Omega-3-Fettsäuren bei ADHS: Was die Studien sagen

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Sein Schwerpunkt ist die medikamentöse ADHS-Behandlung bei Erwachsenen.

Inhaltsverzeichnis

Omega-3-Präparate gehören zu den am häufigsten genannten Ergänzungen bei ADHS. Das Versprechen: bessere Konzentration, mehr innere Ruhe, vielleicht sogar weniger Medikamente. Was davon hält einer Prüfung stand? Dieser Ratgeber fasst zusammen, was Übersichtsarbeiten und Studien zu Omega-3 bei ADHS zeigen, warum sie sich widersprechen und worauf Du achten solltest, wenn Du darüber nachdenkst.

Kurz erklärt: Die Studienlage zu Omega-3 bei ADHS ist uneinheitlich. Einige Meta-Analysen fanden kleine Verbesserungen der Symptome, andere keinen Effekt auf die Kernsymptome. Hinweise gibt es, dass eine längere Einnahme und niedrige Ausgangswerte eine Rolle spielen könnten. Omega-3 ersetzt keine Behandlung, und Medikamente solltest Du deswegen nie eigenständig reduzieren. Besprich Präparate vorher mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Warum werden Omega-3-Fettsäuren bei ADHS diskutiert?

Weil Meta-Analysen bei Kindern mit ADHS im Durchschnitt niedrigere Omega-3-Blutwerte gefunden haben als bei Kindern ohne ADHS. Eine Analyse von 9 Studien mit 586 Personen fand niedrigere Blutwerte bei ADHS (Hawkey & Nigg, 2014), eine weitere Meta-Analyse niedrigere Werte von DHA, EPA und Omega-3 insgesamt (Chang et al., 2018). Daraus entstand die Frage, ob eine Ergänzung die Symptome verbessern kann.

Omega-3-Fettsäuren, vor allem EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), nimmst Du über Nahrung wie fetten Fisch oder Algenöl auf. Dass ein niedriger Blutwert mit ADHS zusammenhängt, heisst aber nicht, dass er die Ursache ist oder dass eine Einnahme die Symptome bessert. Das muss in Studien mit Kontrollgruppe geprüft werden.

Was sagt die Studienlage zu Omega-3 bei ADHS?

Sie sagt Verschiedenes. Die folgende Tabelle zeigt, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfallen. Die meisten Studien betreffen Kinder und Jugendliche, für Erwachsene haben wir keine belastbare Studie gefunden.

Studie Aufbau Ergebnis
Hawkey & Nigg, 2014 Meta-Analyse, 16 Studien, 1408 Personen kleine Verbesserung der ADHS-Symptome (g = 0,26); verlässliche Effekte auf Hyperaktivität nach Eltern- und Lehrerangaben, auf Unaufmerksamkeit nur nach Elternangaben
Chang et al., 2018 Meta-Analyse, 7 randomisierte Studien, 534 Kinder und Jugendliche Verbesserung der Symptomwerte (g = 0,38)
Händel et al., 2021 Meta-Analyse, 31 randomisierte Studien, 1755 Kinder und Jugendliche kein Effekt auf Kernsymptome (Eltern- und Lehrerangaben); Evidenz von niedriger bis sehr niedriger Sicherheit; keine zusätzlichen Nebenwirkungen
Liu et al., 2023 Meta-Analyse, 22 randomisierte Studien, 1789 Personen insgesamt kein signifikanter Effekt; bei einer Einnahme von mindestens 4 Monaten ein signifikanter Nutzen; weder hohe EPA-Dosis noch hohes EPA/DHA-Verhältnis verbesserten die Symptome
Chang et al., 2019 randomisierte Studie, 92 Kinder und Jugendliche, 12 Wochen hochdosiertes EPA verbesserte die fokussierte Aufmerksamkeit, vor allem bei niedrigen EPA-Ausgangswerten; bei hohen Ausgangswerten schnitt EPA bei Impulsivität schlechter ab als Placebo

Warum widersprechen sich die Studien?

Es gibt mehrere Hinweise, aber keine endgültige Antwort. Aus den geprüften Arbeiten lassen sich drei Punkte ableiten:

  • Dauer: In der Analyse von Liu und Kollegen zeigte sich ein Nutzen erst bei Einnahme über mindestens 4 Monate, nicht bei kürzerer Dauer (Liu et al., 2023).
  • Ausgangswerte: In der Studie von Chang und Kollegen profitierten vor allem Kinder mit niedrigen EPA-Werten, während Kinder mit hohen Werten bei der Impulsivität eher schlechter abschnitten (Chang et al., 2019). Das spricht dafür, Blutwerte statt einer Pauschalempfehlung zu berücksichtigen.
  • Qualität der Studien: Händel und Kollegen stufen die Sicherheit der Evidenz als niedrig bis sehr niedrig ein (Händel et al., 2021).

Als Fazit bleibt: Omega-3 ist bei ADHS keine bewiesene Behandlung. Es kann bei manchen Menschen eine Ergänzung sein, bei anderen bringt es nach den Studien nichts.

Aus der Praxis

Wenn Omega-3 zur Sprache kommt, ordnen wir zuerst ein, dass die Studienlage uneinheitlich ist und ein Präparat keine Behandlung ersetzt. Wichtig ist uns die Frage, was Du Dir davon erhoffst und ob Du Medikamente oder Blutverdünner nimmst, schwanger bist oder eine Fischallergie hast, denn dann gehört das vorher ärztlich besprochen. Häufig lässt sich zunächst über die Ernährung mit fettem Fisch oder Algenöl sprechen. Möchtest Du ein Präparat ausprobieren, klären wir vorher, woran Du eine Wirkung erkennen würdest und wie lange Du beobachtest, denn ein möglicher Nutzen zeigte sich in Studien erst nach längerer Einnahme. Ob ein Blutwert sinnvoll ist, entscheiden wir im Einzelfall. Medikamente setzt Du deswegen nicht eigenständig ab.

Wie kannst Du Omega-3 sinnvoll nutzen?

Leinsamen werden aus einem Glas auf eine helle Fläche gestreut. Omega-3-Fettsäuren sind in manchen Lebensmitteln enthalten und werden bei ADHS diskutiert.

Am sichersten ist der Weg über die Ernährung, und eine Ergänzung solltest Du mit einer Fachperson besprechen. Omega-3-Fettsäuren stecken in fettem Fisch wie Lachs, Makrele oder Hering und in Algenöl, das auch für eine vegane Ernährung geeignet ist. Wie Du insgesamt isst, entscheidet mehr als ein einzelnes Präparat. Anregungen findest Du im Beitrag Ernährung bei ADHS.

Eine pauschale Dosierung empfehlen wir nicht. Die Meta-Analyse von Liu und Kollegen fand keinen Vorteil für höhere EPA-Dosen oder ein höheres EPA/DHA-Verhältnis (Liu et al., 2023), und die Menge, die für Dich passt, hängt von Deiner Situation ab. Orientiere Dich an den Hinweisen der Packung und besprich die Menge mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt oder in der Apotheke. Mehr zu Präparaten allgemein findest Du im Beitrag Nahrungsergänzung bei ADHS.

In den ausgewerteten Studien traten unter Omega-3 nicht häufiger Nebenwirkungen auf als in den Vergleichsgruppen (Händel et al., 2021). Im Alltag werden Magen-Darm-Beschwerden oder ein Fischgeschmack genannt. Wenn Du eine Fisch- oder Meeresfrüchteallergie hast, Blutverdünner nimmst oder schwanger bist, sprich vorher mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Dasselbe gilt, wenn Du ADHS-Medikamente nimmst. Ändere Dosis oder Einnahme der Medikamente nie auf eigene Faust, auch nicht, weil Du Omega-3 nimmst. Zu Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit liest Du mehr im Beitrag Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente.

Wie beobachtest Du, ob es Dir hilft?

Eine bunte Smoothie Bowl mit frischen Himbeeren, knackigen Kürbiskernen und Kokoschips, liebevoll angerichtet. Eine nährstoffreiche Mahlzeit kann eine ausgewogene Ernährung unterstützen.

Ein Symptomprotokoll macht Veränderungen sichtbar. Notiere zum Beispiel einmal pro Woche in drei Stichworten, wie Konzentration, Unruhe und Stimmung waren. Bei Kindern können Rückmeldungen von Lehrpersonen und Betreuenden ergänzen, was Eltern sehen. Plane für eine Beurteilung ausreichend Zeit ein, denn in der Analyse von Liu und Kollegen zeigte sich ein Nutzen erst nach mindestens 4 Monaten (Liu et al., 2023). Wenn sich nach einer vereinbarten Zeit nichts zeigt, lohnt sich ein Gespräch mit der Fachperson. Wenn Dich Heisshunger oder emotionales Essen beschäftigen, findest Du Hilfe im Beitrag zum emotionalen Essverhalten.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Immer dann, wenn Du Präparate regelmässig einnehmen möchtest, Medikamente nimmst, schwanger bist oder Dein Kind Omega-3 erhalten soll. Dann klären Hausärztin, Hausarzt, Kinderärztin oder Kinderarzt, ob ein Präparat sinnvoll ist und was es für Dich bedeutet. Wenn Dich Konzentrations- und Unruheprobleme im Alltag belasten und die ADHS noch nicht abgeklärt ist, ist die Abklärung der wichtigere erste Schritt als ein Präparat.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise suche sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand.

Häufige Fragen zu Omega-3 bei ADHS

Hilft Omega-3 bei ADHS?

Das ist nicht eindeutig. Zwei Meta-Analysen fanden kleine Verbesserungen (Hawkey & Nigg, 2014; Chang et al., 2018), zwei andere keinen Effekt auf die Kernsymptome insgesamt (Händel et al., 2021; Liu et al., 2023). Omega-3 ist deshalb höchstens eine Ergänzung, keine Behandlung. Besprich es mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Wie lange dauert es, bis Omega-3 wirkt?

Das lässt sich nicht sicher sagen. In einer Meta-Analyse zeigte sich ein signifikanter Nutzen erst bei einer Einnahme von mindestens vier Monaten, nicht bei kürzerer Dauer (Liu et al., 2023). Erwarte also keine schnelle Wirkung und halte Dich an die Absprache mit der Fachperson.

Kann ich Omega-3 statt Medikamente nehmen?

Nein. Omega-3 ist nach der Studienlage keine bewiesene Behandlung bei ADHS und ersetzt keine ärztlich begleitete Therapie. Setze oder reduziere ADHS-Medikamente nie auf eigene Faust, sondern besprich jede Änderung mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Auch Präparate für Kinder gibst Du nur nach Rücksprache mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.

Wo steckt Omega-3 drin?

Vor allem in fettem Fisch wie Lachs, Makrele und Hering sowie in Algenöl. Beide liefern EPA und DHA. Wer sich vegan ernährt, kann auf Algenöl zurückgreifen. Wie viel Du über die Nahrung aufnimmst, lässt sich im Alltag schwer abschätzen, eine Ernährungsberatung kann Dir dabei helfen. Ob ein Präparat nötig ist, entscheidet eine Fachperson, nicht ein Trend.

Fazit: Ein offenes Thema, kein Wundermittel

Omega-3 kann bei manchen Menschen mit ADHS eine Ergänzung sein, ist aber kein Ersatz für Abklärung und Behandlung. Die Studien widersprechen sich, und die Wirkung hängt vermutlich von Dauer und Ausgangswerten ab. Besprich Präparate vorher mit einer Fachperson. Wenn Dich ADHS im Alltag stark belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, in Zürich, Biel oder online.

Quellen

  • Hawkey, E. & Nigg, J. T. (2014). Omega-3 fatty acid and ADHD: blood level analysis and meta-analytic extension of supplementation trials. Clinical Psychology Review. sciencedirect.com
  • Chang, J. P.-C., Su, K.-P., Mondelli, V. & Pariante, C. M. (2018). Omega-3 polyunsaturated fatty acids in youths with attention deficit hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis of clinical trials and biological studies. Neuropsychopharmacology, 43(3), 534-545. nature.com
  • Chang, J. P.-C. et al. (2019). High-dose eicosapentaenoic acid (EPA) improves attention and vigilance in children and adolescents with ADHD and low endogenous EPA levels. Translational Psychiatry. nature.com
  • Händel, M. N. et al. (2021). Efficacy and safety of polyunsaturated fatty acids supplementation in the treatment of ADHD in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis of clinical trials. Nutrients, 13(4), 1226. mdpi.com
  • Liu, T.-H. et al. (2023). Omega-3 polyunsaturated fatty acids for core symptoms of attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Clinical Psychiatry, 84(5), 22r14772. psychiatrist.com

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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