ADHS & Schweizer Gesellschaft: Wie offen sind wir?

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Sätze wie „Reiss Dich doch zusammen“ oder „Das haben doch heute alle“ sind typische Beispiele für Vorurteile, denen Erwachsene mit ADHS begegnen können. Sie zeigen, wie viel Unwissen es noch gibt. In diesem Ratgeber ordnen wir ein, was Studien über Vorurteile gegenüber ADHS sagen, wo es in der Schweiz Hürden in der Versorgung gibt und was sich für Betroffene verbessert hat.

Kurz erklärt: Wie offen die Schweizer Gesellschaft für ADHS ist, lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Studien aus verschiedenen Ländern zeigen, dass Erwachsene mit ADHS häufig mit Zweifeln an ihrer Diagnose und dem Vorwurf von Faulheit konfrontiert sind, und dass die Angst vor solchen Reaktionen die Suche nach Hilfe bremsen kann. Dazu kommen strukturelle Hürden: Je nach Stelle muss man mehrere Monate auf eine Abklärung warten, und für einige Medikamente gelten besondere Bedingungen der Kostenübernahme.

Welche Vorurteile gegenüber Erwachsenen mit ADHS gibt es?

Die häufigsten Vorurteile stellen die Störung selbst in Frage oder deuten Symptome als Charakterschwäche. Forschende haben solche Haltungen systematisch untersucht. In einer Studie mit 1261 Teilnehmenden entwickelten sie einen Fragebogen zur Stigmatisierung von Erwachsenen mit ADHS und fanden sechs Bereiche: Zweifel an Zuverlässigkeit und sozialer Kompetenz, Zweifel an der Existenz der Störung und Vermutungen von Täuschung oder Medikamentenmissbrauch, Zweifel an der Verantwortungsfähigkeit im Beruf oder in der Familie, die Annahme von regelverletzendem Verhalten, Sorgen über die Folgen einer offenen Diagnose und falsche Vorstellungen über die Ursachen. Lehrpersonen und Ärztinnen und Ärzte zeigten in mehreren Bereichen weniger stigmatisierende Einstellungen als die Vergleichsgruppe (Fuermaier et al., 2012).

Im Alltag begegnen Dir diese Vorurteile vermutlich in kleinen Sätzen: „Das ist doch nur Faulheit“, „Dafür brauchst Du keine Diagnose“ oder „Das gab es früher auch nicht“. Eine qualitative Studie aus den USA mit Erwachsenen mit ADHS beschreibt genau das: Teilnehmende hörten, sie seien „einfach faul“ und benutzten ADHS als Ausrede. Dieses Stigma hielt manche davon ab, mit Fachpersonen oder Nahestehenden darüber zu sprechen (Ginapp et al., 2023). Die Studie stammt nicht aus der Schweiz, die beschriebenen Erfahrungen dürften aber vielen bekannt vorkommen.

Wichtig ist uns eine ehrliche Einordnung: Belastbare Schweizer Befragungen, die die Einstellung der Bevölkerung zu Erwachsenen mit ADHS messen, haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden. Wir übertragen deshalb internationale Ergebnisse vorsichtig auf die Schweiz.

Was ist dran an den häufigsten Mythen?

Symbolbild für neurologische Diversität: Darstellung eines modellierten Kopfes mit markierten Hirnarealen: häufig verwendet im Kontext von ADHS, Autismus und Neurodivergenz.

Die meisten Mythen halten einem Blick in die Forschung nicht stand. Die folgende Übersicht stellt einige davon der aktuellen Datenlage gegenüber. Mehr dazu findest Du in unserem Beitrag zu sieben ADHS-Mythen.

Vorurteil Was Studien und Fachartikel sagen
„ADHS betrifft nur Kinder.“ Laut einem Übersichtsartikel im Swiss Medical Forum leiden etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit ADHS auch als Erwachsene daran. Die Häufigkeit bei Erwachsenen wird in der Schweiz und in Deutschland auf etwa 3 bis 4 Prozent geschätzt (Swiss Medical Forum, 2022).
„ADHS ist eine Modediagnose.“ Ein internationales Konsensus-Papier mit 208 evidenzbasierten Schlussfolgerungen betont, dass ADHS eine gültige, in verschiedenen Ländern und Kulturen anerkannte Störung ist (Faraone et al., 2021). Die Diagnose erfordert laut Swiss Medical Forum zudem einen mehrstufigen Prozess mit klinischen Interviews sowie Eigen- und Fremdanamnese (2022).
„Wer Medikamente nimmt, wird süchtig.“ In einer Übersichtsarbeit zu Erwachsenen fand sich kein Unterschied im Risiko für neue Suchterkrankungen zwischen Behandelten und Nichtbehandelten. Die Autorinnen und Autoren stuften die Sicherheit der meisten Aussagen als gering ein und empfehlen eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung (Rieke et al., 2024).
„Frauen haben kaum ADHS.“ Bei Frauen wird eine Unterdiagnose vermutet (Swiss Medical Forum, 2022). Mehr dazu in unserem Beitrag ADHS bei Frauen.

Wie wirkt sich Stigma auf Betroffene aus?

Stigma kann dazu führen, dass Betroffene sich selbst abwerten und seltener Hilfe suchen. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2026 wertete 17 Studien aus und unterscheidet vier Formen: Selbststigma, wahrgenommenes Stigma, öffentliches Stigma und strukturelles Stigma. Erwachsene beschrieben sich selbst mit Begriffen wie „faul“ oder „minderwertig“, und stärkere ADHS-Symptome gingen mit mehr verinnerlichtem Stigma einher. Die Sorge vor negativen Reaktionen erschwerte es, Hilfe zu suchen, Medikamente einzunehmen oder die Diagnose offen zu legen. Die Übersicht nennt auch Folgen für Selbstwert, soziale Beziehungen und den Zugang zu Versorgung (Krishnamoorthy et al., 2026).

Wie sich das anfühlt, beschreiben wir ausführlicher im Beitrag Stigma rund um ADHS. Dort geht es auch um einen Perspektivwechsel. Ein verwandtes Thema ist, warum manche Menschen erst spät Hilfe suchen, wie in den Erfahrungsberichten zur ADHS-Diagnose mit 40 zu lesen ist.

Aus der Praxis

Im Erstkontakt hören wir oft die Sorge, man übertreibe vielleicht oder sei einfach faul. Viele Erwachsene haben diese Sätze so lange gehört, dass sie sie selbst glauben. Wichtig ist uns, dass sich niemand rechtfertigen muss. Wir erklären, dass die Abklärung strukturiert abläuft, mit Gespräch, Fragebögen sowie Eigen- und Fremdanamnese, und dass nicht ein Selbsttest oder ein Eindruck entscheidet. Hilfreich ist, wenn Du vorab Beispiele aus Kindheit und Alltag sammelst und, falls vorhanden, alte Zeugnisse mitbringst. Manche unterschätzen, dass auch bei der Behandlung Bedingungen der Kostenübernahme gelten können. Auch das klären wir im Gespräch, damit keine unnötigen Hürden entstehen.

Welche strukturellen Hürden gibt es in der Schweizer Versorgung?

Die wichtigsten Hürden sind Wartezeiten bei spezialisierten Stellen und Bedingungen bei Zuweisung und Kostenübernahme. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel schreiben auf ihrer Website, dass für die ADHS-Abklärung bei Erwachsenen mehrere Monate Wartezeit möglich sind und eine Zuweisung durch Hausärztin, Psychotherapeut oder Psychiater nötig ist. Wie lange es bei Dir dauert, hängt von Region und Stelle ab. Genaue Zeiten lassen sich nicht pauschal nennen.

Auch die Politik beschäftigt sich damit. Das Postulat Feri 23.3526 verlangt vom Bundesrat Massnahmen für eine zeitnahe Diagnostik und ambulante Versorgung bei ADHS. Das Bundesamt für Gesundheit hat dazu ein Projekt zu Verbreitung, Behandlung und Versorgungssituation in der Schweiz in Auftrag gegeben (Büro BASS, 2025).

Bei den Medikamenten gelten Besonderheiten. Für Concerta und Elvanse nennt das Schweizer Arzneimittel-Kompendium Bedingungen der Kostenübernahme: Die Diagnose muss durch eine Fachärztin oder einen Facharzt gestellt werden, und bei Erwachsenen müssen die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben. Elvanse ist zudem erst nach Methylphenidat vorgesehen, wenn dieses nicht ausreichend wirkt (Compendium.ch). Für Betroffene können sich solche Bedingungen wie zusätzliche Hürden anfühlen. Für den Blick zurück nutzt die Abklärung nach dem Swiss Medical Forum unter anderem Fragebögen zu den Kindheitssymptomen sowie Eigen- und Fremdanamnese. Was bei Dir sinnvoll ist, klärst Du mit der Fachperson.

Die Informationen des Bundesamts für Gesundheit zu ADHS richten sich vor allem an Eltern von Kindern. Für Erwachsene verweist die Seite auf eine schweizerische Info- und Beratungsstelle (BAG, ADHS).

Was hat sich verbessert, und wo findest Du Unterstützung?

Eine junge Ärztin sitzt in einem hellen Praxisraum an einem Holztisch und führt ein Gespräch über ihren Laptop. Sie trägt ein Stethoskop um den Hals und wirkt konzentriert: ein typisches Szenario für telemedizinische Angebote in der Schweiz. Für Personen mitADHS kann die Online-Therapie ein niederschwelliger und effizienter Zugang zu fachgerechter Unterstützung sein.

Das Thema ist vor allem in Online-Communities sichtbarer geworden, und es gibt Anlaufstellen für Erwachsene. In der qualitativen Studie aus den USA beschrieben Teilnehmende zum Beispiel, dass Online-Communities wie TikTok sie dazu brachten, sich mit einer möglichen ADHS auseinanderzusetzen. Dort fanden sie Validierung und Tipps, teils aber auch Fehlinformationen (Ginapp et al., 2023). Eine gute Abklärung ersetzt solche Quellen nicht, sie kann aber ein Anstoss sein.

Für die Schweiz kannst Du folgende Angebote nutzen:

  • elpos: kostenlose, vertrauliche ADHS-Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall sowie Gesprächsgruppen für Erwachsene, online und vor Ort (elpos.ch).
  • Selbsthilfe Schweiz: ein Verzeichnis mit Selbsthilfegruppen zu AD(H)S, auch für Frauen, Paare, Studierende und Menschen ab 50 sowie per Video (selbsthilfeschweiz.ch).
  • Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt: als erste Ansprechperson und für die Zuweisung an eine Fachstelle. Mehr dazu im Beitrag Die Rolle von Hausärzten bei ADHS.
  • Angehörige: Wenn Du Menschen mit ADHS nahestehst, findest Du Hinweise im Beitrag Wie Angehörige unterstützen können.

Was kannst Du tun, wenn Du auf Vorurteile triffst?

Du musst Dich nicht rechtfertigen, aber ein paar Dinge können helfen. Ein typisches Beispiel: Eine Kollegin sagt, Dein Chaos auf dem Schreibtisch sei „einfach Faulheit“. Du kannst dann kurz erklären, dass ADHS die Selbstorganisation betrifft und nichts mit mangelnder Anstrengung zu tun hat, und konkret sagen, was Dir hilft, zum Beispiel feste Abläufe oder schriftliche Absprachen. Es lohnt sich, selbst zu entscheiden, wem Du wann von Deiner Diagnose erzählst. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlasten, weil Du dort nichts erklären musst.

Vorurteile bleiben oft nicht aussen vor: Viele verinnerlichen sie und zweifeln dann an sich selbst. Wenn Du merkst, dass Du Dich ständig kleinmachst oder Dich zurückziehst, sprich mit Deiner Ärztin oder einer Fachperson darüber.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, Impulsivität oder Probleme mit der Organisation seit Langem bestehen und Deinen Alltag, Deine Arbeit oder Deine Beziehungen belasten. Ob es ADHS ist, kann nur eine Fachperson klären, eine Online-Information ersetzt das nicht. Wenn Du Dich sehr hoffnungslos fühlst oder Suizidgedanken hast, such bitte sofort Hilfe: Die Dargebotene Hand ist unter 143 erreichbar, bei akuter Gefahr die Rettung unter 144, und auch Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt kann Dich unterstützen.

Häufige Fragen zu ADHS und Gesellschaft

Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen in der Schweiz?

Laut einem Übersichtsartikel im Swiss Medical Forum liegt die Häufigkeit bei Erwachsenen in der Schweiz und in Deutschland bei etwa 3 bis 4 Prozent, wobei Männer häufiger diagnostiziert werden als Frauen. Bei Frauen wird eine Unterdiagnose vermutet. Genaue Zahlen für die Schweiz sind schwer zu erheben, weil viele Betroffene nie abgeklärt werden.

Ist ADHS eine Modediagnose?

Nein. ADHS ist als Störung in vielen Ländern und Kulturen beschrieben und anerkannt (Faraone et al., 2021). Wenn sich heute mehr Erwachsene abklären lassen, kann das auch daran liegen, dass das Thema bekannter und weniger tabu ist. Eine Diagnose braucht in jedem Fall ein strukturiertes Vorgehen mit Fachperson und kann nicht allein mit einem Selbsttest gestellt werden.

Wo finde ich Austausch mit anderen Betroffenen?

Über elpos, die ADHS-Organisation in der Schweiz, die Gesprächsgruppen für Erwachsene anbietet, online und vor Ort, und über das Verzeichnis von Selbsthilfe Schweiz. Dort sind Gruppen für Betroffene, Angehörige und spezielle Zielgruppen gelistet. Gruppentherapie bieten zum Beispiel die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel an (UPK Basel).

Wie lange muss ich auf eine ADHS-Abklärung warten?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel nennen für ihre Abklärung mehrere Monate Wartezeit, andere Stellen können anders aufgestellt sein. Frag direkt bei der Stelle nach und lass Dich zugleich von Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt beraten, welche Anlaufstellen für Dich infrage kommen.

Fazit

Vorurteile gegenüber ADHS bei Erwachsenen sind verbreitet, aber sie sind keine Tatsachen. Sie bremsen, dass Menschen sich Hilfe holen, und treffen auf Hürden in der Versorgung. Gleichzeitig gibt es Beratung, Selbsthilfe und Fachstellen. Wenn Du Dich fragst, ob ADHS bei Dir eine Rolle spielt, kannst Du unverbindlich starten: Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Wie wir bei klaro ADHS arbeiten, erfährst Du im Beitrag Warum wir bei klaro ADHS anders arbeiten.

Quellen

  • Fuermaier, A. B. M. et al. (2012). Measurement of stigmatization towards adults with attention deficit hyperactivity disorder. PLoS ONE. PMC3526652
  • Krishnamoorthy, Das & Thomas (2026). Stigma in adults with ADHD: a systematic review of types, experiences, and potential implications for quality of life. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Ginapp, C. M. et al. (2023). The experiences of adults with ADHD in interpersonal relationships and online communities: a qualitative study. SSM Qualitative Research in Health. PMC10399076
  • Faraone, S. V. et al. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789-818. sciencedirect.com
  • Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum, 22(27-28). smf.swisshealthweb.ch
  • Rieke, K. et al. (2024). ADHD and substance use disorders in adults: a systematic review. Evidence Synthesis Program, U.S. Department of Veterans Affairs. hsrd.research.va.gov
  • Büro BASS (2025). ADHS: Verbreitung, Behandlung und Versorgungssituation in der Schweiz (Auftrag des Bundesamts für Gesundheit, Postulat Feri 23.3526). buerobass.ch
  • Bundesamt für Gesundheit BAG. ADHS. bag.admin.ch
  • Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). ADHS bei Erwachsenen. upk.ch
  • Compendium.ch: Concerta und Elvanse (Fachinformation, Indikation und Limitation). Elvanse, Concerta
  • elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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