Wenn Du manchmal denkst, dass Du nicht mehr leben möchtest, bist Du damit nicht allein, und Du musst diese Gedanken nicht allein tragen. Dieser Ratgeber erklärt, was die Forschung zu ADHS und Suizidgedanken sagt, woran Du Krisen erkennst und wo Du in der Schweiz Hilfe findest. Er ist auch für Angehörige gedacht.
Wenn es Dir gerade akut schlecht geht: Ruf die Notrufnummer 144 an oder geh in die nächste Notfallaufnahme, wenn Du Dich nicht mehr sicher fühlst. Die Dargebotene Hand (Telefon 143) ist jederzeit erreichbar, persönlich, anonym und vertraulich, auch per Chat und E-Mail. Jugendliche erreichen Beratung und Hilfe unter 147. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine gute erste Anlaufstelle.
Kurz erklärt: In Studien kommen Suizidgedanken und Suizidversuche bei Menschen mit ADHS häufiger vor als bei Menschen ohne ADHS. ADHS allein erklärt das nicht: Dauerstress, Depression, Angst, ein brüchiges Selbstwertgefühl und fehlende Unterstützung spielen eine grosse Rolle. Wichtig ist, dass Du darüber sprechen darfst, dass Hilfe verfügbar ist und dass sich Begleiterkrankungen und Belastungen behandeln lassen.
Was sagt die Forschung zu ADHS und Suizidgedanken?
Sie zeigt einen Zusammenhang: Eine Meta-Analyse mit 57 Studien und mehr als 300 000 Teilnehmenden fand bei ADHS deutlich häufiger Suizidgedanken (Odds Ratio 3,5), Suizidpläne (4,5), Suizidversuche (2,4) und vollendete Suizide (6,7) (Septier et al., 2019). Ein Odds Ratio ist ein statistisches Mass für ein erhöhtes Vorkommen und kein Urteil über einen einzelnen Menschen. Auch bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS fanden 17 von 18 ausgewerteten Langzeitarbeiten einen Zusammenhang mit späterem suizidalem Verhalten (Garas & Balazs, 2020).
Das Bild ist allerdings differenziert. In einer Befragung von 1452 Erwachsenen in Japan war der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Suizidgedanken nicht mehr signifikant, sobald Depression und Angst berücksichtigt wurden. Wer ADHS-Symptome und viel Stress hatte, berichtete dagegen deutlich häufiger von Suizidgedanken (Stickley et al., 2022, erhoben während der Pandemie). In einer kleinen Studie mit 74 erwachsenen ADHS-Patientinnen und -Patienten hingen Suizidgedanken mit stärkerer Unaufmerksamkeit, tiefem Selbstwert und Schwierigkeiten im sozialen Alltag zusammen. Körperliche Aktivität zeigte sich dort als Schutzfaktor, allerdings ohne dass sich Ursache und Wirkung belegen lassen (Di Salvo et al., 2024).
Was das für Dich bedeutet: Ein erhöhtes Risiko im Durchschnitt heisst nicht, dass Du gefährdet bist. Es heisst, dass es sich lohnt, Belastungen früh ernst zu nehmen und gezielt danach zu fragen. Fachleute empfehlen deshalb, bei ADHS systematisch auch nach Suizidgedanken zu fragen (Septier et al., 2019).
Woran erkennst Du eine suizidale Krise bei ADHS?
An mehreren Veränderungen, die zusammen auftreten, oft über Wochen. Dazu gehören Hoffnungslosigkeit, Rückzug und das Gefühl, eine Last zu sein. Bei ADHS können Gefühle zudem schneller und stärker ausschlagen (emotionale Dysregulation) und Impulsivität kann dazukommen. Dann kippt eine Stimmung manchmal rascher, als es von aussen zu erwarten wäre. Das ist ein Grund mehr, Warnzeichen früh ernst zu nehmen.

Warnzeichen, auf die Du achten kannst
- starke Stimmungsschwankungen oder anhaltende tiefe Niedergeschlagenheit
- plötzlicher Rückzug, auch von engen Freunden oder der Familie
- hoffnungslose Gedanken wie „Es wird nie besser“, „Ich bin eine Last“ oder „Ich sehe keinen Ausweg“
- wiederholtes Reden oder Schreiben über Tod, Sterben oder das Nicht-mehr-da-sein-Wollen
- selbstschädigendes oder auffallend riskantes Verhalten
- impulsive Gefühlsausbrüche aus scheinbar kleinen Anlässen
Krisen können sich auch körperlich zeigen, zum Beispiel durch anhaltende Schlafstörungen, Appetitverlust oder dauernde Erschöpfung. Auch das Gefühl, „nicht mehr funktionieren zu können“, ist ein ernstes Signal. Wer über lange Zeit über die eigenen Grenzen geht, kann in ein Burnout bei ADHS geraten, und auch dann sind Gedanken an den Tod möglich. Wenn Du Dich in solchen Zeichen wiedererkennst, sprich bitte mit jemandem darüber. Schon ein erstes Gespräch kann Druck nehmen.
Warum kommt es bei ADHS häufiger zu Suizidgedanken?
Weil mehrere Belastungen zusammenkommen können, nicht wegen einer einzelnen Ursache. Die Forschung nennt vor allem diese Faktoren:
- Begleiterkrankungen: Erwachsene mit ADHS haben häufig zusätzlich eine Depression (je nach Studie in 18,6 bis 53,3 Prozent) oder eine Angststörung (etwa 50 Prozent) (Katzman et al., 2017). Auch Suchtprobleme und belastende Erfahrungen können dazukommen. Je mehr Belastungen sich häufen, desto eher entsteht das Gefühl der Ausweglosigkeit.
- Dauerstress: Die Kombination aus ADHS-Symptomen und starkem Stress ging in der japanischen Befragung mit deutlich mehr Suizidgedanken einher (Stickley et al., 2022).
- Selbstwert und soziales Umfeld: Viele Betroffene erleben über Jahre Kritik, Misserfolge und das Gefühl, „anders“ zu sein. Ein tiefer Selbstwert und Einschränkungen im sozialen Alltag standen in der Studie von Di Salvo et al. (2024) mit Suizidgedanken in Verbindung.
- Spät erkannte oder unbehandelte ADHS: Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass viele Erwachsene mit ADHS nicht behandelt werden und dass bei Begleiterkrankungen wie Depression die ADHS selbst leicht unbehandelt bleibt (Katzman et al., 2017). Lange Zeit ohne Erklärung und Unterstützung kann zusätzlich belasten.

Kurz gesagt: Nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammenspiel aus innerer Anspannung, Begleiterkrankungen, Stress und fehlender Hilfe macht Krisen wahrscheinlicher. Genau hier setzt die Behandlung an.
Aus der Praxis
Wenn Suizidgedanken ein Thema sind, fragen wir ruhig und direkt danach. Darüber zu sprechen, bringt niemanden auf die Idee, sondern nimmt oft Druck. Wir hören zu und wollen verstehen, wie akut die Gedanken sind, was Dich belastet und was Dir Halt gibt. Dabei schauen wir auch auf Depression, Angst, Dauerstress und Impulsivität.
Gemeinsam überlegen wir, was in schwierigen Momenten hilft und wer für Dich erreichbar ist. Du musst das nicht allein tragen. Wenn es akut ist, ruf bitte die 144 an. Die Dargebotene Hand ist rund um die Uhr unter 143 für Dich da.
Was kannst Du tun, wenn Du Suizidgedanken hast?
Sprich mit einem Menschen darüber. Das ist der wichtigste erste Schritt, auch wenn er schwerfällt. Über Suizidgedanken zu sprechen, verstärkt sie nicht: Eine Übersichtsarbeit fand in den untersuchten Studien keinen Anstieg von Suizidgedanken, wenn danach gefragt wurde, und vermutet sogar, dass Reden entlasten kann (Dazzi et al., 2014).
- Sprich mit einer vertrauten Person oder mit der Dargebotenen Hand (143). Du musst nicht erklären können, warum es Dir so geht.
- Erstelle einen persönlichen Sicherheitsplan. Schreibe auf, an wen Du Dich wenden kannst, welche Nummern Du anrufen kannst und was Dir früher in schwierigen Momenten geholfen hat. Speichere die Notiz auf Deinem Handy oder trage sie bei Dir. Eine Anleitung findest Du auf der Seite reden-kann-retten.ch.
- Hol Dir ärztliche Hilfe, auch kurzfristig. Hausärztinnen, Hausärzte und psychiatrische Notfalldienste sind dafür da. Das ist kein Zeichen von Schwäche.
- Suche einen ruhigen Ort und eine Person in der Nähe, wenn Reize und Gefühle überwältigend werden. Ein kurzer Spaziergang oder ruhige Atmung können helfen, zur Ruhe zu kommen. Sie ersetzen aber keine Hilfe.
- Sei vorsichtig mit Alkohol und anderen Substanzen. Sie machen schwierige Gefühle oft nicht leichter. Wenn Du den Drang spürst, Dich zu betäuben, sprich mit einer Fachperson darüber.
- Setze Medikamente nicht eigenmächtig ab oder um. Besprich Veränderungen immer zuerst mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Wie kannst Du jemanden unterstützen, der Suizidgedanken hat?
Indem Du das Thema ruhig und direkt ansprichst und die Person nicht allein lässt. Die meisten Menschen in einer Krise sind erleichtert, wenn jemand ehrlich nachfragt.

- Frage offen nach: Zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen. Denkst Du daran, Dir etwas anzutun?“ Eine solche Frage schafft Klarheit und entlastet oft (Dazzi et al., 2014).
- Bleib ruhig und wertschätzend. Du musst nichts bewerten und keine perfekten Worte finden. Zuhören reicht oft.
- Biete konkrete Hilfe an: „Ich begleite Dich morgen zum Arzt“ oder „Ich rufe mit Dir gemeinsam die 143 an“ gibt mehr Halt als „Melde Dich, wenn Du etwas brauchst“.
- Trage es nicht allein. Du musst keine Therapeutin und kein Therapeut sein. Angehörige können sich bei Pro Mente Sana (Rat & Hilfe, Telefon 0848 800 858) beraten lassen. Tipps für Gespräche findest Du auf reden-kann-retten.ch.
- Bleib in Kontakt, auch wenn der erste Versuch abgelehnt wird. Manchmal braucht es Zeit, bis jemand Hilfe annimmt.
Bei akuter Gefahr: Ruf die 144 oder die Polizei (117) an. Bleib, wenn möglich, bei der Person, bis Hilfe eintrifft. Sicherheit geht immer vor.
Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Sofort bei akuter Gefahr, und sonst so früh wie möglich. Hol Dir ärztliche Unterstützung, wenn Gedanken an den Tod wiederkehren, wenn Deine Stimmung seit mehr als zwei Wochen gedrückt ist (so beschreibt es die WHO bei Depression), wenn Schlaf, Arbeit oder Beziehungen leiden oder wenn Du Dich zunehmend zurückziehst. Eine Ärztin oder ein Arzt kann auch prüfen, ob eine Depression, Angststörung oder eine bisher unerkannte ADHS dahintersteckt.
In einer Krise gilt: 144 anrufen oder die nächste Notfallaufnahme aufsuchen. Ansonsten helfen die Hausarztpraxis, kantonale psychiatrische Dienste, die Dargebotene Hand (143) und die Beratung von Pro Mente Sana (0848 800 858). Austausch mit anderen Betroffenen findest Du über Selbsthilfe Schweiz, die Selbsthilfegruppen nach Thema und Region vermittelt.
Häufige Fragen zu ADHS und Suizidgedanken
Haben Menschen mit ADHS wirklich häufiger Suizidgedanken?
Im Durchschnitt ja. Eine Meta-Analyse mit 57 Studien fand bei ADHS häufiger Suizidgedanken, Suizidversuche und vollendete Suizide. Die Zahlen beschreiben Gruppen, nicht Dich persönlich. Depression, Angst und Dauerstress spielen dabei eine grosse Rolle. Deshalb ist es wichtig, Belastungen früh zu erkennen und behandeln zu lassen.
Kann ich jemanden direkt auf Suizidgedanken ansprechen?
Ja, und es ist meist hilfreich. Studien fanden keinen Hinweis, dass Nachfragen Suizidgedanken auslöst oder verstärkt. Frage ruhig und ohne Vorwurf, höre zu und biete konkrete Hilfe an, etwa einen gemeinsamen Anruf bei der 143 oder eine Begleitung zum Arzt. Bei akuter Gefahr ruf die 144.
Wo bekomme ich in der Schweiz sofort Hilfe?
Bei akuter Gefahr unter 144 oder in der nächsten Notfallaufnahme. Die Dargebotene Hand (143) ist jederzeit erreichbar, anonym und vertraulich, per Telefon, Chat und E-Mail. Jugendliche erreichen die 147. Zusätzlich helfen Hausarztpraxen, kantonale psychiatrische Dienste und Pro Mente Sana (0848 800 858) bei den nächsten Schritten.
Senkt die Behandlung der ADHS das Risiko?
Die Behandlung von ADHS und Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst kann Belastungen senken und gehört zur Vorsorge. Wie stark sie das Suizidrisiko tatsächlich verringert, ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. Fachleute fordern dazu weitere Langzeitstudien (Garas & Balazs, 2020). Sprich mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt über Deine persönliche Situation.
Fazit: Du musst diesen Weg nicht allein gehen
ADHS und Suizidgedanken sind ein belastendes Thema, über das selten gesprochen wird. Doch Krisen sind behandelbar, und es gibt Menschen, die zuhören. Wenn es Dir akut schlecht geht, ruf die 144 an oder geh in die nächste Notfallaufnahme. Die Dargebotene Hand (143) ist jederzeit für Dich da, und Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin kann Dich weiter begleiten. Wenn Du Deine ADHS abklären oder behandeln lassen möchtest, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein möglicher erster Schritt. Mehr dazu findest Du bei der ADHS-Abklärung.
Quellen
- Septier, M., Stordeur, C., Zhang, J., Delorme, R. & Cortese, S. (2019). Association between suicidal spectrum behaviors and attention-deficit/hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 103, 109-118. sciencedirect.com
- Garas, P. & Balazs, J. (2020). Long-term suicide risk of children and adolescents with attention deficit and hyperactivity disorder: a systematic review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
- Stickley, A. et al. (2022). Attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms, perceived stress, and suicidal ideation during the COVID-19 pandemic. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
- Di Salvo, G. et al. (2024). Assessing suicidality in adult ADHD patients: prevalence and related factors. Annals of General Psychiatry. link.springer.com
- Katzman, M. A., Bilkey, T. S., Chokka, P. R., Fallu, A. & Klassen, L. J. (2017). Adult ADHD and comorbid disorders: clinical implications of a dimensional approach. BMC Psychiatry. link.springer.com
- Dazzi, T., Gribble, R., Wessely, S. & Fear, N. T. (2014). Does asking about suicide and related behaviours induce suicidal ideation? What is the evidence? Psychological Medicine, 44(16), 3361-3363. kclpure.kcl.ac.uk
- World Health Organization. Depression (Fact Sheet). who.int
- Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und E-Mail. 143.ch
- Pro Juventute: Beratung + Hilfe 147 für Kinder und Jugendliche. 147.ch
- Reden kann retten: Informationen für Betroffene und ihr Umfeld, Gesprächstipps und Sicherheitsplan bei Suizidgedanken. reden-kann-retten.ch
- Pro Mente Sana: Rat & Hilfe, Telefon 0848 800 858. promentesana.ch
- Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfegruppen finden. selbsthilfeschweiz.ch