Viele Frauen mit ADHS berichten, dass ihre Konzentration, ihre Stimmung und ihre Nerven vor der Periode deutlich schlechter sind als in anderen Zyklusphasen. Manche fragen sich, ob das noch ADHS ist, PMS oder etwas anderes. Dieser Beitrag erklärt, was die Forschung zu ADHS, Zyklus, PMS und PMDS (prämenstruelle dysphorische Störung) bisher sagt, wo die Studienlage dünn ist und wie Du Muster bei Dir erkennen und in der Abklärung oder Behandlung besprechen kannst. Den Überblick zum Thema findest Du im Ratgeber ADHS bei Frauen.
Kurz erklärt: Die Hormone im Zyklus können die ADHS-Symptome bei manchen Frauen beeinflussen. Studien deuten darauf hin, dass Unaufmerksamkeit und Impulsivität in der Phase vor der Periode häufiger stärker sind (Wynchank et al., 2025). Bei Frauen mit ADHS kommen ausserdem PMDS-Symptome häufiger vor. Die Studienlage ist aber begrenzt und nicht jede Frau bemerkt einen Zusammenhang. Ein Zyklustagebuch über mindestens zwei Zyklen macht Muster sichtbar.
Auf dieser Seite:
- Warum Hormone eine Rolle spielen können
- Die Zyklusphasen im Überblick
- PMS, PMDS und ADHS
- Was ist ADHS, was ist PMS?
- Zyklustagebuch und Alltag
- Schwangerschaft, Wochenbett und Wechseljahre
- Häufige Fragen
Warum können Hormone die ADHS-Symptome beeinflussen?
Weil Östrogen auf das Dopaminsystem wirkt, das bei ADHS eine zentrale Rolle spielt. In der Fachliteratur wird beschrieben, dass Östrogen die dopaminerge Signalübertragung verstärkt (Wynchank et al., 2025). Auch frühere Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass Östrogene die Dopamin-Nervenzellen beeinflussen und die Symptome im Zyklus schwanken könnten (Quinn und Madhoo, 2014). Sinkt der Östrogenspiegel, etwa vor der Periode, könnte das die Symptome verstärken.
Wichtig ist die Einordnung: Das sind Hinweise aus meist kleinen Studien. In einer aktuellen Übersichtsarbeit zum Thema erfüllten nur 29 von 343 gefundenen Studien die Auswahlkriterien. Die Stichproben waren klein, und die Zyklusphasen wurden unterschiedlich definiert (Wynchank et al., 2025). Es gibt also Anhaltspunkte, aber keine gesicherten Regeln für den Einzelfall.
Wie sehen die vier Zyklusphasen aus, und was berichten Studien?
Der Zyklus lässt sich grob in vier Phasen gliedern. Die Tabelle zeigt, wie sich die Hormone typischerweise entwickeln und was zu ADHS-Symptomen in jeder Phase bekannt ist.
| Phase | Hormone (typischer Verlauf) | Was zu ADHS-Symptomen bekannt ist |
|---|---|---|
| Menstruation | Östrogen und Progesteron sind niedrig | Keine klare Aussage möglich, Ergebnisse uneinheitlich |
| Follikelphase | Östrogen steigt an | Keine klare Aussage möglich, Ergebnisse uneinheitlich |
| Eisprung | Östrogen erreicht den Höhepunkt | Keine klare Aussage möglich, Ergebnisse uneinheitlich |
| Lutealphase, vor allem Mitte und Ende | Progesteron steigt, Östrogen sinkt gegen Ende ab | Unaufmerksamkeit und Impulsivität in Studien häufiger erhöht, besonders in der Mitte der Lutealphase und kurz vor der Periode (Wynchank et al., 2025) |
Die Hormonverläufe sind Durchschnittswerte. Dein eigener Zyklus kann abweichen, etwa bei unregelmässigen Zyklen oder wenn Du hormonell verhütest. Darum ist Dein eigenes Muster aussagekräftiger als jede Tabelle.
Was sind PMS und PMDS, und wie hängen sie mit ADHS zusammen?
PMS beschreibt körperliche und seelische Beschwerden in den Tagen vor der Periode, zum Beispiel Gereiztheit, Stimmungstiefs oder Müdigkeit. PMDS ist die schwere Form: Die Beschwerden sind so stark, dass sie Alltag, Beruf oder Beziehungen deutlich beeinträchtigen, und sie klingen mit Beginn der Periode ab. PMDS ist eine anerkannte Diagnose und kein „Empfindlichsein“.
Bei Frauen mit ADHS scheint PMDS häufiger vorzukommen. Eine Übersichtsarbeit nennt, dass bei etwa 45,5 Prozent der Frauen mit ADHS auch PMDS-Symptome vorlagen. Auch das ist mit Vorsicht zu lesen, denn die Zahl stammt aus kleinen Studien mit uneinheitlichen Definitionen (Wynchank et al., 2025). In einer Studie mit 209 Frauen mit ADHS fanden sich PMDS und Depressionen nach der Geburt deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Eine Vergleichsgruppe ohne ADHS gab es allerdings nicht (Dorani et al., 2021).
Für Dich bedeutet das: Wenn Du vor der Periode regelmässig stark leidest, ist das ein guter Grund, es medizinisch abklären zu lassen, unabhängig davon, ob ADHS vorliegt. Denn PMDS ist behandelbar. Mehr zum Zusammenspiel mit Stimmungsproblemen findest Du im Beitrag zu ADHS und Depression und im Beitrag zu emotionaler Dysregulation bei ADHS.
Woran erkennst Du, ob es ADHS, PMS oder PMDS ist?
Am Zeitmuster. ADHS-Symptome bestehen seit der Kindheit und gehen in allen Zyklusphasen mit Schwierigkeiten einher, auch wenn sie sich zeitweise verstärken. PMS und PMDS treten dagegen nur in der Zeit vor der Periode auf und klingen danach ab. Beides kann zusammen vorkommen.
| ADHS | PMS / PMDS | |
|---|---|---|
| Beginn | Seit der Kindheit | Meist ab der Zeit der ersten Perioden oder später |
| Zeitverlauf | Durchgehend, kann im Zyklus schwanken | Nur in den Tagen vor der Periode, danach Besserung |
| Kernsymptome | Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, Impulsivität, Chaos | Gereiztheit, Niedergeschlagenheit, Anspannung, körperliche Beschwerden |
| Wie wird es geklärt? | Strukturierte Abklärung mit Kindheit und Alltag | Beschwerdetagebuch über mehrere Zyklen und ärztliche Beurteilung |
Wenn Du in den Tagen vor der Periode starke Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid erlebst, wende Dich sofort an die Dargebotene Hand (143, rund um die Uhr), an den Rettungsdienst (144) oder an Deine Hausärztin bzw. Deinen Hausarzt oder den Notfall. Du musst das nicht allein durchstehen.
Wie hilft Dir ein Zyklustagebuch, und was kannst Du im Alltag tun?
Ein Tagebuch macht Muster sichtbar, die Du sonst nur vermutest. Für die Einordnung von PMDS gelten Aufzeichnungen über mindestens zwei Zyklen als sinnvoll. So gehst Du vor:
- Notiere jeden Tag den Zyklustag (Tag 1 ist der erste Tag der Periode).
- Bewerte Konzentration, Stimmung, Gereiztheit, Energie und Schlaf auf einer einfachen Skala von 1 bis 5.
- Halte besondere Ereignisse fest, etwa Stress, wenig Schlaf oder Medikamentenwechsel.
- Schau nach zwei Zyklen, ob die Werte in bestimmten Phasen regelmässig schlechter werden.
- Bring die Aufzeichnungen zur Abklärung oder zum Gespräch mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt mit.
Wenn Du ein Muster erkennst, kann Dir das im Alltag helfen. Das sind praktische Ideen und keine Behandlung: Lege anspruchsvolle Aufgaben, wenn möglich, in Phasen mit mehr Energie. Plane in der schwierigeren Phase mehr Puffer, weniger Termine und mehr Erholung ein. Teile Dein Umfeld ein, damit Partner, Familie oder Team wissen, was gerade los ist.
Medikamente solltest Du nie auf eigene Faust im Zyklus anpassen. In der Fachliteratur wird diskutiert, ob die Behandlung im Zyklusverlauf angepasst werden könnte (Quinn und Madhoo, 2014). Ob das für Dich sinnvoll ist, entscheidest Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Was ist mit Schwangerschaft, Wochenbett und Wechseljahren?
Auch in diesen Lebensphasen ändern sich die Hormone stark, und manche Frauen berichten von veränderten Beschwerden. In der Studie mit 209 Frauen waren Wochenbettdepressionen häufiger, und Beschwerden der Wechseljahre waren verstärkt (Dorani et al., 2021). Belastbare Aussagen für den Einzelfall lassen sich daraus nicht ableiten. Wenn Du schwanger bist oder es werden möchtest, besprich Medikamente immer mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt und verändere nichts auf eigene Faust.
Häufige Fragen zu ADHS und Zyklus
Verschlimmert der Zyklus die ADHS-Symptome?
Bei manchen Frauen ja. Studien zeigen, dass Unaufmerksamkeit und Impulsivität in der Mitte der Lutealphase und kurz vor der Periode häufiger erhöht sind (Wynchank et al., 2025). Die Studienlage ist aber begrenzt, und nicht jede Frau bemerkt einen Zusammenhang.
Was ist der Unterschied zwischen PMS und PMDS?
PMS sind körperliche und seelische Beschwerden vor der Periode in unterschiedlicher Stärke. PMDS ist die schwere Form, bei der die Beschwerden Alltag, Beruf oder Beziehungen deutlich beeinträchtigen. Beides klingt mit Beginn der Periode ab.
Kann ich ADHS und PMDS gleichzeitig haben?
Ja. Bei Frauen mit ADHS wurden PMDS-Symptome in Studien häufig gefunden (Wynchank et al., 2025). Beide Diagnosen schliessen sich nicht aus, und beides lässt sich behandeln.
Wie führe ich ein Zyklustagebuch?
Notiere täglich den Zyklustag, Konzentration, Stimmung, Gereiztheit, Energie und Schlaf auf einer Skala von 1 bis 5, und halte Besonderheiten fest. Nach mindestens zwei Zyklen siehst Du, ob sich ein Muster zeigt, und kannst es in der Abklärung oder beim Arzt besprechen.
Soll ich meine ADHS-Medikamente im Zyklus selbst anpassen?
Nein. Medikamente passt Du nie auf eigene Faust an. In der Fachliteratur wird diskutiert, ob eine Anpassung im Zyklus sinnvoll sein könnte (Quinn und Madhoo, 2014). Das besprichst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
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- ADHS und Begleiterkrankungen: häufige Kombinationen.
Wenn Du Muster erkennst und wissen möchtest, ob ADHS dahintersteckt: Der Einstieg bei Klaro ADHS ist ein kostenloses Beratungsgespräch. Wie die Abklärung abläuft, findest Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung.
Quellen
- Wynchank, D., Sutrisno, R., van Andel, E. & Kooij, J. J. S. (2025). Menstrual-cycle-related hormonal fluctuations in ADHD (narrative review). Journal of Clinical Medicine, 15(1).
- Dorani, F. et al. (2021). Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. Journal of Psychiatric Research, 133, 10-15.
- Quinn, P. O. & Madhoo, M. (2014). A review of attention-deficit/hyperactivity disorder in women and girls: uncovering this hidden diagnosis. Primary Care Companion for CNS Disorders. psychiatrist.com