Viele Frauen erkennen sich in der Beschreibung von ADHS wieder und gleichzeitig in der von Autismus. Das ist kein Zufall: Beides sind neurologische Besonderheiten, die sich in manchen Punkten ähneln, und beides kann gemeinsam vorliegen. Bei Frauen werden beide Besonderheiten zudem häufig spät oder gar nicht erkannt. Dieser Beitrag erklärt, wo sich ADHS und Autismus überschneiden, wo sie sich unterscheiden und was das für die Abklärung bedeutet. Den Überblick zum Thema findest Du im Ratgeber ADHS bei Frauen. Der allgemeine Vergleich steht im Beitrag ADHS oder Autismus?.
Kurz erklärt: ADHS und Autismus können gleichzeitig vorliegen. Seit 2013 ist eine kombinierte Diagnose überhaupt möglich. Je nach Studie sind etwa 40 bis 70 Prozent der autistischen Menschen auch von ADHS betroffen, und 20 bis 50 Prozent der Menschen mit ADHS sind autistisch (Craddock, 2024). Bei Frauen verdeckt Masking oft beides. Weil die Beschwerden sich gegenseitig verdecken können, braucht es eine sorgfältige, fachliche Abklärung.
Auf dieser Seite:
- Wie häufig kommen beide zusammen vor?
- Wo sich ADHS und Autismus ähneln
- Wo sie sich unterscheiden
- Masking bei Frauen
- Wenn beides vorliegt
- Was in der Abklärung wichtig ist
- Häufige Fragen
Wie häufig kommen ADHS und Autismus zusammen vor?
Recht häufig. Eine aktuelle Arbeit nennt Schätzungen, nach denen 40 bis 70 Prozent der autistischen Menschen auch ADHS haben und 20 bis 50 Prozent der Menschen mit ADHS auch autistisch sind (Craddock, 2024). Die Spannen sind gross, weil Studien unterschiedlich vorgehen. Früher schlossen die Diagnosekriterien eine gemeinsame Diagnose aus. Erst seit 2013 mit dem DSM-5 ist die Kombination offiziell möglich (Craddock, 2024). Das erklärt, warum viele ältere Frauen bisher nur eine oder gar keine der beiden Diagnosen erhalten haben.
Wo ähneln sich ADHS und Autismus bei Frauen?
In mehreren Alltagsbereichen, vor allem wenn Frauen ihre Schwierigkeiten verbergen. Das ist einer der Gründe, warum die beiden leicht verwechselt werden. Der allgemeine Vergleich für alle Geschlechter steht im Beitrag ADHS oder Autismus?. Hier geht es um den Blick auf Frauen:
- Aufmerksamkeit und Organisation. Schwierigkeiten mit Planung, Prioritäten und Alltagsstruktur kommen bei beiden vor.
- Gefühle. Intensive Gefühle und schnelle Überforderung können bei ADHS wie bei Autismus auftreten, siehe emotionale Dysregulation bei ADHS.
- Reize. Empfindlichkeit für Geräusche, Licht, Berührung oder Menschenmengen wird bei beiden berichtet.
- Soziale Erfahrungen. Missverständnisse, Gefühle des Andersseins und Erschöpfung nach sozialen Situationen kommen bei beiden vor.
- Erschöpfung. Beides kann in Dauerermüdung und Burnout münden, siehe Burnout-Risiko bei ADHS.
Wo unterscheiden sich ADHS und Autismus bei Frauen?
Meist im Kern der Schwierigkeiten und in der Art, wie sie sich zeigen. Die Tabelle fasst typische Tendenzen zusammen. Diese sind keine Regeln, und im Einzelfall kann vieles anders aussehen. Die ausführliche Gegenüberstellung steht im Beitrag ADHS oder Autismus?.
| Bereich | ADHS (Tendenz) | Autismus (Tendenz) |
|---|---|---|
| Kern | Aufmerksamkeit, Selbststeuerung, Impulsivität | Soziale Kommunikation und Interaktion, feste Interessen und Muster |
| Routinen | Routinen fallen schwer, Abwechslung und Neues wirken anziehend | Routinen geben Sicherheit, Veränderungen belasten |
| Soziales | Schwierigkeiten eher durch Ablenkung, Unterbrechen, Impulsivität | Schwierigkeiten eher beim Deuten sozialer Signale und ungeschriebener Regeln |
| Interessen | Wechselnd, oft intensiv, solange sie neu sind | Oft sehr beständig und tief |
| Beginn | Kindheit | Kindheit |
Wenn beides vorliegt, können sich diese Tendenzen im Alltag widersprechen: Zum Beispiel suchst Du Abwechslung und brauchst gleichzeitig feste Abläufe. Das wird oft als anstrengend beschrieben und trägt dazu bei, dass die Einordnung schwer fällt.
Warum verdeckt Masking bei Frauen oft beides?
Weil Frauen sich häufiger anpassen, um sozial nicht aufzufallen. Masking bedeutet, neurotypisches Verhalten nachzuahmen oder neurodivergente Verhaltensweisen zu verbergen, damit man sozial als „normal“ wahrgenommen wird. In der Forschung wird beschrieben, dass Mädchen mit ADHS wirksamer maskieren als Jungen, wodurch eine Diagnose weniger wahrscheinlich wird (Craddock, 2024). Auch bei ADHS allgemein können Perfektionismus, Überanpassung und viel Mehraufwand die Beschwerden verdecken (Young et al., 2020). Mehr dazu im Beitrag Späte ADHS-Diagnose bei Frauen.
Das Ergebnis ist häufig ein Weg über mehrere Fehldiagnosen: Frauen werden zunächst wegen Depression, Angst oder Burnout behandelt, bevor ADHS oder Autismus erkannt werden. In einer qualitativen Studie mit sechs Frauen, die im Erwachsenenalter eine kombinierte Diagnose erhielten, spielten Masking und Fehldiagnosen eine zentrale Rolle (Craddock, 2024). Mit nur sechs Frauen lässt sich daraus nichts verallgemeinern, aber die Erfahrungen decken sich mit den übrigen Befunden zur späten Diagnose bei Frauen.
Wie ist das, wenn beides vorliegt?
Oft wird die Diagnose als Erklärung erlebt: Vieles, was lange widersprüchlich wirkte, ergibt plötzlich Sinn. Das gilt gerade für Frauen, die jahrelang hohe Anforderungen an sich selbst hatten. Praktisch bedeutet das auch: Ein Hilfsmittel, das bei ADHS hilft, etwa viele Erinnerungen und wechselnde Abläufe, passt bei Autismus nicht unbedingt und umgekehrt. Deshalb ist es sinnvoll, die Behandlung und die Alltagsstrategien an beide Besonderheiten anzupassen. Welche Wege es gibt, besprichst Du mit Deiner Fachperson. Einen Überblick zur Behandlung gibt die Seite zur ADHS-Therapie.
Was ist in der Abklärung wichtig, wenn Du an beides denkst?
Dass Du es offen ansprichst. ADHS und Autismus werden in getrennten Abklärungen geprüft, denn beide haben eigene Kriterien und Verfahren. So kannst Du Dich vorbereiten:
- Schreibe auf, welche Merkmale Dir bei Dir auffallen, bei ADHS wie bei Autismus, und seit wann.
- Sammle Hinweise aus der Kindheit: Zeugnisse, Berichte, Erinnerungen von Eltern und Geschwistern.
- Notiere, wo Du im Alltag maskierst und was Dich das kostet.
- Erzähle von früheren Diagnosen und Behandlungen, auch wenn sie nicht ganz gepasst haben.
- Sprich offen an, dass Du auch an Autismus denkst, damit die Abklärung diese Frage mitdenkt.
Bei Klaro ADHS klären wir ADHS ab. Wenn Du zusätzlich Hinweise auf Autismus bei Dir siehst, sprich das im kostenlosen Beratungsgespräch an. Wie die Abklärung abläuft, findest Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung und im Beitrag ADHS bei Frauen: Diagnose in der Schweiz.
Häufige Fragen zu ADHS und Autismus bei Frauen
Kann man ADHS und Autismus gleichzeitig haben?
Ja. Seit 2013 ist im DSM-5 eine gemeinsame Diagnose möglich. Je nach Studie sind 40 bis 70 Prozent der autistischen Menschen auch von ADHS betroffen, und 20 bis 50 Prozent der Menschen mit ADHS sind autistisch (Craddock, 2024).
Wie unterscheide ich ADHS und Autismus bei mir?
Eine verlässliche Unterscheidung ist nur in einer fachlichen Abklärung möglich. Hinweise sind zum Beispiel, ob Routinen Dir Sicherheit geben oder schwerfallen, und ob soziale Schwierigkeiten eher durch Ablenkung oder durch das Deuten sozialer Signale entstehen. Das sind Tendenzen und keine Regeln.
Warum werden ADHS und Autismus bei Frauen oft spät erkannt?
Weil Frauen sich häufiger anpassen und ihre Schwierigkeiten verbergen (Masking), und weil die Beschwerden oft für Depression, Angst oder Burnout gehalten werden (Craddock, 2024; Young et al., 2020).
Wo kann ich Autismus abklären lassen?
Eine Autismus-Abklärung erfolgt bei Fachpersonen für Psychiatrie und Psychotherapie mit Erfahrung in der Autismus-Diagnostik, in der Regel getrennt von der ADHS-Abklärung. Frage bei Deiner Hausarztpraxis oder Fachperson nach, an wen Du Dich wenden kannst.
Verändert sich die Behandlung, wenn beides vorliegt?
Möglicherweise. Hilfsmittel und Strategien, die bei ADHS helfen, passen bei Autismus nicht immer. Deshalb sollte die Behandlung beide Besonderheiten berücksichtigen. Das besprichst Du mit Deiner Fachperson.
Weiterlesen
- ADHS bei Frauen: Symptome, Diagnose und Hilfe in der Schweiz, der Überblick zum Thema.
- ADHS oder Autismus? Unterschiede und Überschneidungen im Allgemeinen.
- Späte ADHS-Diagnose bei Frauen: Gründe, Masking und nächste Schritte.
- ADHS und Begleiterkrankungen: häufige Kombinationen.
Quellen
- Craddock, E. (2024). Being a Woman Is 100% Significant to My Experiences of Attention Deficit Hyperactivity Disorder and Autism: Exploring the Gendered Implications of an Adulthood Combined Autism and Attention Deficit Hyperactivity Disorder Diagnosis. Qualitative Health Research, 34(14), 1442-1455. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Young, S. et al. (2020). Females with ADHD: an expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry. link.springer.com