Kann der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel ADHS-Symptome lindern? Besonders Eltern stossen bei dieser Frage auf Eliminationsdiäten, auf grosse Versprechen und auf viele offene Fragen. Dieser Ratgeber erklärt, wie solche Diäten ablaufen, welche drei Modelle es gibt, was die Studien dazu zeigen und worauf Du achten solltest, bevor Du etwas ausprobierst.
Kurz erklärt: Eine Eliminationsdiät lässt über einige Wochen bestimmte Lebensmittel weg und führt sie danach einzeln wieder ein, um Auslöser für Symptome zu finden. Bei einem Teil der untersuchten Kinder mit ADHS verbesserten sich die Symptome, doch die Studienlage ist uneinheitlich, und in einer neueren Studie war die strenge Diät nicht besser als eine gesunde Ernährung. Eine solche Diät ersetzt keine Behandlung und gehört in fachliche Begleitung.
Was ist eine Eliminationsdiät und wie läuft sie ab?
Eine Eliminationsdiät ist eine zeitlich begrenzte, strukturierte Ernährungsumstellung, mit der man herausfinden will, ob bestimmte Lebensmittel Symptome verstärken. Sie hat typischerweise zwei Phasen:
- Auslassphase: Über mehrere Wochen werden bestimmte Lebensmittel oder Zusatzstoffe weggelassen. In der niederländischen INCA-Studie dauerte diese Phase fünf Wochen (Pelsser et al., 2011).
- Wiedereinführung: Wer auf die Diät angesprochen hat, nimmt die Lebensmittel nacheinander wieder auf und beobachtet, ob Symptome zurückkehren. Ein Ernährungstagebuch hilft, Veränderungen festzuhalten.
Am Ende sollen nur die Lebensmittel dauerhaft wegfallen, die tatsächlich Beschwerden auslösen. Eine Eliminationsdiät dient also zuerst der Diagnostik und ist keine Ernährungsform für immer.
Wirkt eine Eliminationsdiät bei ADHS?
Bei manchen Kindern scheint sie zu helfen, bei vielen nicht, und gesichert ist wenig. Die Ergebnisse im Überblick:
- In der INCA-Studie mit 100 Kindern zwischen 4 und 8 Jahren verbesserten sich nach fünf Wochen bei 32 von 50 Kindern in der Diätgruppe die Symptome deutlich. Von den 30 Kindern, die auf die Diät angesprochen hatten und die Wiedereinführung durchliefen, kehrten die Symptome bei 19 zurück (Pelsser et al., 2011).
- Eine Meta-Analyse fand für restriktive Diäten einen kleinen Nutzen und schätzte, dass bei etwa 8 Prozent der Kinder mit ADHS die Symptome mit synthetischen Lebensmittelfarbstoffen zusammenhängen könnten (Nigg et al., 2012).
- Eine Studie mit 165 Kindern zwischen 5 und 12 Jahren verglich eine Eliminationsdiät mit einer gesunden Ernährung. Nach fünf Wochen sprachen weniger Kinder auf die Eliminationsdiät an (35 Prozent) als auf die gesunde Ernährung (51 Prozent). Die Studie war nicht verblindet. Die Autorinnen und Autoren schliessen daraus, dass die Wirkung bei den meisten Kindern wohl nicht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten beruht (Huberts-Bosch et al., 2024).
- Die deutschsprachige S3-Leitlinie hält fest, dass sich bei Nahrungsfaktoren wie künstlichen Farbstoffen und Konservierungsmitteln kein konsistentes Bild ergibt, bei dem eine Exposition zwangsläufig zu mehr ADHS-Symptomen führt (AWMF S3-Leitlinie ADHS).
Diese Studien betreffen Kinder. Für Erwachsene mit ADHS haben wir keine belastbare Untersuchung gefunden. Die Studien beruhen ausserdem meist auf Einschätzungen von Eltern und Lehrpersonen, und die neuere Studie war nicht verblindet.
Aus der Praxis
Wenn Eltern oder Betroffene mit der Idee einer Eliminationsdiät kommen, nehmen wir den Wunsch dahinter ernst: Oft geht es darum, selbst etwas tun zu können. In der Sprechstunde klären wir zuerst, was schon ausprobiert wurde, wie belastend der Alltag ist und ob es Hinweise auf Allergien gibt. Häufig zeigt sich, dass eine Auslassdiät im Alltag mehr Aufwand bedeutet als erwartet. Wichtig ist uns, dass sie nicht auf eigene Faust und nicht anstelle einer Abklärung oder Behandlung geschieht. Weil bei strengen Diäten ein Nährstoffmangel möglich ist, braucht es gerade bei Kindern Begleitung durch Ärztin, Arzt oder Ernährungsberatung. Ob ein Versuch sinnvoll ist, entscheiden wir gemeinsam, mit klarem Ziel und begrenzter Dauer.
Welche drei Modelle gibt es im Vergleich?
Die Modelle unterscheiden sich in Aufwand und Studienlage:
| Modell | Prinzip | Studienlage | Aufwand |
|---|---|---|---|
| Oligoantigene Diät | sehr eingeschränkte Auswahl verträglicher Lebensmittel, danach Wiedereinführung | INCA-Studie positiv (Pelsser et al., 2011), in einer neueren Studie nicht besser als gesunde Ernährung (Huberts-Bosch et al., 2024) | hoch |
| Zusatzstoffe meiden | Verzicht auf künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel wie Natriumbenzoat | kleiner Effekt bei Farbstoffen (Nigg et al., 2012), Effekt in einer Studie an Kindern der Allgemeinbevölkerung (McCann et al., 2007) | mittel |
| Zuckerarme Ernährung | weniger Süssgetränke, Süssigkeiten und Fertigprodukte | Zusammenhang in Beobachtungsstudien, Ursache offen (Farsad-Naeimi et al., 2020) | niedrig bis mittel |
Modell 1: Oligoantigene Diät

Die oligoantigene Diät (englisch Few-Foods-Diet) ist die strengste Form: In der Auslassphase isst man nur wenige, als besonders verträglich geltende Lebensmittel, danach folgt die Wiedereinführung. Sie ist die Variante mit den am besten beschriebenen Studien, etwa der INCA-Studie (Pelsser et al., 2011), aber auch die aufwendigste. Sie erfordert Planung, Kochen, Dokumentation und viel Durchhaltevermögen, und sie kann im Familienalltag sozial anstrengend sein. Weil das Essen stark eingeschränkt wird, sollte sie nie ohne Begleitung durch Ärztin, Arzt oder Ernährungsberatung durchgeführt werden.
Modell 2: Zusatzstoffe meiden
Hier verzichtest Du auf künstliche Farbstoffe und das Konservierungsmittel Natriumbenzoat. In der Studie von McCann und Kollegen erhöhten bestimmte Zusatzstoffmischungen die Hyperaktivität bei Kindern aus der Allgemeinbevölkerung, die nicht gezielt auf ADHS untersucht wurden (McCann et al., 2007). Für ADHS schätzt die Meta-Analyse von Nigg und Kollegen, dass bei etwa 8 Prozent der betroffenen Kinder Farbstoffe eine Rolle spielen könnten (Nigg et al., 2012). Dieses Modell ist weniger aufwendig. Es liefert aber keinen Hinweis auf individuelle Unverträglichkeiten. Hilfreich ist ein Blick auf die Zutatenliste: Zusatzstoffe sind dort mit E-Nummern oder Namen aufgeführt.
Modell 3: Zuckerarme Ernährung

Die zuckerarme Ernährung ist streng genommen keine Eliminationsdiät, sondern eine gesündere Alltagsernährung. Eine Meta-Analyse von Beobachtungsstudien fand einen Zusammenhang zwischen Zucker oder gezuckerten Getränken und ADHS-Symptomen bei Kindern und Jugendlichen, bei grossen Unterschieden zwischen den Studien (Farsad-Naeimi et al., 2020). Ob Zucker die Ursache ist, ist nicht geklärt. Unabhängig von ADHS empfiehlt die WHO, freie Zucker auf weniger als 10 Prozent der täglichen Energie zu begrenzen (WHO). Praktisch kann das heissen: weniger Süssgetränke, Süssigkeiten in kleinen Mengen, mehr Vollkornprodukte und regelmässige Mahlzeiten. Mehr dazu im Beitrag Zucker, Koffein und ADHS. Ein Ausprobieren ist unkompliziert, es ersetzt aber keine Behandlung.
Worauf solltest Du bei einer Eliminationsdiät achten?
Vor allem darauf, sie nicht in Eigenregie zu starten. Zu den Risiken einer strengen Diät gehören eine einseitige Ernährung mit möglichem Nährstoffmangel, Stress in der Familie und die Fehlinterpretation von Beobachtungen. Diese Hinweise sind allgemeine Vorsichtsregeln, die wir hier nicht mit einer eigenen Studie belegen. Deshalb gilt:
- Begleitung: Besprich eine Diät vorher mit der Ärztin, dem Arzt oder einer Ernährungsberatung. Bei Kindern gehört die Kinderärztin oder der Kinderarzt dazu.
- Allergien: Bei bekannter oder vermuteter Lebensmittelallergie solltest Du die Wiedereinführung ärztlich begleiten lassen.
- Medikamente: Setze ADHS-Medikamente wegen einer Diät nie eigenständig ab oder um. Wenn unter Medikation der Appetit nachlässt, findest Du mehr im Beitrag Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente.
- Nährstoffe: Ob Präparate nötig sind, klärst Du ärztlich, siehe Nahrungsergänzung bei ADHS.
- Gluten und Casein: Zu diesen häufig genannten Auslösern gibt es einen eigenen Beitrag: Gluten, Casein und ADHS.
Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Immer dann, wenn Du oder Dein Kind unter Unruhe, Konzentrationsproblemen oder Impulsivität leidet und noch keine Abklärung stattgefunden hat. Dann sollte zuerst eine Fachperson klären, ob ADHS oder etwas anderes dahintersteckt. Eine Diät kann dafür kein Ersatz sein. Auch wenn Dein Kind stark abnimmt, sich nur noch einseitig ernährt oder die Diät die Familie sehr belastet, sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Eine allgemeine Einordnung findest Du im Beitrag Ernährung bei ADHS.
Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise suche sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand.
Häufige Fragen zu Eliminationsdiäten bei ADHS
Wie lange dauert eine Eliminationsdiät?
Die Auslassphase dauert mehrere Wochen, in der INCA-Studie waren es fünf (Pelsser et al., 2011). Danach folgt die schrittweise Wiedereinführung, die zusätzlich Zeit braucht. Wie lange es bei Dir oder Deinem Kind dauert, legt die begleitende Fachperson fest. Wichtig ist, nicht abzubrechen, ohne es besprochen zu haben.
Sind Eliminationsdiäten für Erwachsene geeignet?
Dazu haben wir keine belastbare Studie gefunden. Die geprüften Untersuchungen betreffen Kinder. Wenn Du als Erwachsener oder Erwachsene eine Diät ausprobieren möchtest, besprich das vorher mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt oder einer Ernährungsberatung. Auch bei Erwachsenen gilt: Strenge Diäten können zu einseitiger Ernährung führen, eine ausgewogene Ernährung ist ein sinnvollerer Ausgangspunkt.
Kann eine Diät ADHS-Medikamente ersetzen?
Nein. In einer Studie war die Eliminationsdiät nicht besser als eine gesunde Ernährung (Huberts-Bosch et al., 2024), und die Leitlinie sieht kein konsistentes Bild für Nahrungsfaktoren. Setze oder reduziere Medikamente nie auf eigene Faust, sondern nur nach Rücksprache mit der behandelnden Fachperson.
Sind Zusatzstoffe schuld an ADHS?
Das ist nicht gesichert. Bestimmte Zusatzstoffmischungen verstärkten bei Kindern der Allgemeinbevölkerung die Hyperaktivität (McCann et al., 2007), und etwa 8 Prozent der Kinder mit ADHS könnten betroffen sein (Nigg et al., 2012). ADHS ist aber ein komplexes Störungsbild, das sich nicht auf einzelne Lebensmittel zurückführen lässt.
Fazit: Welche Diät ist die richtige?
Eine strenge Eliminationsdiät ist aufwendig und ihr Nutzen nicht gesichert. Zuckerarm zu essen ist einfacher und unabhängig von ADHS sinnvoll. Wenn Du etwas ausprobieren möchtest, tu es mit fachlicher Begleitung und neben der Behandlung, nicht anstelle davon. Wenn Dich ADHS im Alltag stark belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, in Zürich, Biel oder online.
Quellen
- Pelsser, L. M. et al. (2011). Effects of a restricted elimination diet on the behaviour of children with attention-deficit hyperactivity disorder (INCA study): a randomised controlled trial. The Lancet. sciencedirect.com
- Nigg, J. T., Lewis, K., Edinger, T. & Falk, M. (2012). Meta-analysis of attention-deficit/hyperactivity disorder or ADHD symptoms, restriction diet, and synthetic food color additives. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 51(1), 86-97. sciencedirect.com
- McCann, D. et al. (2007). Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial. The Lancet, 370(9598), 1560-1567. sciencedirect.com
- Huberts-Bosch, A. et al. (2024). Short-term effects of an elimination diet and healthy diet in children with attention-deficit/hyperactivity disorder: a randomized-controlled trial. European Child & Adolescent Psychiatry, 33, 1503-1516. springer.com
- Farsad-Naeimi, A. et al. (2020). Sugar consumption, sugar sweetened beverages and attention deficit hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. Complementary Therapies in Medicine, 53. sciencedirect.com
- DGPPN, DGKJP, DGSF u. a. (2018). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. AWMF-Register Nr. 028-045. Langfassung (dgppn.de)
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). Healthy diet, Fact sheet. who.int