum aufwachst
- Mach das Licht an oder schau Dich im Raum um, um Dich zu orientieren: Du bist in Sicherheit.
- Atme ruhig und lang aus. Trinke einen Schluck Wasser.
- Schreib den Traum kurz auf, wenn Du magst, und dann wieder weg damit. Wiederkehrende Träume kannst Du in Ruhe tagsüber ansehen.
- Greif nicht zum Handy, sondern wähle etwas Ruhiges, bis Du wieder müde wirst.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Albträume häufig vorkommen, Du Dich vor dem Schlafen davor fürchtest, tagsüber erschöpft bist oder die Albträume nach belastenden Erlebnissen begonnen haben. Dann lohnt sich ein Gespräch mit Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin. Nach Angaben der AASM kann bei wiederkehrenden Albträumen eine Überweisung an ein Schlafzentrum sinnvoll sein. Eine Liste anerkannter Schlafzentren in der Schweiz führt die Schweizerische Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie.
Wenn Du Gedanken hast, Dir etwas anzutun, oder Dich in einer akuten Krise befindest, hol Dir sofort Hilfe: Notruf 144, die Dargebotene Hand unter 143 oder Deine Hausärztin beziehungsweise den ärztlichen Notfall.
Häufige Fragen zu Albträumen bei ADHS
Sind Albträume bei ADHS normal?
Gelegentliche Albträume kommen bei vielen Menschen vor. In einer Studie berichteten Erwachsene mit ADHS etwas häufiger über wöchentliche Albträume als eine Vergleichsgruppe (4,6 gegenüber 1,8 Prozent), doch die Mehrheit war nicht betroffen (Schredl et al., 2017). Wenn Albträume Dich belasten, ist das ein Grund, Hilfe zu suchen, unabhängig davon, wie häufig sie bei anderen vorkommen.
Können ADHS-Medikamente Albträume auslösen?
Das ist nicht gesichert. Manche Menschen beobachten veränderte Träume nach Beginn oder Umstellung einer Behandlung. Notiere in einem Schlaftagebuch, wann Du Dein Medikament nimmst und wann Albträume auftreten, und besprich das mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Ändere nichts auf eigene Faust.
Was ist eine Imagery Rehearsal Therapy?
Eine Methode, bei der Du einen wiederkehrenden Albtraum aufschreibst, ihn in eine weniger bedrohliche Version umschreibst und diese tagsüber in der Vorstellung einübst. Sie gilt laut AASM bei Albtraumstörung als hilfreich (AASM). Die Wirksamkeit bei ADHS ist bisher nicht untersucht.
Können Albträume mit Trauma oder Angst zusammenhängen?
Ja, das ist möglich. Albträume sind ein bekanntes Zeichen bei Belastungsstörungen und können auch bei Angst und Depression auftreten. Wenn Du den Eindruck hast, dass Albträume mit belastenden Erlebnissen zusammenhängen, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung ein sinnvoller Schritt. Du musst das nicht allein tragen.
Fazit: Albträume ernst nehmen, ohne sie zu fürchten
Albträume sind bei ADHS möglicherweise etwas häufiger, bleiben aber für die meisten Betroffenen die Ausnahme. Ein stabiler Schlaf, Entlastung am Abend und bei starker Belastung eine gezielte Behandlung können helfen. Wenn Du Dich fragst, ob hinter Deinen Schlafproblemen eine ADHS stecken könnte oder Du Unterstützung suchst, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. Mehr dazu findest Du bei der ADHS-Abklärung und der ADHS-Therapie.
Quellen
- Schredl, M., Bumb, J. M., Alm, B. & Sobanski, E. (2017). Nightmare frequency in adults with attention-deficit hyperactivity disorder. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience. link.springer.com
- Díaz-Román, A., Mitchell, R. & Cortese, S. (2018). Sleep in adults with ADHD: systematic review and meta-analysis of subjective and objective studies. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 89, 61-71. sciencedirect.com
- Cortese, S., Faraone, S. V., Konofal, E. & Lecendreux, M. (2009). Sleep in children with attention-deficit/hyperactivity disorder: meta-analysis of subjective and objective studies. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 48(9), 894-908. sciencedirect.com
- Wajszilber, D., Santisteban, J. A. & Gruber, R. (2018). Sleep disorders in patients with ADHD: impact and management challenges. Nature and Science of Sleep. dovepress.com
- Yücel, D. E., van Emmerik, A. A. P., Souama, C. & Lancee, J. (2020). Comparative efficacy of imagery rehearsal therapy and prazosin in the treatment of trauma-related nightmares in adults: a meta-analysis of randomized controlled trials. Sleep Medicine Reviews, 50. sciencedirect.com
- Harb, G. C. et al. (2019). Randomized controlled trial of imagery rehearsal for posttraumatic nightmares in combat veterans. Journal of Clinical Sleep Medicine. jcsm.aasm.org
- American Academy of Sleep Medicine (AASM): Treating nightmare disorder in adults. sleepeducation.org
- Schweizerische Gesellschaft für Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie (SGSSC): anerkannte Schlafzentren. schlafzentrum.swiss-sleep.ch