EMDR bei ADHS: Wann es sinnvoll sein kann

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Sein Schwerpunkt ist die medikamentöse ADHS-Behandlung bei Erwachsenen.

Inhaltsverzeichnis

EMDR kennst Du vielleicht aus der Traumatherapie. Immer wieder taucht die Methode aber auch im Zusammenhang mit ADHS auf. Was dahintersteckt, ob EMDR bei ADHS wirkt und in welchen Situationen es trotzdem sinnvoll sein kann, erfährst Du in diesem Ratgeber. Mehr zu den Hintergründen der Störung findest Du im Beitrag ADHS in der Familie: Ist es vererbbar?

Kurz erklärt: EMDR ist eine Psychotherapiemethode, die für die Behandlung von Traumafolgestörungen (PTBS) etabliert ist. Als Behandlung der ADHS selbst ist EMDR nicht belegt: Dazu gibt es bisher nur Einzelfallberichte. Sinnvoll kann EMDR sein, wenn zusätzlich zu ADHS eine Traumafolgestörung oder stark belastende Erfahrungen im Vordergrund stehen, dann als Teil einer ärztlich oder psychotherapeutisch begleiteten Behandlung.

Was ist EMDR und wie läuft eine Sitzung ab?

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch etwa Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen. Entwickelt wurde die Methode von der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Dabei richtest Du die Aufmerksamkeit auf eine belastende Erinnerung, während die Therapeutin oder der Therapeut eine bilaterale Stimulation anleitet, zum Beispiel durch Augenbewegungen, Töne oder abwechselnde Berührungen.

Eine Behandlung beginnt mit einem Gespräch über Deine Geschichte und Ziele, danach folgt meist eine Phase der Stabilisierung, in der Du lernst, Dich bei Anspannung zu beruhigen. Erst dann werden belastende Erinnerungen mit der Stimulation bearbeitet, am Ende steht eine Nachbesprechung. Wie EMDR im Detail wirkt, ist wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt.

Ist EMDR eine Behandlung für ADHS?

Nein, EMDR gilt nicht als etablierte Behandlung der ADHS-Kernsymptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Belegt ist EMDR für Traumafolgestörungen. Bei ADHS liegen bislang nur Fallberichte vor. Ein Beispiel ist der Bericht über ein Kind mit ADHS und schweren belastenden Kindheitserfahrungen, bei dem sich nach EMDR exekutive Funktionen und die emotionale Regulation über neun Monate verbesserten. Die Autorinnen und Autoren schlagen EMDR darin als mögliche ergänzende Behandlung bei ADHS mit traumatischen Erfahrungen vor, betonen aber den Forschungsbedarf. Ein einzelner Fall sagt nichts darüber aus, ob die Methode bei anderen Menschen wirkt.

Eine systematische Übersicht zu EMDR bei anderen Störungen als PTBS wertete 90 Studien aus und fand überwiegend positive Ergebnisse, etwa bei Schmerzen und Angst. Die Autorinnen und Autoren betonen aber, dass methodisch strengere Studien nötig sind. Aussagen zur ADHS lassen sich daraus nicht ableiten. Setze Medikamente nie auf eigene Faust ab, auch nicht im Vertrauen auf eine Psychotherapie. Mehr zum Thema erfährst Du im Beitrag ADHS ohne Medikamente behandeln.

Wann kann EMDR bei ADHS trotzdem sinnvoll sein?

Eine Person spricht gestikulierend, die andere hört aufmerksam zu. Auf dem Tisch liegen ein Notizbuch und eine Brille, eine typische Gesprächssituation in der Psychotherapie.

EMDR kann sinnvoll sein, wenn zusätzlich zur ADHS eine Traumafolgestörung besteht. ADHS und PTBS kommen bei Erwachsenen häufig gemeinsam vor, und das Zusammentreffen geht in einer systematischen Übersicht von 21 Studien mit stärkeren Beeinträchtigungen im Alltag einher als eine Diagnose allein. Das ist ein Grund, bei ADHS sorgfältig nach weiteren Erkrankungen zu schauen. Mehr dazu liest Du in den Beiträgen zu ADHS und Trauma und zu Begleiterkrankungen bei ADHS.

Für die Behandlung der PTBS selbst ist die Lage klarer. Die aktualisierte deutsche S3-Leitlinie beschreibt die traumafokussierte Psychotherapie als Therapie der ersten Wahl. Traumafokussierte Methoden, darunter kognitive Verhaltenstherapie mit Traumafokus und EMDR, sind nichttraumafokussierten Ansätzen überlegen. Geht es bei Dir also um Flashbacks, Albträume, Schreckhaftigkeit oder das Vermeiden bestimmter Orte und Erinnerungen, ist EMDR ein möglicher Weg. Ob eine Traumafolgestörung vorliegt, kann nur eine Fachperson beurteilen. Gerade bei einer spät gestellten Diagnose können Fragen zu früheren Erfahrungen auftauchen, mehr dazu im Beitrag ADHS bei über 50-Jährigen. Wer ADHS in der Schweiz diagnostizieren darf, erfährst Du hier: Wer darf ADHS diagnostizieren?

Aus der Praxis

In der Abklärung fragen wir sorgfältig, ob neben der ADHS auch belastende frühere Erfahrungen oder Beschwerden wie Albträume, Schreckhaftigkeit oder Flashbacks bestehen, denn Traumafolgen und ADHS können nebeneinander vorkommen. Oft bringen Betroffene die Frage mit, ob EMDR die ADHS selbst verbessert. Hier ordnen wir ehrlich ein: EMDR ist für Traumafolgestörungen etabliert, für die ADHS selbst nicht.

Wichtig ist uns, dass nichts überstürzt wird. Zuerst klären wir gemeinsam, was im Vordergrund steht und wie die Behandlungen aufeinander abgestimmt werden. Traumaarbeit gehört in fachkundige Hände, und Du musst nichts erzählen, wozu Du noch nicht bereit bist.

Wie unterscheidet sich EMDR von Verhaltenstherapie?

Verhaltenstherapie arbeitet an Gewohnheiten und Strategien im Alltag, EMDR an der Verarbeitung belastender Erinnerungen. Für die Behandlung der ADHS selbst hat die kognitive Verhaltenstherapie die bessere Datenlage:

Merkmal Kognitive Verhaltenstherapie EMDR
Schwerpunkt Alltagsstrategien, Organisation, Umgang mit Gedanken und Gefühlen Verarbeitung belastender Erinnerungen
Datenlage bei ADHS Unter den Psychotherapien die meiste Evidenz bei Erwachsenen Bisher nur Einzelfallberichte
Gut belegt bei ADHS im Erwachsenenalter, wobei die Nachhaltigkeit der Effekte noch genauer erforscht werden muss Posttraumatische Belastungsstörung

Das stützt eine Basler Übersicht zur Behandlung der ADHS bei Erwachsenen: Die Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie im Einzel- oder Gruppensetting fand in der bisherigen Forschung am meisten Evidenz. Wie die Behandlung aufgebaut sein kann, erklärt der Beitrag zur multimodalen Therapie bei ADHS. Ergänzend kommen je nach Bedarf Ansätze wie Coaching oder Achtsamkeit in Frage.

Worauf achtest Du, wenn Du EMDR in der Schweiz suchst?

Detailaufnahme einer Frau im Lotussitz mit Mudra-Handhaltung, umgeben von Kerzen und Räucherwerk, als Symbol für innere Ruhe.

Achte auf eine anerkannte Ausbildung in EMDR und auf Erfahrung mit ADHS bei Erwachsenen. Folgende Punkte helfen Dir bei der Wahl:

  • Frage im Vorgespräch nach der EMDR-Weiterbildung und nach Erfahrung mit ADHS und Traumafolgen.
  • Lass Dir erklären, warum EMDR in Deinem Fall sinnvoll sein soll. Bei reiner ADHS ohne Trauma ist die Begründung eine andere als bei PTBS.
  • Sei vorsichtig bei Versprechen wie „ADHS lässt sich mit EMDR heilen“.
  • Bei akuten Krisen steht zuerst Stabilisierung und Sicherheit im Vordergrund, nicht die Verarbeitung belastender Erinnerungen.
  • Kläre vorher, wer die Kosten übernimmt. Die Grundversicherung vergütet Psychotherapie bei Krankheit, wenn sie von einer berechtigten Ärztin oder einem berechtigten Arzt angeordnet wird. Ob EMDR in Deiner Behandlung als Teil einer solchen Psychotherapie läuft, klärst Du mit der Therapeutin oder dem Therapeuten und Deiner Krankenkasse.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn Dich belastende Erinnerungen, Albträume, Schreckhaftigkeit, Ängste oder eine anhaltend gedrückte Stimmung im Alltag einschränken, oder wenn Du unsicher bist, ob Deine Beschwerden von ADHS, einem Trauma oder beidem kommen. Bei akuten Krisen oder Suizidgedanken wende Dich sofort an die Notfallnummer 144 oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine gute erste Anlaufstelle.

Häufige Fragen zu EMDR bei ADHS

Hilft EMDR gegen die Symptome von ADHS?

Dafür gibt es bisher keinen Beleg. EMDR zielt auf die Verarbeitung belastender Erinnerungen, nicht auf Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder Hyperaktivität. Für ADHS sind Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie und bei Bedarf Medikamente besser untersucht. Besteht zusätzlich ein Trauma, kann EMDR diesen Teil der Beschwerden behandeln.

Kann ich mit EMDR meine ADHS-Medikamente absetzen?

Nein, dafür gibt es keinen Beleg. Kontrollierte Studien fehlen, und Einzelfallberichte erlauben keine Aussage für andere Menschen. Ändere oder beende Deine Medikation nie eigenständig. Besprich jede Veränderung zuerst mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Das gilt auch dann, wenn Du in einer Psychotherapie bist und Dich besser fühlst.

Ist EMDR auch bei Kindern und Jugendlichen möglich?

Für Kinder und Jugendliche mit ADHS gibt es nur Einzelfallberichte. Ob und wie EMDR bei einem Kind angebracht ist, sollte eine Fachperson der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychotherapie beurteilen, die auch Eltern und Umfeld einbezieht. Verlass Dich nicht auf einzelne Berichte aus dem Internet.

Woran erkenne ich, ob bei mir ein Trauma eine Rolle spielt?

Hinweise können wiederkehrende belastende Erinnerungen, Albträume, Schreckhaftigkeit oder starkes Vermeiden sein. Diese Beschwerden können aber auch andere Ursachen haben, auch ADHS kann ähnlich wirken. Eine Diagnose lässt sich nicht per Text stellen. Lass das von einer Fachperson abklären, am besten bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Fazit: EMDR ist kein ADHS-Verfahren, aber bei Trauma ein möglicher Baustein

EMDR ist für Traumafolgestörungen gut belegt, für ADHS selbst nicht. Wenn bei Dir beides eine Rolle spielt, kann EMDR Teil einer sorgfältig geplanten Behandlung sein. Als Einstieg bietet Dir klaroADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam, in Zürich, Biel oder online. Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr dazu findest Du bei unserer ADHS-Therapie.

Quellen

  • Guidetti, C. et al. (2023). Eye movement desensitization and reprocessing (EMDR) as a possible evidence-based rehabilitation treatment option for a patient with ADHD and history of adverse childhood experiences: a case report study. Journal of Personalized Medicine, 13(2). mdpi.com
  • Scelles, C. & Bulnes, L. C. (2021). EMDR as treatment option for conditions other than PTSD: a systematic review. Frontiers in Psychology. frontiersin.org
  • Schäfer, I. et al. (2026). Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung: die aktualisierte S3-Leitlinie. Der Nervenarzt. link.springer.com
  • Magdi, H. M. et al. (2025). Attention-deficit/hyperactivity disorder and post-traumatic stress disorder adult comorbidity: a systematic review. Systematic Reviews, 14(41). link.springer.com
  • Schneider, M. & Folmert, A. (2023). Pharmakotherapie und Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter. Psychiatrie + Neurologie. rosenfluh.ch
  • Bundesamt für Gesundheit (BAG). Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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