Digitale Psychotherapie ist längst im Alltag angekommen, auch bei ADHS. Viele nutzen Videosprechstunden, um Wege zu sparen, flexibler Termine zu legen oder Zugang zu einer passenden Fachperson zu finden. Was Du über digitale Psychotherapie wissen solltest, wie Du Dich auf Sitzungen vorbereitest und woran Du ein gutes Angebot erkennst, erfährst Du in diesem Ratgeber.
Kurz erklärt: Digitale Psychotherapie bedeutet, dass die Gespräche per Video oder Telefon stattfinden, oft ergänzt durch Übungen und Tagebücher. Bei ADHS kann das den Zugang erleichtern, besonders wenn Anfahrt und starre Termine eine Hürde sind. Erste Studien zeigen Nutzen, die Datenlage ist aber noch klein. Entscheidend sind eine qualifizierte Fachperson, ein ruhiger Rahmen und feste Termine. Bei Krisen oder schweren Verläufen reicht ein reines Online-Angebot oft nicht aus.
Was ist digitale Psychotherapie?
Gemeint ist eine psychotherapeutische Behandlung, die ganz oder teilweise über digitale Kanäle läuft. Je nach Angebot gibt es verschiedene Formen:
- Videosprechstunde: Du führst Gespräche mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten per Video, manchmal auch per Telefon.
- Kombination mit Präsenztermin: Manche Behandlungen mischen Termine vor Ort und online.
- Digitale Zusätze: Apps, Tagebücher oder Übungsmaterial begleiten die Gespräche. Sie ersetzen sie nicht.
Nicht jede Online-Beratung ist eine Psychotherapie. Beratung und Coaching sind etwas anderes und gehören meist nicht zu den Leistungen der Grundversicherung. Frag immer nach, wer Dich behandelt und mit welcher Ausbildung. Eine ausführlichere Einordnung findest Du im Ratgeber Online-Therapie bei ADHS: Chancen und Grenzen in der Schweiz.
Welche Vorteile hat digitale Psychotherapie bei ADHS?
Sie kann Hürden abbauen, die bei ADHS im Alltag besonders ins Gewicht fallen. Viele Betroffene berichten, dass es schwerfällt, Termine einzuhalten, eine Tagesstruktur zu halten und Reize zu verarbeiten. Ein digitales Format kann hier entlasten.
- Flexible Termine: Je nach Angebot sind Sitzungen auch in Randzeiten oder kurzen Zeitfenstern möglich. Wege und Wartezeiten vor Ort fallen weg, und Termine lassen sich oft leichter in den Alltag integrieren. Das kann Stress und Verspätungen verringern.
- Niedrigere Einstiegshürde: Zu Hause fällt es manchen leichter, sich zu öffnen, vor allem bei Scham oder sozialer Anspannung.
- Bessere Erreichbarkeit: In ländlichen Gebieten oder bei eingeschränkter Mobilität kann ein Videotermin die realistischere Option sein.
- Vertraute Umgebung: Das eigene Zuhause kann Sicherheit geben, wenn neue Räume und Geräusche Dich ablenken.
- Digitale Hilfsmittel: Tagebuch und Erinnerungen können Übungen zwischen den Sitzungen unterstützen. Mehr zu Tools im ADHS-Alltag findest Du in unserem Ratgeber dazu.

Was sagt die Forschung? Eine Meta-Analyse von sechs randomisierten Studien mit 261 Personen mit ADHS fand, dass Online-Interventionen bei Aufmerksamkeit und sozialem Funktionieren wirksamer waren als eine Warteliste (Shou et al., 2022). In einer kleinen randomisierten Studie mit 30 Erwachsenen, die trotz Medikation noch Beschwerden hatten, verbesserte eine kognitive Verhaltenstherapie per Videokonferenz die ADHS-Symptome stärker als die übliche Behandlung allein (Eto et al., 2025). Beide Quellen sind ermutigend, aber die Studien sind klein, und ein direkter Vergleich mit Sitzungen vor Ort fehlt. Behandlungsform und Fachperson sind vermutlich wichtiger als der Kanal.
Wie bereitest Du Dich auf Videositzungen vor?
Mit einem festen Ablauf und einem ablenkungsarmen Rahmen. Bei ADHS lohnt es sich, Technik, Ort und Zeit vorab zu klären, damit die Sitzung nicht an Kleinigkeiten scheitert.
| Phase | Das kann helfen |
|---|---|
| Vorher | Fester Wochentag und feste Uhrzeit, Termin im Kalender mit Erinnerung, Technik und Verbindung testen, Handy stumm oder im Flugmodus |
| Während | Ruhiger Raum, ungenutzte Browserfenster schliessen, wenn möglich ein Platz nur für die Therapie, bei Unklarheiten nachfragen und Gefühle benennen |
| Nachher | Gleich Notizen machen, wichtige Punkte in Kalender oder Notizen übertragen, kurzer Spaziergang oder bewusste Pause, bevor Du in den Alltag zurückkehrst |
Regelmässigkeit schaffen
Wer keine feste Routine für Online-Termine hat, verliert leichter den Faden. Eine wiederkehrende Uhrzeit, Erinnerungen und feste Tage geben Verbindlichkeit. Angehörige können dabei helfen, zum Beispiel indem sie während der Sitzung nicht stören. Mehr dazu im Ratgeber Wie Angehörige unterstützen können.
Das Besprochene festhalten
Bei Videositzungen verblasst Besprochenes manchmal schneller, weil der gewohnte Rahmen fehlt. Schreibe direkt nach der Sitzung zwei bis drei Stichworte auf: Was nehme ich mit? Was probiere ich bis zum nächsten Mal? Audioaufnahmen sind nur mit ausdrücklichem Einverständnis der Fachperson sinnvoll.
Ablenkungen reduzieren
Schalte Benachrichtigungen aus und lege das Handy ausser Reichweite. Wenn es Dir schwerfällt, still zu sitzen, sprich das an. Manchen hilft es, im Stehen zu telefonieren oder dabei etwas in der Hand zu halten.

Aus der Praxis
Bei Videositzungen achten wir von Beginn an auf den Rahmen: Hast Du einen ruhigen Ort, funktioniert die Technik, und passt ein fester Termin zu Deinem Alltag? Häufig zeigt sich, dass Kleinigkeiten wie Benachrichtigungen, ein verlegter Link oder ein unruhiger Raum mehr stören als das Format selbst.
Manche merken online schneller, dass die Aufmerksamkeit abdriftet, andere sprechen zu Hause freier. Beides ist gut zu wissen und lässt sich ansprechen. Wichtig ist uns, dass Du nach der Sitzung festhältst, was Du mitnimmst. Ein kombiniertes Setting aus Videotermin und Termin vor Ort kann sinnvoll sein, wenn ein persönlicher Eindruck oder mehr Stabilität gebraucht wird.
Wo liegen die Grenzen der digitalen Psychotherapie?
Sie ist nicht für jede Person und jede Situation die beste Wahl. Das gilt vor allem bei schweren Symptomen, mehreren Begleiterkrankungen oder akuten Krisen.
- Krisen und schwere Verläufe: Bei akuten Krisen oder schweren Beschwerden kann ein persönlicher Kontakt, manchmal auch ein Team, besser geeignet sein. Digital kann in dem Fall eine Ergänzung bleiben.
- Eingeschränkter nonverbaler Kontakt: Körpersprache und Mimik kommen per Video nur teilweise an. Das kann den Beziehungsaufbau beeinflussen.
- Ablenkung zu Hause: Gerade bei ADHS kann die Konzentration nachlassen, wenn die Umgebung nicht vorbereitet ist.
- Technikprobleme: Schwache Verbindung, Kamera- oder Tonprobleme und komplizierte Plattformen können den Ablauf stören.
- Wenig äussere Struktur: Ohne Praxisweg fehlt manchen der Rahmen. Hilfreich sind schriftliche Vereinbarungen und feste Zeiten.
Wenn Du in akuter Not bist oder Suizidgedanken hast, warte nicht auf den nächsten Online-Termin. Wende Dich an den Notfall (144), an die Dargebotene Hand (143) oder an Deine Hausärztin beziehungsweise Deinen Hausarzt.
Woran erkennst Du ein gutes digitales Angebot?
An klaren Qualifikationen, nachvollziehbaren Abläufen und transparentem Datenschutz. Nicht jedes Angebot im Netz ist automatisch hochwertig. Diese Fragen helfen Dir bei der Wahl:
- Wer behandelt mich? Der Titel «eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin» beziehungsweise «eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut» ist gesetzlich geschützt und setzt eine akkreditierte Weiterbildung voraus. Wer Psychotherapie in eigener fachlicher Verantwortung ausübt, braucht eine kantonale Bewilligung (BAG).
- Gibt es Erfahrung mit ADHS im Erwachsenenalter? Das ist hilfreich, weil ADHS-Behandlung oft alltagsnah, konkret und strukturiert ist.
- Ist der Ablauf klar? Du solltest wissen, wie das Erstgespräch abläuft, wie oft Sitzungen stattfinden, ob es Material wie Arbeitsblätter oder Tagebücher gibt und wie Fortschritte besprochen werden.
- Wie sieht der Datenschutz aus? Frag, wie die Videoverbindung geschützt wird und wo Daten gespeichert werden. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel.
- Funktioniert die Technik einfach? Eine Plattform, die auf verschiedenen Geräten läuft, übersichtlich ist und bei Problemen Hilfe bietet, nimmt Hürden weg.
- Was gilt in einer Krise? Ein gutes Angebot kann Dir erklären, an wen Du Dich zwischen den Terminen wenden kannst.
Was zahlt die Krankenkasse?
Eine psychologische Psychotherapie wird in der Schweiz von der Grundversicherung übernommen, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet und die Therapie durch eine zugelassene Fachperson erfolgt (BAG). Ob das auch für Videositzungen gilt, solltest Du vorab mit der Praxis und Deiner Krankenkasse klären. Eine Krankenkasse schreibt, dass eine Psychotherapie nur mit Diagnose und nach ärztlicher Anordnung bezahlt wird und bei zugelassenen Fachpersonen «teilweise auch online» stattfinden kann (KPT). Die Regeln im Detail erklärt unser Ratgeber Psychotherapie in der Schweiz: Was wird bezahlt?
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Dann, wenn Du vermutest, dass hinter Deinen Schwierigkeiten eine ADHS steckt, oder wenn Du über längere Zeit stark belastet bist. Eine Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt in einer ausführlichen Abklärung, nicht eine App oder ein Online-Test. Auch Depression, Ängste und Schlafprobleme gehören in ärztliche Hände. Ob eine Therapie, Medikamente oder beides sinnvoll sind, besprichst Du mit der Ärztin oder dem Arzt. Ändere Medikamente nie auf eigene Faust.
Häufige Fragen zu digitaler Psychotherapie bei ADHS
Funktioniert Psychotherapie per Video bei ADHS?
Erste Studien sind ermutigend: Online-Interventionen schnitten besser ab als Wartelisten, und eine kleine Studie fand Vorteile einer Videotherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung. Die Datenlage ist aber noch klein. Wie gut es bei Dir funktioniert, hängt von der Fachperson, vom Rahmen und von Deiner Situation ab.
Brauche ich für eine digitale Psychotherapie eine ärztliche Anordnung?
Wenn die Grundversicherung die Kosten übernehmen soll, ja. Die Anordnung kommt von Ärztinnen und Ärzten mit bestimmten Facharzttiteln. Selbstzahlende Angebote verlangen sie nicht, dann trägst Du die Kosten selbst. Frag bei Deiner Krankenkasse nach, was in Deinem Fall gilt.
Was brauche ich technisch?
In der Regel ein Gerät mit Kamera und Mikrofon, eine stabile Internetverbindung und einen ruhigen Raum. Teste die Technik vor dem ersten Termin. Welche Plattform genutzt wird, teilt Dir die Praxis mit.
Ist digitale Psychotherapie anonym?
Nein, Psychotherapie ist immer persönlich, auch wenn sie online stattfindet. Die Fachperson unterliegt der Schweigepflicht. Ob Daten gespeichert werden und wie sie geschützt sind, solltest Du vor dem Start erfragen.
Fazit: Eine Chance mit klaren Voraussetzungen
Digitale Psychotherapie kann bei ADHS eine wertvolle Unterstützung sein, wenn sie qualifiziert, strukturiert und auf Dich zugeschnitten ist. Sie ist nicht für alle und nicht in jeder Lage die beste Lösung. Wie wir bei klaro ADHS arbeiten, erfährst Du im Beitrag Warum wir bei klaro ADHS anders arbeiten. Wenn Du Dich für eine ADHS-Therapie interessierst, ist das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ein erster Schritt. klaro ADHS hat Standorte in Zürich und Biel und bietet zusätzlich eine Online-Beratung an.
Quellen
- Shou, S., Xiu, S., Li, Y., Zhang, N., Yu, J., Ding, J. & Wang, J. (2022). Efficacy of Online Intervention for ADHD: A Meta-Analysis and Systematic Review. Frontiers in Psychology. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Eto, A. et al. (2025). Videoconference-Based Cognitive Behavioral Therapy for Adults with ADHD (randomisierte kontrollierte Studie). Psychotherapy and Psychosomatics, 94(5). karger.com
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Häufige Fragen (FAQ) zum Psychologieberufegesetz (PsyG). bag.admin.ch
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Psychologieberufe: Berufsausübung. bag.admin.ch
- KPT. Online-Psychotherapie: Infos und Angebote. kpt.ch