Stationäre ADHS Behandlung in der Schweiz

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

ADHS wird in der Regel ambulant behandelt, also mit Terminen bei einer Fachärztin oder einem Facharzt, mit Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamenten. Es gibt aber Situationen, in denen das nicht mehr reicht und ein Aufenthalt in einer Klinik sinnvoll sein kann. Hier erfährst Du, wann das der Fall sein kann, wie so ein Aufenthalt typischerweise aufgebaut ist und worauf Du in der Schweiz bei Zuweisung, Kosten und Nachsorge achten kannst.

Kurz erklärt: Eine stationäre Behandlung bei ADHS kommt in Frage, wenn die Beschwerden sehr schwer sind, zusätzliche psychische Erkrankungen oder eine akute Krise im Vordergrund stehen oder die ambulante Behandlung nicht ausreicht. Im Klinikalltag werden Diagnostik, Psychotherapie, Medikation und Alltagstraining eng aufeinander abgestimmt. Ob ein stationärer Aufenthalt für Dich passt, entscheidest Du zusammen mit einer Ärztin oder einem Arzt, nicht allein.

Wann ist eine stationäre ADHS-Behandlung sinnvoll?

Sinnvoll ist sie dann, wenn eine ambulante Behandlung Deine Situation nicht ausreichend auffangen kann. Das ist eine ärztliche Einzelfallentscheidung. Häufig steht dabei nicht die ADHS allein im Vordergrund, sondern eine Begleiterkrankung oder eine Krise. Typische Gründe sind:

  • Akute Krise: zum Beispiel Suizidgedanken, extreme Erschöpfung oder ein plötzlicher Zusammenbruch der Alltagsbewältigung
  • Ausgeprägte Begleiterkrankungen: etwa eine schwere Depression, eine Angststörung oder eine Suchterkrankung neben der ADHS
  • Sehr schwere Beeinträchtigung: Arbeit, Ausbildung oder Beziehungen sind trotz ambulanter Hilfe stark gefährdet
  • Unklare oder komplexe Ausgangslage: wenn mehrere Diagnosen zusammenspielen und eine engmaschige Beobachtung die Einordnung erleichtert
  • Fehlende Stabilität im Umfeld: wenn zu Hause gerade kein tragfähiger Rahmen für die Behandlung vorhanden ist

Dass Begleiterkrankungen eine Rolle spielen, ist nicht ungewöhnlich. Der europäische Konsens zur Diagnostik und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter nennt Begleiterkrankungen bei 60 bis 80 Prozent der Erwachsenen im Lauf des Lebens und rät, sie vor Behandlungsbeginn zu erfassen (Kooij et al., 2019). Eine Übersichtsarbeit zu den Folgen von ADHS bringt die Diagnose unter anderem mit Depression, Angst, Sucht und Suizidalität in Verbindung (French et al., 2024). In einer Auswertung von Behandlungsdaten bei 3387 Erwachsenen mit ADHS wurde die Medikation bei Depression oder Angst zusätzlich zur ADHS häufiger angepasst als bei ADHS allein (Liman et al., 2024). Mehr zu diesen Kombinationen findest Du im Beitrag ADHS und Begleiterkrankungen.

Auch die Erkennung kann ein Thema sein: Eine kleine Untersuchung bei akut psychiatrisch behandelten Erwachsenen fand ADHS-Hinweise deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung und empfahl, den Nutzen eines routinemässigen Screenings weiter zu prüfen (Lines & Sadek, 2018). Die Aussagekraft ist wegen der kleinen Stichprobe begrenzt.

Welche Behandlungsstufen gibt es zwischen ambulant und stationär?

Es gibt drei Stufen, die sich in der Intensität und im Rahmen unterscheiden. Die deutschsprachige S3-Leitlinie führt stationäre und teilstationäre Therapie als eigenen Behandlungsbaustein auf (DGPPN et al., 2018). Die folgende Übersicht ist eine grobe Orientierung und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Stufe Rahmen Wann sie typischerweise in Frage kommt
Ambulant Einzelne Termine, Dein Alltag bleibt wie er ist Wenn Du im Alltag grundsätzlich stabil bist
Teilstationär (Tagesklinik) Behandlung tagsüber, Übernachten zu Hause Wenn mehr Intensität nötig ist, Dein Umfeld Dich aber trägt
Stationär Aufenthalt in der Klinik mit festem Tagesablauf Bei akuter Krise, schwerer Begleiterkrankung oder wenn ambulant nicht mehr genügt

Wie läuft eine stationäre Behandlung ab?

Ein Therapeut im Gespräch mit einem Betroffenen: konzentriertes Zuhören ist zentraler Bestandteil der ADHS-Diagnostik und der therapeutischen Beziehung.

Ein Aufenthalt beginnt mit einem Aufnahmegespräch und einer sorgfältigen Diagnostik. Wie lange er dauert und welche Bausteine er enthält, hängt von der Klinik und von Deiner Situation ab. Das klärst Du am besten vorab im Vorgespräch. Typische Bausteine sind:

  • Diagnostik: ärztlich, psychologisch und bei Bedarf körperlich, auch um Begleiterkrankungen zu erkennen
  • Psychoedukation: Wissen über ADHS, Verlauf und Bewältigungsstrategien. Der europäische Konsens nennt sie als ersten Schritt im Rahmen einer multimodalen Behandlung (Kooij et al., 2019).
  • Kognitive Verhaltenstherapie einzeln und in Gruppen. Eine Übersichtsarbeit mit neun randomisierten Studien fand bei Erwachsenen mit ADHS eine stärkere Symptomreduktion als bei Wartelisten und als bei anderen aktiven Vergleichsbehandlungen (Young et al., 2020).
  • Medikamentöse Behandlung: Einstellung oder Überprüfung unter engmaschiger ärztlicher Beobachtung. Die kognitive Verhaltenstherapie wirkt dem europäischen Konsens zufolge am besten ergänzend zur Medikation (Kooij et al., 2019).
  • Alltags- und Selbstmanagement-Training: zum Beispiel Planen, Organisieren und Umgang mit Impulsen und Gefühlen
  • Weitere Therapieangebote: je nach Klinik etwa Bewegungs-, Ergo-, Kunst- oder Musiktherapie, Entspannungsverfahren und Sozialberatung
  • Gespräche mit Angehörigen: wenn Du das möchtest
  • Austrittsplanung: Anschlussbehandlung, Termine und Notfallplan

Manche Kliniken bieten zusätzlich ergänzende Verfahren an, zum Beispiel Neurofeedback. Wie gut deren Nutzen belegt ist, unterscheidet sich je nach Verfahren. Frag im Vorgespräch danach.

Ein fester Tagesablauf mit geregelten Schlaf-, Essens- und Therapiezeiten kann entlasten. Viele Menschen erleben ihn als Gelegenheit, Routinen zu üben, die sie später zu Hause weiterführen können.

Aus der Praxis

In der Abklärung schauen wir genau hin, was im Vordergrund steht: die ADHS selbst oder eher eine Begleiterkrankung wie Depression, Angst oder Sucht. Oft entscheidet das darüber, welche Behandlung zuerst nötig ist. Ob ambulant, teilstationär oder stationär, besprechen wir als Einzelfallentscheidung gemeinsam mit Dir, und auch das Umfeld spielt dabei eine Rolle.

Wichtig ist uns die Nachsorge: Nach einem Klinikaufenthalt sollte klar sein, wer Dich weiterbegleitet, damit die Behandlung nicht abbricht. Bei Suizidgedanken oder einer akuten Krise wartest Du nicht auf einen Termin, sondern suchst sofort Hilfe über den Notruf oder eine Notfallstation.

Wie finde ich in der Schweiz ein passendes Angebot, und was zahlt die Krankenkasse?

Wie finde ich eine Klinik?

Der übliche Weg führt über Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder über eine Psychiaterin bzw. einen Psychiater, die Dich zuweisen. In akuten Krisen ist auch der direkte Weg über den ärztlichen Notfall möglich. Namentlich empfehlen wir hier keine Klinik, weil sich Angebote und Schwerpunkte ändern. Diese Fragen helfen Dir bei der Auswahl:

  • Behandelt die Klinik Erwachsene mit ADHS, und wie sieht das Programm aus?
  • Gibt es ein Vorgespräch, bevor Du Dich entscheidest?
  • Wie wird bei Begleiterkrankungen wie Depression oder Sucht vorgegangen?
  • Wie wird die Anschlussbehandlung organisiert?
  • Steht die Klinik auf der Spitalliste Deines Kantons, und was bedeutet das für die Kosten?

Wenn ein Aufenthalt noch nicht nötig ist, kann eine ambulante Kombination aus Psychotherapie und Medikation eine Alternative sein.

Was zahlt die Krankenkasse?

Ob und in welchem Umfang die Grundversicherung einen Aufenthalt übernimmt, hängt von der medizinischen Notwendigkeit, der ärztlichen Zuweisung und der Klinik ab. Kläre das möglichst vor dem Eintritt mit Deiner Krankenkasse oder dem Sozialdienst der Klinik. Wichtig sind vor allem:

  • die ärztliche Zuweisung und die Frage, ob die Klinik für die Behandlung zugelassen ist
  • Dein Versicherungsmodell, Deine Franchise und Dein Selbstbehalt
  • eine allfällige Zusatzversicherung, falls Du eine Privatklinik oder besondere Leistungen wünschst

Mehr zur Abrechnung findest Du im Beitrag ADHS und Abrechnung über die Grundversicherung.

Wie geht es nach dem Klinikaufenthalt weiter?

Zwei Personen sitzen sich in einem Therapieraum gegenüber, dazwischen ein Glastisch mit Wasser und Notizbuch. Die Szene steht für einen offenen und vertraulichen Austausch.

Ein stationärer Aufenthalt ist meist ein Abschnitt in einem längeren Behandlungsweg, entscheidend ist die Anschlussbehandlung. Dazu gehören:

  • die Weiterführung der ambulanten Psychotherapie
  • die ärztliche Weiterbehandlung, auch der Medikation, durch Hausärztin, Hausarzt oder Psychiater
  • ein persönlicher Notfallplan für Zeiten mit erhöhter Belastung
  • Austausch mit anderen: Der Verein elpos bietet kostenlose Beratung und Gesprächsgruppen für Erwachsene an, und Selbsthilfe Schweiz führt ein Verzeichnis von Selbsthilfegruppen zu AD(H)S, darunter auch Online-Gruppen
  • bei Bedarf Coaching zur Umsetzung im Alltag. Der europäische Konsens hält allerdings fest, dass es für Coaching bisher keine kontrollierten Studien zur Wirksamkeit gibt (Kooij et al., 2019).

Wie Du nach einer stabilen Phase dranbleibst, beschreibt der Beitrag zur Rückfallprävention bei ADHS.

Wann brauchst Du sofort Hilfe?

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise suche bitte sofort Hilfe. Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt oder an den ärztlichen Notfall, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand. Mehr dazu im Beitrag ADHS und Suizidgedanken. Auch ohne Krise gilt: Wenn Deine Beschwerden über längere Zeit stark zunehmen oder Du im Alltag nicht mehr zurechtkommst, sprich Deine Ärztin oder Deinen Arzt früh darauf an.

Häufige Fragen zur stationären ADHS-Behandlung

Ist ADHS allein ein Grund für einen Klinikaufenthalt?

Das kann sein, ist aber nicht der Regelfall. Meist steht eine Begleiterkrankung, eine akute Krise oder eine sehr starke Beeinträchtigung im Alltag im Vordergrund. Ob ein Aufenthalt nötig ist, entscheidet eine Fachperson nach einer ausführlichen Abklärung. Für viele Menschen mit ADHS reicht die ambulante Behandlung aus.

Wer entscheidet, ob ich stationär behandelt werde?

Die Einschätzung treffen Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit Dir, meist beginnend bei Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder Deiner Psychiaterin. Die Klinik prüft die Aufnahme in einem Vorgespräch. Wichtig sind Dein Leidensdruck, Deine Sicherheit, Deine Begleiterkrankungen und ob die ambulanten Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Gibt es etwas zwischen ambulant und stationär?

Ja. Eine Tagesklinik bietet intensivere Behandlung tagsüber, und Du schläfst zu Hause. Auch eine engere ambulante Betreuung mit häufigeren Terminen, zum Beispiel teilweise per Video, kann eine Möglichkeit sein. Welche Stufe zu Dir passt, besprichst Du mit Deiner behandelnden Fachperson.

Wie finde ich eine Klinik, die sich mit ADHS bei Erwachsenen auskennt?

Frag Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder Deine Psychiaterin nach Erfahrungen mit Kliniken in Deiner Region. Ruf bei der Klinik an und frag, ob Erwachsene mit ADHS behandelt werden und wie das Programm aufgebaut ist. Viele Kliniken führen ein Vorgespräch, bevor Du Dich entscheidest.

Fazit: Stationär ist eine Option, kein Scheitern

Ein Klinikaufenthalt ist keine Niederlage, sondern eine mögliche Stufe der Behandlung, wenn ambulant nicht mehr genügt. Entscheidend sind eine gute Abklärung, eine passende Klinik und eine verlässliche Nachsorge.

Ein Mann sitzt im Schneidersitz, die Augen geschlossen, in tiefer Konzentration. Die klare, minimalistische Umgebung fördert die innere Ruhe.

Wenn Du Dir nicht sicher bist, welche Behandlungsform zu Dir passt: Bei klaro ADHS steht Dir das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich, Biel oder online. Die Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr zum Vorgehen findest Du bei unserer ADHS-Therapie.

Quellen

  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. doi.org
  • French, B. et al. (2024). The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Liman, C. et al. (2024). Real world analysis of treatment change and response in adults with ADHD alone and with concomitant psychiatric comorbidities. BMC Psychiatry. PubMed Central
  • Lines, K. L. & Sadek, J. (2018). ADHD in acute care psychiatric inpatients. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 10(2), 129-133. springer.com
  • Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders. sagepub.com
  • DGPPN, DGKJP, DGSF u. a. (2018). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. AWMF-Register Nr. 028-045. Langfassung (dgppn.de)
  • elpos Schweiz, ADHS-Organisation: Angebote. elpos.ch
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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