Obwohl ADHS heute gut erforscht ist, halten sich viele Vorurteile hartnäckig: ADHS sei eine Modeerscheinung, eine Frage der Erziehung oder schlicht Faulheit. Solche Bilder belasten Betroffene und können dazu führen, dass sie Hilfe spät oder gar nicht suchen. In diesem Ratgeber ordnen wir sieben verbreitete Mythen ein und zeigen, was Studien dazu sagen. Wo die Datenlage uneinheitlich ist, sagen wir das offen.
Kurz erklärt: ADHS ist keine Modekrankheit, keine reine Kinderstörung und keine Folge von Erziehung oder Faulheit. Sie hat eine starke biologische Grundlage (Zwillingsstudien schätzen die Erblichkeit auf rund 74 Prozent), beginnt in der Kindheit und bleibt bei einem grossen Teil der Betroffenen im Erwachsenenalter bestehen. Auch ADHS-Medikamente sind nach heutiger Studienlage kein Auslöser für Sucht, gehören aber in ärztliche Hand.

Ein internationales Expertenteam hat 2021 in einem Konsenspapier 208 durch Studien gestützte Aussagen zu ADHS zusammengetragen, um Missverständnisse und Stigma zu verringern (Faraone et al., 2021). Die folgende Tabelle fasst die sieben Mythen zusammen. Danach folgen die Erklärungen.
| Mythos | Was die Forschung zeigt |
|---|---|
| 1. ADHS ist eine Modekrankheit | Bei gleichen Methoden gibt es keinen Hinweis auf mehr betroffene Kinder (Polanczyk et al., 2014) |
| 2. ADHS gibt es nur bei Kindern | Bei etwa 40 bis 60 Prozent bleiben Symptome im Erwachsenenalter (Müller et al., 2022) |
| 3. ADHS betrifft hauptsächlich Jungen | Bei Erwachsenen liegt das Geschlechterverhältnis nahe bei 1 zu 1 (Kooij et al., 2019) |
| 4. Wer sich konzentrieren kann, hat kein ADHS | Hyperfokus-Phasen werden bei ADHS häufiger berichtet (Hupfeld et al., 2019) |
| 5. ADHS ist eine Ausrede für Faulheit | Starke biologische Grundlage, keine Frage der Willenskraft (Faraone & Larsson, 2019) |
| 6. ADHS ist eine Erziehungsfrage | Genetische und umweltbezogene Faktoren wirken zusammen (Faraone et al., 2015) |
| 7. ADHS-Medikamente machen abhängig | Behandlung war nicht mit mehr Substanzmissbrauch verbunden (Chang et al., 2014) |
Welche Mythen gibt es zu Häufigkeit und Verlauf von ADHS?
Mythos 1: ADHS ist nur eine „Modekrankheit“
Nein. Eine Metaanalyse mit 135 Studien fand keinen Hinweis darauf, dass heute mehr Kinder die Kriterien für ADHS erfüllen als früher, wenn standardisierte Diagnoseverfahren verwendet werden. Unterschiede in den Zahlen gehen vor allem auf unterschiedliche Methoden, Kriterien und Informationsquellen zurück (Polanczyk et al., 2014). Dass heute mehr Menschen eine Diagnose erhalten, kann also mit besserem Wissen und genauerer Erkennung zu tun haben. Das heisst nicht, dass jede Diagnose automatisch richtig ist. Gerade deshalb ist eine sorgfältige Abklärung wichtig. Bei älteren Erwachsenen zeigt sich sogar eine Lücke in die andere Richtung: Es gibt deutlich mehr Menschen mit erhöhten Symptomen als solche mit klinischer Diagnose (Dobrosavljevic et al., 2020).
Mythos 2: ADHS gibt es nur bei Kindern
Nein. Nach einem Schweizer Übersichtsartikel bleiben die Symptome bei etwa 40 bis 60 Prozent der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen (Müller et al., 2022). Die europäische Konsensempfehlung beschreibt ADHS in den meisten Fällen als Störung über die gesamte Lebensspanne, mit einer Häufigkeit von etwa 2,8 Prozent bei Erwachsenen (Kooij et al., 2019). Ein internationaler Übersichtsartikel ergänzt: Auch wenn bei vielen nicht mehr alle Kriterien erfüllt sind, bleiben beeinträchtigende Symptome häufig (Faraone et al., 2015). Wie sich das zeigt, liest Du im Ratgeber zu ADHS bei Erwachsenen. Dass viele Erwachsene lange unerkannt bleiben, beschreibt auch die Studie zu älteren Menschen (Michielsen et al., 2012).
Mythos 3: ADHS betrifft hauptsächlich Jungen
Jungen werden häufiger zugewiesen, aber das bedeutet nicht, dass nur sie betroffen sind. Mädchen zeigen oft weniger Hyperaktivität und Impulsivität, Jungen fallen wegen ihres störenderen Verhaltens eher auf. Bei Erwachsenen liegt das Geschlechterverhältnis in epidemiologischen und klinischen Studien nahe bei 1 zu 1 (Kooij et al., 2019). Viele Frauen erhalten ihre Diagnose deshalb erst spät. Mehr dazu im Ratgeber zu ADHS bei Frauen.
Welche Mythen gibt es zu Konzentration und Charakter?
Mythos 4: Wer sich konzentrieren kann, hat kein ADHS
Das stimmt so nicht. ADHS bedeutet nicht, dass Konzentration nie gelingt. Viele Betroffene kennen Phasen intensiver Konzentration auf Dinge, die sie fesseln, sogenannten Hyperfokus. In einer Studie mit zwei Stichproben (251 und 372 Erwachsene) berichteten Menschen mit mehr ADHS-Symptomen häufiger über Hyperfokus-Episoden, etwa bei Hobbys, in der Schule oder am Bildschirm (Hupfeld et al., 2019). Die Forschung dazu ist noch jung. Das Schwierige ist häufig, die Aufmerksamkeit bei langweiligen oder wenig belohnenden Aufgaben zu steuern, nicht Aufmerksamkeit an sich.
Mythos 5: ADHS ist eine Ausrede für Faulheit
Nein. ADHS hat eine starke biologische Grundlage: Die Erblichkeit liegt in Zwillingsstudien durchschnittlich bei 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019), und eine grosse Genomstudie fand Risikogene, die vor allem in der frühen Gehirnentwicklung aktiv sind. Das genetische Risiko hing mit Einschränkungen bei komplexem Denken und exekutiven Funktionen wie der Aufmerksamkeit zusammen (Demontis et al., 2023). Wer ADHS hat, strengt sich oft sehr an und scheitert trotzdem an Struktur und Selbststeuerung. Viele Betroffene erleben es als grosse Entlastung, wenn sie merken, dass ihre Schwierigkeiten keine Charakterschwäche sind (Ginapp et al., 2022).

Aus der Praxis
Am häufigsten hören wir, man müsse sich nur zusammenreissen. Viele Betroffene haben diesen Satz über Jahre auch gegen sich selbst gerichtet. In der Sprechstunde nehmen wir solche Zweifel ernst und erklären, dass ADHS eine anerkannte Diagnose ist, die eine sorgfältige Abklärung braucht, nicht jede Konzentrationsschwäche ist ADHS. Bei der Sorge vor Abhängigkeit hören wir erst zu, woher sie kommt, und besprechen dann offen, was die Studienlage sagt und wo sie Grenzen hat. Ob Medikamente in Frage kommen, entscheiden wir gemeinsam und in ärztlicher Begleitung. Bei Angehörigen und im Beruf entsteht das Missverständnis oft daraus, dass Mühe mit Struktur als fehlender Wille gedeutet wird.
Welche Mythen gibt es zu Ursachen und Behandlung?
Mythos 6: ADHS ist eine Erziehungsfrage
Nein. ADHS beruht auf einem Zusammenspiel genetischer und umweltbezogener Risikofaktoren, und nach der internationalen Übersichtsarbeit ist kein einzelner Faktor allein notwendig oder ausreichend (Faraone et al., 2015). Der hohe Anteil der Genetik macht Erziehung als Hauptursache unplausibel (Faraone & Larsson, 2019). Der Umgang in der Familie kann den Alltag mit ADHS erleichtern oder erschweren, er ist aber nicht die Ursache. Wirksam sind für Kinder und Jugendliche zum Beispiel Elterntraining und Verhaltensmodifikation (Schmeck et al., 2008). Eltern brauchen daher Unterstützung und keine Vorwürfe. Mehr zur Vererbung findest Du im Ratgeber ADHS in der Familie.
Mythos 7: ADHS-Medikamente machen abhängig
Die Sorge ist verständlich, die Studienlage spricht aber nicht für ein höheres Suchtrisiko durch die Behandlung. In einer schwedischen Registerstudie mit 38 753 Personen mit ADHS war die Medikation nicht mit mehr Substanzmissbrauch verbunden, die Raten waren bei behandelten Personen sogar geringer (Chang et al., 2014). Eine retrospektive Studie mit 28 540 Erwachsenen fand bei Behandlung mit Stimulanzien ein geringeres Risiko für Substanzgebrauchsstörungen (Jeun & Al-Mamun, 2024). Solche Beobachtungsstudien können Ursache und Wirkung nicht endgültig trennen. Medikamente helfen nicht jedem, haben Nebenwirkungen und gehören immer in ärztliche Hand. Sie sind kein Allheilmittel, sondern ein möglicher Baustein in einem Gesamtkonzept mit Psychoedukation und Psychotherapie (Kooij et al., 2019). Mehr dazu im Ratgeber ADHS-Medikamente. Ändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust.
Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Du Dich in einzelnen Punkten wiedererkennst und Deine Schwierigkeiten seit der Kindheit bestehen und Deinen Alltag belasten, kann eine Abklärung helfen. Wie sie abläuft, erfährst Du im Ratgeber zur ADHS-Diagnose in der Schweiz. Wenn Du Dich emotional sehr belastet oder niedergeschlagen fühlst, sprich mit Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise rufe die 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand. Auch Hochsensibilität kann ähnlich wirken und gehört in die Abklärung.
Häufige Fragen zu ADHS-Mythen
Gibt es ADHS wirklich?
Ja. ADHS ist eine anerkannte Diagnose, die gut untersucht ist. Ein internationales Expertenteam mit 79 Autorinnen und Autoren aus 27 Ländern hat 2021 insgesamt 208 durch Studien gestützte Aussagen zusammengefasst (Faraone et al., 2021). Dazu gehören die hohe Erblichkeit und die Beeinträchtigungen im Alltag. Die Diagnose braucht aber eine sorgfältige fachliche Abklärung.
Wächst sich ADHS im Erwachsenenalter aus?
Bei einem Teil der Betroffenen lassen die Symptome nach, bei vielen bleiben sie. Ein Schweizer Übersichtsartikel nennt eine Persistenz von etwa 40 bis 60 Prozent. Selbst wenn nicht mehr alle Kriterien erfüllt sind, können beeinträchtigende Symptome bestehen bleiben. Wie es bei Dir aussieht, klärt eine Fachperson.
Wird ADHS heute zu oft diagnostiziert?
Studien mit einheitlichen Methoden zeigen keinen Anstieg betroffener Kinder. Unterschiede in Zahlen entstehen oft durch andere Messmethoden. Gleichzeitig bleiben viele Erwachsene unerkannt. Wichtig ist eine sorgfältige Diagnostik mit Gespräch, Fragebögen und Prüfung anderer Ursachen, damit weder zu früh noch zu spät diagnostiziert wird.
Ist ADHS nur ein anderes Wort für „unkonzentriert“?
Nein. ADHS umfasst mehr als Unaufmerksamkeit: Dazu gehören je nach Ausprägung Impulsivität, innere Unruhe, Mühe mit Organisation und Emotionsregulation. Und Konzentration ist nicht grundsätzlich unmöglich. Typisch ist, dass sie schwer zu steuern ist, wie die Forschung zum Hyperfokus andeutet. Wer sich bei Dingen, die ihn fesseln, stundenlang vertiefen kann, kann trotzdem Mühe mit alltäglichen Aufgaben haben.
Fazit: Aufklärung hilft allen
Falsche Vorstellungen über ADHS erschweren Diagnostik, Behandlung und das Selbstbild von Betroffenen. Wer die Befunde kennt, kann Menschen mit ADHS gezielter unterstützen. Im kostenlosen Erstgespräch mit unserem Beratungsteam kannst Du Deine Fragen besprechen. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Das Angebot gibt es in Zürich und Biel, geeignete Termine auch per Video. Hintergründe zum Begriff findest Du auch im Ratgeber Neurodivergenz und ADHS.
Quellen
- Faraone SV et al. (2021): The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 128:789-818. Zum Artikel
- Polanczyk GV et al. (2014): ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. International Journal of Epidemiology 43(2):434-442. Zum Artikel
- Kooij JJS et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Zum Artikel
- Müller TJ et al. (2022): Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum 22(27-28):439-445. Zum Artikel
- Faraone SV et al. (2015): Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers 1:15020. Zum Artikel
- Faraone SV, Larsson H (2019): Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry 24:562-575. Zum Artikel
- Demontis D et al. (2023): Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains. Nature Genetics 55:198-208. Zum Artikel
- Hupfeld KE, Abagis TR, Shah P (2019): Living „in the zone“: hyperfocus in adult ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders 11:191-208. Zum Artikel
- Chang Z et al. (2014): Stimulant ADHD medication and risk for substance abuse. Journal of Child Psychology and Psychiatry 55(8). Zum Artikel
- Jeun KJ, Al-Mamun M (2024): Impact of treatment with central nervous system stimulant and risk of substance use disorder in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder. International Journal of Mental Health and Addiction. Zum Artikel
- Dobrosavljevic M et al. (2020): Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in older adults: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 118:282-289. Zum Artikel
- Michielsen M et al. (2012): Prevalence of attention-deficit hyperactivity disorder in older adults in The Netherlands. British Journal of Psychiatry 201(4):298-305. Zum Eintrag
- Ginapp CM et al. (2022): The lived experiences of adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: a rapid review of qualitative evidence. Frontiers in Psychiatry 13:949321. Zum Artikel
- Schmeck K et al. (2008): Behandlung von Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen. Schweizerisches Medizin-Forum. Zum Artikel