Immer mehr Erwachsene und Eltern in der Schweiz fragen sich, ob bei ihnen selbst oder bei ihrem Kind eine ADHS-Diagnose sinnvoll sein könnte. ADHS ist kein reines Kinderthema: Nach einem Schweizer Übersichtsartikel bleiben die Symptome bei etwa 40 bis 60 Prozent der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen (Müller et al., 2022), und gerade bei Erwachsenen wird ADHS oft spät erkannt. Dieser Ratgeber gibt Dir einen Überblick, wie eine Diagnostik abläuft, was Du vorbereiten kannst und was danach kommt. Wer in der Schweiz zuständig ist und wie die Kosten geregelt sind, fassen wir weiter unten kurz zusammen und erklären es in einem eigenen Ratgeber ausführlich.
Kurz erklärt: Eine ADHS-Diagnostik besteht aus mehreren Bausteinen: einem ausführlichen Gespräch zu Deiner Lebensgeschichte, einem strukturierten Interview und Fragebögen, wenn möglich Einschätzungen von nahestehenden Personen und der Prüfung anderer möglicher Ursachen. Die Diagnose stellt eine Fachperson, sie stützt sich nie nur auf einen Test. Wichtig ist, dass Symptome seit der Kindheit bestehen und den Alltag in mehreren Lebensbereichen beeinträchtigen.
Wofür ist eine ADHS-Diagnose hilfreich?
Eine Diagnose gibt Deinen Schwierigkeiten einen Namen und ist die Grundlage für eine passende Behandlung. Sie kann zum Beispiel helfen, Therapie und Medikation gezielt zu planen, Anpassungen im Arbeits- oder Schulalltag zu besprechen und Selbstvorwürfe besser einzuordnen. Die Diagnose sollte weder leichtfertig gestellt noch aus Angst vor Stigmatisierung vermieden werden. Eine sorgfältige Abklärung kann Entlastung bringen und zeigt, welche Hilfen infrage kommen.
Wie läuft eine ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen ab?
Die Diagnostik bei Erwachsenen erfolgt in mehreren, aufeinander abgestimmten Schritten. Die Schweizer Fachliteratur beschreibt sie als klinische Diagnose, bei der alle verfügbaren Informationen zusammengeführt werden (Stieglitz, 2023). Üblicherweise gehören folgende Bausteine dazu.

Ausführliches Gespräch (Anamnese)
Im Erstgespräch geht es um Deine Lebensgeschichte, Deine Schulzeit, Deine beruflichen Stationen und Deine aktuellen Schwierigkeiten. Typische Fragen sind: Wann sind Dir erste Auffälligkeiten aufgefallen? Wie war Dein Schulalltag? Gibt es in der Familie ADHS oder andere psychische Erkrankungen? Die Anamnese umfasst auch biografische Ereignisse und Schwierigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen wie Ausbildung, Familie und sozialen Kontakten (Müller et al., 2022).
Strukturiertes Interview und Fragebögen
Zum Einsatz kommen standardisierte Verfahren. Genannt werden zum Beispiel Screening-Fragebögen wie die ASRS, die Wender-Utah-Rating-Skala zur Erinnerung an die Kindheit und strukturierte Interviews wie das DIVA (Müller et al., 2022). Ein halbstrukturiertes Interview wie das DIVA 2.0 wird auch in der europäischen Konsensempfehlung ausdrücklich empfohlen (Kooij et al., 2019). Ergänzend werden oft Fragebögen zu Depression und Angst eingesetzt.

Fremdanamnese und Entwicklungsverlauf
Wenn möglich, wird eine Einschätzung von Eltern, Partnerin, Partner oder anderen nahestehenden Personen eingeholt. Sie liefert wertvolle Zusatzinformationen (Kooij et al., 2019). Auch alte Schulzeugnisse oder Arbeitszeugnisse können Hinweise zum Verhalten in früheren Jahren geben (Stieglitz, 2023). Für die Diagnose müssen einige Symptome schon vor dem zwölften Lebensjahr vorhanden gewesen sein (Kooij et al., 2019).
Neuropsychologische Testung (nicht immer nötig)
Tests zu Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Impulskontrolle können je nach Fragestellung ergänzen. Sie erlauben allein jedoch keine Diagnose (Stieglitz, 2023).
Prüfung anderer Ursachen (Differenzialdiagnostik)
Ein wichtiger Schritt ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden auslösen können. Als Differenzialdiagnosen nennt die Fachliteratur unter anderem affektive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung, Schlafapnoe und das Restless-Legs-Syndrom (Müller et al., 2022). Mehr zum Unterschied findest Du in den Ratgebern zu ADHS oder Autismus und zu Neurodivergenz und ADHS.
Diagnose und Rückmeldung
Wenn genügend Hinweise vorliegen, wird die Diagnose gestellt. Die Ergebnisse werden Dir erklärt, Fragen werden beantwortet und nächste Schritte gemeinsam besprochen.
Aus der Praxis
Viele Menschen machen sich vor der Abklärung Sorgen, ob sie die Kindheit überhaupt noch genau genug erinnern. Dazu können wir beruhigen: Es geht nicht um perfekte Erinnerungen. In der Sprechstunde fragen wir nach der Schulzeit, nach Rückmeldungen von damals und nach Dingen, die Dir aufgefallen sind. Alte Zeugnisse oder die Einschätzung einer nahestehenden Person können helfen, sind aber keine Voraussetzung.
Wichtig ist uns, dass die Diagnose nicht aus einem einzelnen Baustein entsteht. Wir setzen Gespräch, Fragebögen und, wenn möglich, Aussagen anderer zu einem Gesamtbild zusammen und prüfen auch andere Erklärungen. Am Ende besprechen wir Ergebnis und nächste Schritte in Ruhe gemeinsam mit Dir.
Wie unterscheidet sich die Diagnostik bei Kindern und Erwachsenen?
Bei Kindern stehen Beobachtungen aus Familie und Schule im Vordergrund, bei Erwachsenen vor allem Deine eigenen Angaben. Die Grundlage ist aber ähnlich: Die Symptome müssen in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag beeinträchtigen (DGPPN, 2018).
| Kinder und Jugendliche | Erwachsene | |
|---|---|---|
| Wichtigste Informationsquelle | Eltern, Lehrpersonen, Verhaltensbeobachtung | Eigene Angaben, ergänzt durch nahestehende Personen |
| Fremdangaben | Von Eltern und Lehrpersonen, je nach Alter auch vom Kind | Von Eltern, Partnerin oder Partner, alte Zeugnisse |
| Rückblick | Aktueller Verlauf | Erinnerung an die Kindheit (z. B. mit Fragebogen) |
| Typische Fachperson | Kinder- und Jugendpsychiatrie, spezialisierte Dienste | Psychiatrie und Psychotherapie, psychologische Fachpersonen |
Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC weist ebenfalls darauf hin, dass es keinen einzelnen Test für ADHS gibt und dass Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen befragt werden sollten.
Was brauche ich für die ADHS-Abklärung, und wie lange dauert sie?

Die Dauer hängt vom Angebot, von der Verfügbarkeit der Termine und von der Komplexität Deiner Situation ab. In der Regel braucht es mehrere Termine. Du kannst Dich so vorbereiten:
- Schulzeugnisse, vor allem aus der Primar- oder Sekundarstufe
- Berichte früherer Therapien oder der Schulpsychologie
- eine schriftliche Liste Deiner aktuellen Schwierigkeiten im Alltag
- Fragen, die Du an die Fachperson hast
- bereits gemachte Selbsttests als Gesprächsgrundlage, nicht als Ergebnis
- Namen von Personen, die Dich aus Kindheit und heute gut kennen
Wer ist zuständig, und was ist bei den Kosten zu beachten?
Die Abklärung machen in der Regel Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, bei Kindern die Kinder- und Jugendpsychiatrie, ergänzend auch psychologische Fachpersonen. Bei der Abrechnung über die Grundversicherung (OKP) gelten bei psychologischer Psychotherapie besondere Regeln, unter anderem braucht es eine ärztliche Anordnung (BAG, 2022). Frage deshalb vor dem ersten Termin nach Ablauf und Kosten. Alle Details dazu findest Du im Ratgeber Wer darf ADHS in der Schweiz diagnostizieren? und im Beitrag zu den typischen Fragen aus Erstgesprächen.
Was passiert nach der Diagnose?
Nach der Diagnose entscheidest Du gemeinsam mit der Fachperson, welche Unterstützung zu Dir passt. Für Erwachsene empfiehlt die europäische Konsensempfehlung einen mehrteiligen Ansatz mit Psychoedukation, Medikation, kognitiver Verhaltenstherapie und Coaching, wobei Psychoedukation der erste Schritt sein sollte (Kooij et al., 2019). Bei Kindern und Jugendlichen gehören auch Elterntraining und Verhaltensmodifikation dazu (Schmeck et al., 2008).
- Psychoedukation: Wissen über ADHS und den Umgang mit Symptomen
- Psychotherapie: kognitive Verhaltenstherapie hat bei Erwachsenen in der bisherigen Forschung die meiste Evidenz (Müller et al., 2022)
- Medikation: wird ärztlich besprochen und begleitet, die Entscheidung triffst Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt
- Coaching und Alltagsstrategien: Struktur, Zeitmanagement, Selbstorganisation
- Austausch: Selbsthilfegruppen und Angebote für Angehörige

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Deine Schwierigkeiten seit Langem bestehen und Dich im Alltag, im Beruf oder in Beziehungen belasten, lohnt sich eine Abklärung. Das gilt auch, wenn Du zusätzlich niedergeschlagen bist oder sehr schlecht schläfst. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deinen Hausarzt oder den Notfall, rufe die 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand.
Worauf solltest Du als Frau bei der ADHS-Abklärung achten?
Achte darauf, dass die Fachperson Erfahrung mit ADHS im Erwachsenenalter hat und weiss, wie sich ADHS bei Frauen zeigen kann. Hilfreich sind ein ausführliches Gespräch über Kindheit und Alltag und, wenn möglich, Angaben von Angehörigen, besonders wenn Du viel kompensierst. Sprich auch an, wenn Konzentration und Stimmung mit Deinem Zyklus oder einer Lebensphase zusammenhängen. Mehr dazu im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.
Häufige Fragen zur ADHS-Diagnose
Wie lange dauert eine ADHS-Diagnose?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es hängt vom Angebot, von der Verfügbarkeit der Termine und davon ab, wie viele Informationen vorliegen. Meist sind mehrere Termine nötig: ein ausführliches Gespräch, Interview und Fragebögen und ein Abschlussgespräch. Je besser Du Zeugnisse und Rückmeldungen von früher vorbereitest, desto effizienter kann die Abklärung ablaufen.
Kann man ADHS mit einem Online-Test diagnostizieren?
Nein. Online-Tests und Fragebögen wie die ASRS sind Screening-Verfahren. Sie geben eine erste Orientierung, ersetzen aber nicht die Diagnose. Diese braucht ein ausführliches Gespräch, ein strukturiertes Interview, möglichst Informationen aus der Kindheit und die Prüfung anderer Ursachen durch eine qualifizierte Fachperson.
Muss ich Medikamente nehmen, wenn ich die Diagnose bekomme?
Nein. Die Diagnose ist die Grundlage für eine Behandlung, aber nicht jede Behandlung enthält Medikamente. Psychoedukation, Psychotherapie und Coaching sind wichtige Bausteine. Ob Medikamente für Dich infrage kommen, besprichst Du in Ruhe mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt, die Entscheidung triffst Du gemeinsam mit ihr oder ihm.
Was ist, wenn ich mich in der Kindheit nicht auffällig erinnere?
Das kommt vor, zum Beispiel wenn die Symptome weniger auffällig waren. Die Fachperson fragt nach, wie es in der Schule und zuhause war, und bezieht wenn möglich Eltern oder Geschwister ein. Alte Zeugnisse helfen. Wenn die Symptome nicht früh begonnen haben, prüft die Fachperson andere Erklärungen.
Fazit: Eine Diagnose ist ein strukturierter, individueller Prozess
Die ADHS-Diagnostik braucht Zeit, Offenheit und gute Zusammenarbeit zwischen Dir und der Fachperson. Wer sich darauf einlässt, gewinnt oft Klarheit und Handlungsspielraum, ob als betroffene Person oder als Elternteil. Im kostenlosen Erstgespräch mit unserem Beratungsteam kannst Du offene Fragen besprechen. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Wir sind in Zürich und Biel für Dich da, geeignete Termine auch per Video.
Quellen
- Kooij JJS et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Zum Artikel
- Müller TJ et al. (2022): Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter: Neurobiologie, Epidemiologie, Diagnostik und Behandlung. Swiss Medical Forum 22(27-28):439-445. Zum Artikel
- Stieglitz R-D (2023): Diagnostik und Differenzialdiagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 1/2023. Zum Artikel
- DGPPN u. a. (2018): Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (AWMF-Register 028-045). Zur Langfassung
- Schmeck K et al. (2008): Behandlung von Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen. Schweizerisches Medizin-Forum. Zum Artikel
- Bundesamt für Gesundheit BAG (2022): Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. Zur Seite
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Diagnosing ADHD. Zur Seite