Antriebslos, erschöpft, schnell gereizt und das Gefühl, nichts auf die Reihe zu bekommen: Solche Beschreibungen passen zu ADHS und zu einer Depression. Beides kommt bei Erwachsenen häufig gemeinsam vor, und die Beschwerden überlappen. Dadurch wird oft nur eines von beiden erkannt. In diesem Ratgeber erfährst Du, wie sich ADHS und Depression unterscheiden, was die Forschung zum Zusammenhang sagt und wie die Behandlung aussehen kann.
Kurz erklärt: ADHS und Depression treten bei Erwachsenen häufig gemeinsam auf. Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für eine Depression, unter anderem wegen genetischer Überlappungen und belastender Alltagserfahrungen. Weil sich Beschwerden wie Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen überschneiden, ist eine sorgfältige ärztliche Abklärung wichtig. Beide Störungen lassen sich behandeln, oft mit einer Kombination aus Psychotherapie und, wenn sinnvoll, Medikamenten.
Wie häufig treten ADHS und Depression gemeinsam auf?
Häufig, aber die genauen Zahlen unterscheiden sich stark je nach Studie. Eine systematische Übersicht zu Begleiterkrankungen bei Erwachsenen fand Depressionen bei ADHS in der Allgemeinbevölkerung in 8,6 bis 55 Prozent, bei Erwachsenen ohne ADHS in 1,2 bis 12,5 Prozent. Die Autorinnen und Autoren betonen die grosse Streuung der Studien, etwa wegen unterschiedlicher diagnostischer Methoden (Choi et al., 2022). Der europäische Konsens nennt für Erwachsene mit ADHS Stimmungsstörungen in etwa 22 Prozent (Kooij et al., 2019). Eine Übersichtsarbeit gibt Depressionsraten von 18,6 bis 53,3 Prozent an und beschreibt, dass Erwachsene mit ADHS ein etwa dreifach erhöhtes Risiko für eine Major Depression haben (Katzman et al., 2017).
| Quelle | Befund zu Depression bei ADHS |
|---|---|
| Choi et al., 2022 (Review) | 8,6 bis 55 % bei ADHS vs. 1,2 bis 12,5 % ohne ADHS (Allgemeinbevölkerung) |
| Kooij et al., 2019 (Konsens) | Stimmungsstörungen bei etwa 22 % der Erwachsenen mit ADHS |
| Katzman et al., 2017 (Review) | 18,6 bis 53,3 %, etwa dreifach erhöhtes Risiko für Major Depression |
| Garcia-Argibay et al., 2024 (Schweden) | Hazard Ratio 4,12 für spätere Major Depression nach Berücksichtigung gemeinsamer familiärer Faktoren |
Dass der Zusammenhang nicht nur Zufall oder Ähnlichkeit der Beschwerden ist, zeigt eine schwedische Studie mit über einer Million Personen: ADHS ging mit einem erhöhten Risiko für eine spätere Depression einher, auch nach Berücksichtigung familiärer Faktoren. Die Analysen sprechen für einen Zusammenhang, der sich nicht allein durch gemeinsame Gene und Familienumfeld erklären lässt (Garcia-Argibay et al., 2024). Das heisst nicht, dass jede Person mit ADHS eine Depression entwickelt.
Wie unterscheiden sich ADHS und Depression?
Viele Beschwerden überschneiden sich, aber die Schwerpunkte unterscheiden sich oft. Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme und das Gefühl, nichts zu schaffen, kommen bei beiden vor. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass sich emotionale Schwankungen bei ADHS mit Stimmungsstörungen überschneiden und leicht fehlgedeutet werden können (Katzman et al., 2017). Die folgende Übersicht zeigt typische Schwerpunkte. Sie ersetzt keine Diagnose, und im Einzelfall kommt beides zusammen vor.
| ADHS eher | Depression eher | |
|---|---|---|
| Stimmung | Schwankend, schnell gereizt | Anhaltend niedergeschlagen, leer, hoffnungslos |
| Energie | Sprunghaft, innere Unruhe | Anhaltend gering, bleierne Müdigkeit |
| Interesse | Wechselnd, stark vom Reiz abhängig | Verlust von Freude auch an früher geliebten Dingen |
| Beginn | Seit der Kindheit | Meist als erkennbare Veränderung zum früheren Zustand |
| Verlauf | Dauerhaft vorhanden | Phasenweise, über Wochen anhaltend |

Wichtig: Die Diagnose stellt eine Fachperson. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass bei Personen, die wegen Stimmungs- und Angstbeschwerden zugewiesen wurden, in einem Teil der Fälle eine ADHS unentdeckt war (Katzman et al., 2017). Umgekehrt sollten depressive Beschwerden auch dann behandelt werden, wenn bereits eine ADHS bekannt ist. Mehr zur Abgrenzung findest Du im Beitrag Unterschied zwischen ADHS, Burnout und Depression.
Warum erhöht ADHS das Risiko für Depression?
Vermutlich wirken mehrere Faktoren zusammen. Eine Übersichtsarbeit zur Genetik fand eine deutliche genetische Überlappung zwischen ADHS und Major Depression (genetische Korrelation 0,45) und beschreibt Hinweise auf wechselseitige Einflüsse (Ribasés et al., 2023). Dazu kommen Alltagserfahrungen: Wer wiederholt Kritik erlebt, Aufgaben nicht wie geplant schafft oder sich ständig bemühen muss, «normal» zu funktionieren, kann dauerhaft unter Druck geraten. Eine Übersichtsarbeit zu 125 Reviews nennt bei ADHS unter anderem ein geringeres Selbstwertgefühl und Stimmungsstörungen (French et al., 2024). Eine Übersicht zu Begleiterkrankungen beschreibt ausserdem, dass depressive Symptome auch eine Folge der Bewältigung von ADHS-Schwierigkeiten sein können (Katzman et al., 2017). Mehr zu diesem Thema im Beitrag zu Minderwertigkeitsgefühlen bei ADHS.
Wer von aussen angepasst wirkt, bleibt oft lange unentdeckt. Zum Beispiel wirkt eine Person in der Arbeit unauffällig, braucht dafür aber abends alle Kraft und zieht sich zurück. In einer spanischen Studie hatten Frauen mit ADHS häufiger Depression und Angst als Männer und wurden im Schnitt später diagnostiziert (Mestres et al., 2025). Das ist ein Befund einer einzelnen Stichprobe.
Aus der Praxis
In der Sprechstunde fragen wir zuerst nach dem Verlauf: Bestanden die Konzentrations- und Organisationsschwierigkeiten schon in der Kindheit, oder haben sie sich erst in einer Phase gedrückter Stimmung entwickelt? Dazu gehört, wie lange die Stimmung anhält, ob die Freude an früher geliebten Dingen verloren ging und wie es um Schlaf und Antrieb steht.
Wichtig ist uns, beides sorgfältig zu erfassen, weil sich die Beschwerden überlappen und leicht nur eine Seite erkannt wird. Welche Beschwerden zuerst behandelt werden, entscheiden wir gemeinsam mit Dir, ausgehend davon, was Dich im Moment am stärksten belastet. Bei Hoffnungslosigkeit oder Suizidgedanken warte bitte nicht auf einen Termin, sondern hole sofort Hilfe, Hinweise dazu findest Du im Artikel.
Wie werden ADHS und Depression gemeinsam behandelt?
Mit einem individuellen Plan, der beide Störungen berücksichtigt. Der europäische Konsens verlangt, alle Begleiterkrankungen zu erfassen, damit die beste Behandlungsreihenfolge gemeinsam mit der betroffenen Person festgelegt werden kann (Kooij et al., 2019). Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass häufig zuerst die Erkrankung behandelt wird, die am stärksten beeinträchtigt und am instabilsten ist (Fu et al., 2025).

Psychotherapie
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die am besten untersuchte Form. Eine Metaanalyse mit 20 randomisierten Studien und 12 unkontrollierten Studien fand unter KVT Verbesserungen bei Lebensqualität, emotionaler Dysregulation, Depression und Angst, besonders bei Nachuntersuchungen. Für andere Verfahren wie dialektisch-behaviorale Therapie, Achtsamkeit oder Neurofeedback war die Studienlage kleiner und mit höherem Verzerrungsrisiko verbunden (López-Pinar et al., 2020). Für die ADHS-Kernsymptome selbst zeigte eine Metaanalyse randomisierter Studien einen mittleren bis grossen Effekt gegenüber einer Warteliste und einen kleinen bis mittleren Effekt gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen (Young et al., 2020). Zur Therapie gehören oft auch Routinen, Zeitmanagement und der Umgang mit negativen Gedanken. Der Beitrag Impulsivität bei ADHS zeigt, wie sich Kernsymptome im Alltag auswirken.
Medikamente
Ob ADHS-Medikamente, Antidepressiva oder beides infrage kommen, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit Dir. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Medikamente, die nur das Serotoninsystem beeinflussen, ADHS-Symptome meist nicht ausreichend behandeln (Katzman et al., 2017). Deshalb sind eine sorgfältige Abklärung und eine engmaschige Begleitung wichtig. Wechselwirkungen und Nebenwirkungen müssen beachtet werden. Ändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust.
Alltag und Selbsthilfe
Regelmässige Bewegung und ausgewogene Ernährung gehören laut NICE zu den allgemeinen Empfehlungen für Erwachsene mit ADHS (NICE, 2018). Auch Schlafroutinen und Austausch in Selbsthilfegruppen können entlasten. NICE ermutigt ausdrücklich zur Teilnahme an Peer-Support-Gruppen. Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung, ergänzt sie aber gut. Eine Liste von Gruppen findest Du bei Selbsthilfe Schweiz.
Wann ist ärztliche Hilfe wichtig?
Wenn Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Hoffnungslosigkeit über längere Zeit anhalten oder Deinen Alltag stark einschränken. Sprich dann mit Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder einer Fachperson. Auch wenn Du schon eine ADHS-Diagnose hast, sollten Stimmungsprobleme abgeklärt werden. Ein Termin bei einer Fachperson lohnt sich auch dann, wenn Du nicht sicher bist, ob es «schlimm genug» ist.
Wenn Du daran denkst, Dir das Leben zu nehmen, oder Dich in einer akuten Krise befindest, warte nicht: Wähle die 144 (Rettung) oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch die Hausarztpraxis oder der Notfall sind Anlaufstellen. Mehr zu diesem Thema im Beitrag Suizidgedanken bei ADHS: Anzeichen und Hilfe in der Schweiz.
Wie zeigt sich ADHS bei Frauen mit Depression?
Bei Frauen stehen häufiger nach innen gerichtete Beschwerden im Vordergrund, etwa Niedergeschlagenheit, Ängste und Selbstzweifel. Deshalb werden Frauen oft über Jahre wegen einer Depression behandelt, ohne dass jemand nach ADHS fragt. Wenn eine Depression trotz Behandlung nicht richtig besser wird, kann es sich lohnen, ADHS mit abklären zu lassen. Die Studienlage und den Ablauf der Abklärung findest Du im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.
Häufige Fragen zu ADHS und Depression
Kann ADHS eine Depression auslösen?
ADHS ist ein Risikofaktor, aber nicht die alleinige Ursache. Eine grosse schwedische Studie fand ein erhöhtes Risiko für eine spätere Depression bei ADHS, das sich nicht allein durch gemeinsame familiäre Faktoren erklären liess (Garcia-Argibay et al., 2024). Belastende Erfahrungen, Überforderung und Selbstzweifel können mitwirken. Nicht jeder Mensch mit ADHS wird depressiv.
Kann eine Depression ADHS vortäuschen?
Ja, die Beschwerden können sich ähneln. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit und Antriebslosigkeit kommen bei einer Depression ebenfalls vor. Deshalb ist wichtig, ob die Schwierigkeiten schon seit der Kindheit bestehen und auch in depressionsfreien Phasen auftreten. Eine sorgfältige Abklärung berücksichtigt den Verlauf über das Leben und mögliche Begleiterkrankungen (Kooij et al., 2019).
Werden ADHS und Depression gleichzeitig behandelt?
Das hängt vom Einzelfall ab. Oft wird zuerst die Störung behandelt, die am stärksten belastet oder am instabilsten ist, und die andere wird mitgedacht (Fu et al., 2025). Wichtig ist ein gemeinsamer Plan mit einer Fachperson, die beide Störungen kennt.
Hilft Psychotherapie auch bei ADHS und Depression zusammen?
Ja, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie ist gut untersucht. In einer Metaanalyse verbesserte sie bei Erwachsenen mit ADHS unter anderem Depression, Angst und Lebensqualität (López-Pinar et al., 2020). Die Studien sind jedoch nicht alle von hoher Qualität. Passende Ansätze bespricht Dein Arzt oder Deine Therapeutin mit Dir.
Fazit
ADHS und Depression kommen oft zusammen vor und sind beide behandelbar. Wichtig ist, dass beide erkannt und gemeinsam gedacht werden, statt eines zu übersehen. Du musst das nicht allein schaffen. Welche Behandlung zu Dir passen kann, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Therapie. Weitere Zusammenhänge findest Du im Beitrag zu Begleiterkrankungen bei ADHS. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.
Quellen
- Choi W.S., Woo Y.S., Wang S.M., Lim H.K., Bahk W.M. (2022): The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLOS ONE. plos.org
- Katzman M.A., Bilkey T.S., Chokka P.R., Fallu A., Klassen L.J. (2017): Adult ADHD and comorbid disorders: clinical implications of a dimensional approach. BMC Psychiatry. springer.com
- Kooij J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Garcia-Argibay M. et al. (2024): Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Major Depressive Disorder: Evidence From Multiple Genetically Informed Designs. Biological Psychiatry, 95(5), 444-452. sciencedirect.com
- Ribasés M. et al. (2023): Genetic architecture of ADHD and overlap with other psychiatric disorders and cognition-related phenotypes. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 153. sciencedirect.com
- French B. et al. (2024): The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
- López-Pinar C. et al. (2020): Efficacy of Nonpharmacological Treatments on Comorbid Internalizing Symptoms of Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Meta-Analytic Review. Journal of Attention Disorders, 24(3). sagepub.com
- Young Z., Moghaddam N., Tickle A. (2020): The Efficacy of Cognitive Behavioral Therapy for Adults With ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Journal of Attention Disorders, 24(6), 875-888. sagepub.com
- Fu X. et al. (2025): Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: A review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry, 16, 1597559. frontiersin.org
- Mestres F. et al. (2025): Sex differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based study. European Psychiatry, 68(1). cambridge.org
- NICE (2018, aktualisiert 2019): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87), Empfehlungen 1.6.1 und 1.9.4. nice.org.uk
- Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und E-Mail. 143.ch