Burnout-Risiko bei ADHS: Warum Betroffene besonders gefährdet sind

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Wenn Du mit ADHS lebst, kennst Du vielleicht den Druck, im Alltag „normal“ funktionieren zu müssen. Ablenkbarkeit, innere Unruhe, emotionale Reizbarkeit und ein oft lückenhaftes Zeitgefühl kosten Kraft, und was für andere eine Kleinigkeit ist, kann bei Dir grossen inneren Druck auslösen. Auf Dauer kann daraus eine Erschöpfung entstehen, die weit über Müdigkeit hinausgeht. Dieser Ratgeber erklärt, warum das Burnout-Risiko bei ADHS erhöht sein kann, woran Du erste Warnzeichen erkennst und was Dich schützen kann.

Kurz erklärt: Studien deuten darauf hin, dass Erwachsene mit ADHS häufiger von Burnout betroffen sind. Ein wichtiger Grund sind Schwierigkeiten bei Selbstorganisation und Zeitmanagement, die im Alltag viel zusätzliche Energie kosten. Hinzu kommen Dauerdruck, wenig Erholung und oft Selbstkritik. Wer die eigenen Frühwarnzeichen kennt, Pausen fest einplant und früh Unterstützung sucht, kann gegensteuern.

Warum ist das Burnout-Risiko bei ADHS erhöht?

Weil ADHS viele Alltagsaufgaben anstrengender macht und Erholung dadurch zu kurz kommt. In einer Untersuchung mit 171 Beschäftigten berichteten Menschen mit ADHS deutlich höhere Burnout-Werte. Die Forschenden erklärten das über Schwächen bei den Exekutivfunktionen: Schwierigkeiten im Zeitmanagement hingen mit körperlicher Erschöpfung zusammen, Schwierigkeiten bei Selbstorganisation und Problemlösen mit emotionaler Erschöpfung und geistiger Ermüdung (Turjeman-Levi et al., 2024).

Das Bild ist nicht ganz einheitlich. Bei Studierenden mit ADHS-ähnlichen Symptomen waren Stress und Burnout vor einer Prüfungsphase höher als bei Studierenden ohne diese Symptome. In einem zehntägigen Tagebuch zeigten sich dagegen keine Unterschiede im täglichen Stress. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass die Erinnerung an vergangenen Stress eine Rolle spielt und dass emotionsfokussierte Bewältigung den Zusammenhang zwischen Stress und Burnout verstärkt (Erdal et al., 2025). Auch Erwachsene mit ADHS, die in einer Interviewstudie über ihren Berufsalltag sprachen (n = 20), beschrieben immer wieder Stress, Erschöpfung, das Gefühl der Überforderung und des Nicht-Genügens. Sie profitierten von klaren Strukturen, erhielten aber kaum Unterstützung am Arbeitsplatz (Oscarsson et al., 2022).

Was im Alltag zusammenkommen kann

  • Dauerkompensation: Viele Betroffene beschreiben, dass sie ständig versuchen, Schwierigkeiten auszugleichen und „normal“ zu wirken. Das braucht Energie.
  • Perfektionismus: Wer sich oft „nicht genug“ fühlt, setzt sich mitunter besonders hohe Ansprüche. Das ist keine Schwäche, kann aber zu Überlastung führen.
  • Hyperfokus: Manche versinken stundenlang in einer Aufgabe, ohne Pause und ohne zu trinken. Auch das Essverhalten kann darunter leiden. Kurzfristig fühlt sich das produktiv an, auf Dauer fehlt die Erholung.
  • Missverständnisse im Umfeld: Aufschieben oder Vergesslichkeit werden leicht als Faulheit gedeutet. Das kann Schuldgefühle und zusätzlichen Druck auslösen.

Ist „ADHS-Burnout“ eine Diagnose?

Nein. Die WHO beschreibt Burn-out in der ICD-11 nicht als Krankheit, sondern als Syndrom infolge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wurde. Typisch sind Erschöpfung, wachsende innere Distanz oder Zynismus gegenüber der Arbeit und geringere berufliche Leistungsfähigkeit (WHO, 2019). „ADHS-Burnout“ ist ein Alltagsbegriff dafür, wie sich diese Erschöpfung bei ADHS anfühlen kann. Mehr zu den allgemeinen Symptomen findest Du im Ratgeber Burnout erkennen, die Doppelbelastung beschreiben wir ausführlich bei Burnout bei ADHS.

Woran erkennst Du ein drohendes Burnout bei ADHS?

An Veränderungen gegenüber Deinem gewohnten Muster, die über Wochen anhalten. Burnout schleicht sich oft langsam ein und wird spät erkannt. Je früher Du die Zeichen bemerkst, desto eher kannst Du gegensteuern.

Eine Person liegt unter einer weissen Decke und bedeckt ihr Gesicht mit einem Kissen, Sinnbild für Rückzug und Überforderung

Klassische Warnzeichen

  • anhaltende Erschöpfung, auch nach ausreichend Schlaf
  • innere Leere oder emotionale Abstumpfung: Dinge, die Dich früher berührt haben, lassen Dich kalt
  • Verlust von Motivation, auch bei Dingen, die Dir sonst Freude machen
  • Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen oder Gefühlsausbrüche ohne klaren Auslöser
  • Konzentrationsprobleme, die deutlich über das Gewohnte hinausgehen
  • Rückzug aus sozialen Kontakten, obwohl sie Dir eigentlich guttun

Viele beschreiben ein Gefühl wie „Autopilot“ oder „in Watte gepackt“. Wenn Du Dich immer öfter überfordert fühlst, auch bei Alltäglichem, nimm das ernst. Burnout ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis, dass Belastung und Erholung über längere Zeit nicht im Gleichgewicht waren.

Was ist ADHS, was ist Erschöpfung?

Das lässt sich nicht immer klar trennen, weil sich Symptome überlagern. Als Faustregel können diese Fragen helfen:

Merkmal Eher ADHS-typisch Hinweis auf zusätzliche Erschöpfung
Konzentration schwankt, seit der Kindheit bekannt deutlich schlechter als sonst, auch bei Interessantem
Energie sprunghaft, mit Hochs und Tiefs dauerhaft leer, Erholung gelingt nicht
Stimmung schnell wechselnd, oft kurz anhaltend gereizt, abgestumpft oder niedergeschlagen
Strategien funktionieren mal mehr, mal weniger bewährte Strategien tragen plötzlich nicht mehr

Die Tabelle ist eine Orientierung und keine Diagnose. Wie sich ADHS, Burnout und Depression unterscheiden, erklärt der Ratgeber ADHS, Burnout und Depression.

Aus der Praxis

Bei Erschöpfung fragen wir in der Sprechstunde zuerst, was sich gegenüber Deinem gewohnten Muster verändert hat: Schlaf, Konzentration, Stimmung, Freude an Dingen. Häufig zeigt sich, dass Betroffene schon lange viel Kraft in das Ausgleichen ihrer Schwierigkeiten stecken und erste Warnzeichen als „ADHS ist gerade schlimmer“ deuten.

Wenn bewährte Strategien plötzlich nicht mehr tragen, schauen wir genauer hin, ob zusätzlich eine Erschöpfung oder eine Depression vorliegt. Wichtig ist uns der Blick auf die ganze Belastung im Beruf und im Alltag. Welche Entlastung sinnvoll ist und ob die Behandlung angepasst werden sollte, entscheiden wir nach der Abklärung gemeinsam mit Dir.

Was hilft zur Burnout-Prävention bei ADHS?

Meist eine Kombination aus kleinen, alltagstauglichen Schritten. Leitlinien empfehlen bei ADHS eine Behandlung mit mehreren Bausteinen. Die Betroffenen der Interviewstudie erhielten Unterstützung jenseits von Medikamenten jedoch kaum (Oscarsson et al., 2022). Welche Behandlung zu Dir passt, klärst Du mit einer Fachperson.

1. Kenne Deine Frühwarnzeichen

Halte in einem kleinen Tagebuch oder einer Notiz-App fest, wie Du schläfst, wie Du reagierst und wie Deine Konzentration ist. Typische Signale sind Einschlafprobleme, morgendliche Erschöpfung, plötzliche Gereiztheit, mehr Vergesslichkeit oder starkes Aufschieben. Diese Signale sind individuell. Wenn Du Deine eigenen kennst, kannst Du früh gegensteuern.

2. Plane realistisch und mit Pausen

Verzichte auf überfüllte To-do-Listen und plane Pausen wie Termine ein. Manche kommen mit Arbeitsintervallen gut zurecht, zum Beispiel 25 Minuten Fokus und 5 Minuten Pause. Auch kurze Mini-Pausen helfen: aufstehen, tief atmen, dehnen. Ein farbiger Kalender oder eine einfache Aufgabenliste machen den Tag sichtbarer. Mehr dazu findest Du bei den Tipps zur Burnout-Prävention bei ADHS in der Schweiz und zum Stressmanagement bei ADHS.

Ein Mann sitzt gedankenversunken am Frühstückstisch und blickt durch ein Fenster nach draussen

3. Brich den Perfektionismus-Kreislauf

Frage Dich: Was muss heute wirklich erledigt werden, was kann warten? „Gut genug“ ist oft ausreichend. Auch Delegieren oder bewusstes Liegenlassen schont Deine Kräfte.

4. Sprich über Deine Belastung, auch am Arbeitsplatz

Klare Aufgaben, Erwartungen und eine ruhige Arbeitsumgebung können entlasten. Betroffene in der Interviewstudie profitierten von Struktur, bekamen sie aber selten systematisch geboten (Oscarsson et al., 2022). Überlege, was Du konkret ansprechen kannst, etwa feste Prioritäten oder weniger parallele Aufgaben.

5. Vernetze Dich und hol Dir Begleitung

Austausch mit anderen Betroffenen kann entlasten. Selbsthilfegruppen findest Du über Selbsthilfe Schweiz. Professionelle Hilfe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge. Psychotherapie kann helfen, Denk- und Handlungsmuster zu verändern. Wie das in der Schweiz abläuft, beschreibt der Ratgeber Psychotherapie bei chronischem Stress.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Erschöpfung, Leere oder Rückzug länger als zwei Wochen anhalten oder Dein Alltag leidet. Burnout geht längerfristig mit Schlafstörungen und depressiven Symptomen einher, wie eine Übersichtsarbeit zu den Folgen von Burnout zeigt (Salvagioni et al., 2017). Eine Ärztin oder ein Arzt kann körperliche Ursachen ausschliessen und klären, ob zusätzlich eine Depression oder eine bisher unerkannte ADHS vorliegt. Die erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis.

Wenn Du Gedanken hast, Dir etwas anzutun, oder Dich in einer Krise nicht mehr sicher fühlst: Ruf die 144 an oder geh in die nächste Notfallaufnahme. Die Dargebotene Hand (143) ist rund um die Uhr erreichbar. Mehr dazu im Ratgeber Suizidgedanken bei ADHS.

Was ist beim Burnout-Risiko von Frauen mit ADHS anders?

Viele Frauen gleichen ihre Schwierigkeiten mit Perfektionismus, Überanpassung und viel Mehraufwand aus. Das kann lange gutgehen, kostet aber enorm viel Kraft, bis irgendwann die Erschöpfung im Vordergrund steht. Weil dann oft nur das Burnout gesehen wird, bleibt eine zugrunde liegende ADHS unter Umständen unerkannt. Wenn Du Dich darin wiedererkennst, lohnt sich ein Blick in den Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.

Häufige Fragen zu Burnout bei ADHS

Haben Menschen mit ADHS wirklich ein höheres Burnout-Risiko?

Studien weisen darauf hin: In einer Untersuchung mit 171 Beschäftigten hatten Menschen mit ADHS höhere Burnout-Werte, vermittelt über Schwierigkeiten bei Zeitmanagement und Selbstorganisation. Andere Untersuchungen zeigen ein differenzierteres Bild. Das Risiko hängt von Belastung, Unterstützung und Behandlung ab und ist im Einzelfall verschieden.

Wie unterscheide ich Erschöpfung von meiner normalen ADHS?

Achte auf Veränderungen: Ist Deine Konzentration deutlich schlechter als sonst, kommst Du trotz Pausen nicht zur Ruhe oder tragen Deine bewährten Strategien nicht mehr? Dann kann zusätzliche Erschöpfung im Spiel sein. Eine Fachperson kann das einordnen, weil sich die Symptome überlagern.

Was kann ich sofort tun, wenn ich mich ausgebrannt fühle?

Reduziere Reize und Termine, soweit es geht, und plane bewusst Pausen. Sprich mit einer vertrauten Person und vereinbare zeitnah einen Termin bei Deiner Hausarztpraxis. Zwinge Dich nicht zu Höchstleistungen. Bei starker Belastung oder dunklen Gedanken hol Dir umgehend Hilfe (144 oder 143).

Fazit: Erschöpfung ernst nehmen und früh Hilfe holen

Ein Burnout bei ADHS ist kein persönliches Versagen, sondern oft die Folge jahrelanger Überanstrengung. Du musst nicht alles allein bewältigen: Pausen, Grenzen und Hilfe in Anspruch zu nehmen sind legitim. Welche Behandlung zu Dir passen kann, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Therapie. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.

Quellen

  • Turjeman-Levi, Y., Itzchakov, G. & Engel-Yeger, B. (2024). Executive function deficits mediate the relationship between employees‘ ADHD and job burnout. AIMS Public Health, 11(1), 294-314. aimspress.com
  • Erdal, K., Adami, G., Gelléri, P. & Dettmers, J. (2025). Stress and burnout in university students with ADHD-like symptoms: the role of memory bias and daily stress. International Journal of Educational Research Open, 9. sciencedirect.com
  • Oscarsson, M., Nelson, M., Rozental, A. et al. (2022). Stress and work-related mental illness among working adults with ADHD: a qualitative study. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
  • World Health Organization (2019). Burn-out an "occupational phenomenon": International Classification of Diseases. who.int
  • Salvagioni, D. A. J. et al. (2017). Physical, psychological and occupational consequences of job burnout: a systematic review of prospective studies. PLOS ONE. journals.plos.org
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfegruppen finden. selbsthilfeschweiz.ch

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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