Eine Zigarette, um runterzukommen. Ein Glas Wein, um abzuschalten. Stundenlanges Scrollen, damit die Unruhe im Kopf leiser wird. Viele Menschen mit ADHS kennen solche Muster. Das ist kein Charakterfehler, aber es ist ein Bereich, in dem es sich lohnt, genau hinzuschauen. Hier erfährst Du, was die Forschung zum Zusammenhang von ADHS und Sucht sagt und welche Hilfe es in der Schweiz gibt.
Kurz erklärt: Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen. In einer Metaanalyse erfüllten 23,1 Prozent der Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung auch die Kriterien für ADHS, und eine Langzeitstudie fand bei Kindern mit ADHS ein deutlich höheres Risiko für eine Drogenabhängigkeit im Erwachsenenalter. Eine Abhängigkeit ist behandelbar, und eine gute Behandlung der ADHS gehört dazu.
Wie stark ist das Suchtrisiko bei ADHS erhöht?
Deutlich, aber die Zahlen hängen von der Substanz und der Studie ab. Eine Metaanalyse mit 29 Studien (van Emmerik-van Oortmerssen et al., 2012) fand bei 23,1 Prozent der Menschen mit Substanzgebrauchsstörung zusätzlich ADHS. Eine amerikanische Studie, die Kinder mit ADHS bis ins Erwachsenenalter begleitete (232 Betroffene, 335 Vergleichspersonen), fand ein deutlich höheres Risiko für eine Drogenabhängigkeit (bereinigtes Odds Ratio 3,5). Das galt auch für Personen, die in der Jugend noch keine Substanzprobleme hatten. Für Alkohol war das Bild komplexer: Das Risiko war vor allem bei Personen erhöht, die schon als Jugendliche Probleme hatten.
Der europäische Konsensus zur ADHS bei Erwachsenen nennt ausserdem einen frühen Beginn des Konsums und eine etwa doppelt so hohe Raucherquote. Wichtig: Ein erhöhtes Risiko heisst nicht, dass Du eine Sucht entwickeln wirst. Es heisst, dass es sich lohnt, das Thema offen anzusprechen.
Warum gehen ADHS und Sucht so oft zusammen?
Mehrere Faktoren kommen zusammen, und die genauen Mechanismen sind nicht abschliessend geklärt. Diskutiert werden vor allem diese:
- Impulsivität: Schwierigkeiten, einen Impuls zu bremsen oder Belohnungen aufzuschieben, können den Konsum begünstigen. Mehr dazu im Beitrag zu Impulsivität bei ADHS.
- Selbstmedikation: Manche greifen zu Nikotin, Alkohol oder Cannabis, um Anspannung, Langeweile oder Gefühle auszuhalten. Das hängt eng mit der emotionalen Dysregulation bei ADHS zusammen.
- Belastende Erfahrungen: Wer in Schule, Beruf oder Beziehungen oft Misserfolg oder Kritik erlebt, sucht eher nach schneller Entlastung.
- Biologische Verletzlichkeit: Die Autoren der Langzeitstudie vermuten, dass das erhöhte Risiko nicht nur durch frühen Konsum erklärt wird, sondern auch durch eine zugrunde liegende neurobiologische Anfälligkeit.

Kurzfristig kann ein Mittel tatsächlich entlasten. Langfristig verstärkt es das Problem oft, etwa durch Schlafprobleme, Stimmungstiefs oder Abhängigkeit. So kann ein Kreislauf entstehen, der allein schwer zu durchbrechen ist.
Welche Substanzen und Verhaltensweisen spielen eine Rolle?
Am häufigsten genannt werden Nikotin, Alkohol und Cannabis, dazu kommen Medikamente und Verhaltenssüchte. Die folgende Tabelle fasst zusammen, was wir aus den geprüften Quellen belegen können.
| Bereich | Was bekannt ist |
|---|---|
| Nikotin | Nach dem europäischen Konsensus ist die Raucherquote bei ADHS etwa doppelt so hoch. Hilfe beim Rauchstopp bietet in der Schweiz zum Beispiel stopsmoking.ch. |
| Alkohol und Drogen | Unter Menschen mit Substanzgebrauchsstörung ist ADHS häufig: 23,1 Prozent in einer Metaanalyse. Für Drogen zeigt die Langzeitstudie ein klar erhöhtes Risiko. |
| Cannabis | Eine kleine Pilotstudie mit einem Cannabinoid-Spray bei Erwachsenen mit ADHS fand beim Hauptergebnis keinen signifikanten Unterschied. Cannabis ersetzt keine ADHS-Behandlung. |
| Internet und Bildschirm | Eine Metaanalyse von 15 Studien fand einen mittleren Zusammenhang zwischen Internetabhängigkeit und ADHS-Symptomen. Die meisten Studien waren Querschnittsstudien, sie zeigen also einen Zusammenhang, nicht die Ursache. |
| Geld und Essen | Der Konsensus nennt impulsives Ausgeben, das zu Schulden führen kann, und impulsives Essen (Binge Eating) als mögliche Folge von Unruhe oder dem Wunsch nach sofortiger Belohnung. |

Zu digitalen Themen findest Du mehr im Beitrag zu ADHS und Gaming, zum Zusammenspiel mit Essverhalten im Beitrag zu ADHS und Essstörungen.
Aus der Praxis
Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Alkohol, Nikotin oder Cannabis ursprünglich gegen Unruhe, Anspannung oder Langeweile eingesetzt wurden. Deshalb fragen wir ohne Wertung nach Konsum, Beginn und danach, wozu er Dir dient. Das offen anzusprechen, ist keine Schande, und ein früherer oder aktueller Konsum schliesst eine ADHS-Behandlung nicht automatisch aus.
Was Betroffene oft unterschätzen: Konsum kann das Bild überlagern, sodass sich ADHS-Symptome und Folgen des Konsums schwer auseinanderhalten lassen. Ehrliche Angaben helfen uns, Behandlung und Begleitung passend zu planen. Bei einer Abhängigkeit kann es sinnvoll sein, zusätzlich eine Suchtberatung einzubeziehen.
Machen ADHS-Medikamente süchtig?
Nach heutiger Datenlage nicht in dem Sinn, dass sie eine Sucht auslösen, wenn sie ärztlich verordnet und begleitet werden. Der europäische Konsensus hält fest, dass eine Behandlung mit Stimulanzien bei Erwachsenen ohne frühere Suchterkrankung keine Suchterkrankung auslöst. Grosse Registerstudien fanden während der Behandlung sogar weniger substanzbezogene Ereignisse (Asherson, 2017). Eine systematische Übersicht (VA Evidence Synthesis Program, 2024) fand in Vergleichsstudien keinen Unterschied im Risiko einer neuen Suchterkrankung, mit geringer Sicherheit der Ergebnisse.
Anders ist die Lage, wenn bereits eine Suchterkrankung besteht. Dann sind die Ärztin oder der Arzt besonders sorgfältig. Nach dem Konsensus sollten Stimulanzien mit sofortiger Freisetzung in diesem Fall vermieden werden, während Präparate mit verzögerter Freisetzung ein geringeres Missbrauchspotenzial haben. Welches Medikament passt, entscheidet die behandelnde Person. Mehr zu den Medikamenten findest Du im Beitrag ADHS-Medikamente: Wirkung, Risiken und Mythen. Ändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust.
Was hilft bei ADHS und Sucht?
Meist die gleichzeitige Behandlung beider Probleme. Der europäische Konsensus schreibt, dass Alkohol- und Drogenprobleme stabilisiert werden sollten, aber gleichzeitig mit der ADHS behandelt werden können. Zu den Bausteinen gehören:
- Psychotherapie: In einer Studie mit 119 Erwachsenen mit ADHS und Substanzgebrauchsstörung hatte eine integrierte kognitive Verhaltenstherapie nach der Behandlung niedrigere ADHS-Werte als die reine Suchttherapie. Der Vorteil verschwand bei der Nachbefragung. Beim Substanzkonsum gab es keinen signifikanten Unterschied. Die Ergebnisse sind also vorsichtig zu lesen.
- Behandlung der ADHS: Nach dem Konsensus gibt es viele Daten, die eine Abnahme von Suchtproblemen in Phasen mit Stimulanzienbehandlung zeigen. Eine ärztliche Abklärung zeigt, welche Behandlung für Dich in Frage kommt.
- Beratung und Selbsthilfe: Auf SafeZone.ch gibt es kostenlose und anonyme Online-Beratung zu Suchtfragen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) nennt ausserdem suchtindex.ch, ein Verzeichnis von Fachstellen und Therapieangeboten.
- Struktur im Alltag: Feste Tagesabläufe, bewusste Pausen und kleine Belohnungen ohne Substanzen können helfen. Das sind praktische Anregungen, die nicht einzeln in ADHS-Studien geprüft wurden.
- Digitale Nutzung im Blick behalten: Offline-Zeiten und Zeitlimits können die Bildschirmnutzung begrenzen. Auch hier gilt: Probiere aus, was für Dich funktioniert.
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Du merkst, dass Du einen Konsum oder ein Verhalten nicht mehr steuern kannst, wenn Du ihn verheimlichst oder wenn Beruf, Beziehungen oder Gesundheit leiden. Das ist keine Schande, sondern ein guter Zeitpunkt, Hilfe zu holen. Sprich offen mit Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt oder mit einer Fachperson. Wenn Du nach längerem regelmässigem Konsum aufhören möchtest, tue das nicht abrupt auf eigene Faust, sondern sprich vorher mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Bei akuter Gefahr oder einer Vergiftung rufe die Rettung unter 144 an, bei Vergiftungen auch Tox Info Schweiz unter 145. Bei Gedanken, Dir etwas anzutun, oder in einer akuten Krise erreichst Du die Dargebotene Hand unter 143, rund um die Uhr und anonym.
Häufige Fragen zu ADHS und Sucht
Macht ADHS automatisch süchtig?
Nein. Das Risiko ist erhöht, aber ein erhöhtes Risiko ist keine Vorhersage. Impulsivität, Selbstmedikation bei Anspannung und belastende Erfahrungen können den Weg dorthin begünstigen. Wer das weiss, kann früh gegensteuern, zum Beispiel mit Struktur, Behandlung der ADHS und offenen Gesprächen mit Fachpersonen.
Hilft Cannabis bei ADHS?
Dafür gibt es keinen belastbaren Nachweis. Eine kleine Pilotstudie mit einem Cannabinoid-Spray fand beim Hauptergebnis keinen signifikanten Unterschied, und bei einzelnen Teilnehmenden traten Nebenwirkungen auf. Weitere Forschung ist nötig. Wenn Du Cannabis nutzt, um zur Ruhe zu kommen, sprich das offen in der Abklärung an.
Kann ich ADHS-Medikamente nehmen, wenn ich früher Drogen konsumiert habe?
Das ist im Einzelfall möglich, braucht aber eine sorgfältige ärztliche Abwägung. Nach dem europäischen Konsensus können auch Menschen mit Suchterkrankung ADHS-Medikamente erhalten, wobei Präparate mit geringerem Missbrauchspotenzial bevorzugt werden. Ein früherer oder aktueller Konsum schliesst eine Behandlung nicht automatisch aus. Wichtig ist, dass Du offen über Deine Vorgeschichte sprichst, damit Ärztin oder Arzt Präparate und Begleitung passend auswählen können.
Wo bekomme ich anonym Hilfe in der Schweiz?
Zum Beispiel bei SafeZone.ch, der Online-Beratung des BAG zu Suchtfragen, kostenlos und anonym, oder über das Verzeichnis suchtindex.ch. In der Schweiz kannst Du ausserdem mit Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt über das Thema sprechen. Bei akuter Not wählst Du 144 oder 143.
Fazit
ADHS und Sucht hängen häufig zusammen, aber der Weg heraus ist machbar. Der erste Schritt ist, das Thema ohne Scham anzusprechen. Wenn Du wissen möchtest, wie wir bei der Abklärung vorgehen, findest Du Informationen auf der Seite zur ADHS-Abklärung, zu den Behandlungsmöglichkeiten auf der Seite zur ADHS-Therapie. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.
Quellen
- van Emmerik-van Oortmerssen K et al. (2012). Prevalence of attention-deficit hyperactivity disorder in substance use disorder patients: A meta-analysis and meta-regression analysis. Drug and Alcohol Dependence 122(1-2):11-19. Universität Groningen
- Levy S et al. (2014). Childhood ADHD and Risk for Substance Dependence in Adulthood: A Longitudinal, Population-Based Study. PLOS ONE. PLOS ONE
- Kooij JJS et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Volltext (PDF)
- Asherson P (2017). Drug Treatments for ADHD Reduce Risk of Substance Use Disorders (Editorial). American Journal of Psychiatry. Psychiatry Online
- VA Evidence Synthesis Program (2024). ADHD and Substance Use Disorders in Adults. VA ESP
- van Emmerik-van Oortmerssen K et al. (2019). Integrated cognitive behavioral therapy for ADHD in adult substance use disorder patients: Results of a randomized clinical trial. Drug and Alcohol Dependence 197:28-36. ScienceDirect
- Cooper RE et al. (2017). Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial. European Neuropsychopharmacology. King’s College London
- Wang B et al. (2017). The association between attention deficit/hyperactivity disorder and internet addiction: a systematic review and meta-analysis. BMC Psychiatry. Springer
- Bundesamt für Gesundheit BAG: SafeZone.ch. BAG, und Hilfsangebote bei Sucht. BAG
- Die Dargebotene Hand: 143.ch