Bauchgefühl, Nervosität vor einer Prüfung, Magenkrämpfe bei Stress: Dass Darm und Kopf miteinander zu tun haben, kennst Du vermutlich aus eigener Erfahrung. In den letzten Jahren wird diese Verbindung auch bei ADHS erforscht. In diesem Ratgeber erfährst Du, was die Darm-Hirn-Achse ist, was Studien zur Darmflora bei ADHS bisher zeigen, was Probiotika leisten können (und was nicht) und wie Du Deinen Darm im Alltag freundlich behandelst, ohne falsche Erwartungen zu wecken.
Kurz erklärt: Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die wechselseitige Kommunikation zwischen Verdauungssystem und Gehirn über Nerven, Botenstoffe und das Immunsystem, an der auch die Darmbakterien (das Mikrobiom) beteiligt sind. Studien finden bei ADHS teilweise Unterschiede in der Darmflora, die Ergebnisse sind aber uneinheitlich. Eine Metaanalyse fand keine Verbesserung der ADHS-Symptome bei Kindern durch Probiotika im Vergleich zu Placebo. Eine darmfreundliche Ernährung kann Deiner allgemeinen Gesundheit dienen, ersetzt aber keine ADHS-Behandlung.
Was ist die Darm-Hirn-Achse?
Die Darm-Hirn-Achse ist das Kommunikationsnetz zwischen Gehirn, Darmnervensystem und Verdauungstrakt, in dem auch die Darmbakterien mitmischen. Fachleute beschreiben dabei Signalwege über Nerven und Hormone und betonen, dass das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm, nach Ergebnissen aus Vorstudien Stimmung, Stressreaktionen, Schmerzempfinden und Botenstoffsysteme beeinflussen kann. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass es mehr Forschung am Menschen braucht, um diese Befunde zu übertragen (Mayer et al., 2015).
Wichtig für die Einordnung: Ein Grossteil der Erkenntnisse stammt aus Tierversuchen und Laborstudien. Dass Darm und Gehirn kommunizieren, ist gut beschrieben. Wie stark das im Alltag eines Menschen mit ADHS ins Gewicht fällt, ist dagegen noch weitgehend offen.

Unterscheidet sich die Darmflora bei ADHS?
Einzelne Studien finden Unterschiede, ein einheitliches Muster gibt es bisher nicht. Eine systematische Übersichtsarbeit schloss 11 Studien ein und stellte fest, dass die Befunde zur Vielfalt der Darmbakterien (Alpha- und Beta-Diversität) und zu grösseren Bakteriengruppen nicht eindeutig waren. Auf der Ebene einzelner Bakteriengattungen fanden mehrere Studien bei ADHS mehr Odoribacter und Eggerthella sowie weniger Faecalibacterium (Gkougka et al., 2022).
Ein Überblick über einige Einzelstudien zeigt, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind und wie begrenzt ihre Aussagekraft ist:
| Studie | Wer wurde untersucht? | Befund | Einschränkung |
|---|---|---|---|
| Prehn-Kristensen et al., 2018 | 14 Jungen mit ADHS, 17 Kontrollen | Geringere Vielfalt der Darmbakterien bei ADHS | Sehr klein, 10 von 14 nahmen Medikamente, keine Aussage zu Ursache und Wirkung |
| Aarts et al., 2017 | 19 Personen mit ADHS, 77 Kontrollen | Mehr Bifidobacterium bei ADHS, Zusammenhang einer Enzymfunktion mit der Belohnungsverarbeitung im Gehirn | Pilotstudie, kleine ADHS-Gruppe, Altersunterschiede |
| Jakobi et al., 2024 | Vier Studien mit Erwachsenen, zusammen 617 Personen | Einzelne Bakteriengattungen bei ADHS häufiger oder seltener | Zeigt Zusammenhänge, keine Ursache |
Ob die Darmflora ADHS-Symptome mitverursacht, ob ADHS oder Medikamente die Darmflora verändern oder ob Ernährung und Lebensstil dahinterstecken, ist offen. Studien dieser Art zeigen Zusammenhänge, aber keine Ursachen (Prehn-Kristensen et al., 2018; Jakobi et al., 2024).
Aus der Praxis
Fragen zu Probiotika und Darmgesundheit begegnen uns in der Sprechstunde, oft mit der Hoffnung auf eine einfache Stellschraube. Wir ordnen dann ein, was Studien bisher zeigen: Zusammenhänge, aber keine gesicherte Behandlung der ADHS. Gleichzeitig fragen wir nach, ob Du Verdauungsbeschwerden hast, denn die verdienen unabhängig von ADHS Aufmerksamkeit. Anhaltende oder belastende Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt, gerade weil sie viele Ursachen haben können. Wichtig ist uns, dass eine ausgewogene Ernährung als solide Grundlage gilt, auch wenn sie ADHS nicht behandelt. Möchtest Du ein Probiotikum nehmen, besprich das bitte vorher mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, vor allem wenn Du Medikamente einnimmst. Ob es für Dich passt, entscheiden wir gemeinsam.
Helfen Probiotika bei ADHS?
Nach heutiger Studienlage sind Probiotika keine ADHS-Behandlung. Eine Metaanalyse von sieben placebokontrollierten Studien mit 379 Kindern und Jugendlichen fand keine signifikante Verbesserung der ADHS-Symptome, weder insgesamt noch bei Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität und Impulsivität. Mischpräparate mit mehreren Stämmen und die Kombination mit einem Medikament zeigten grössere Effekte, die aber nicht statistisch signifikant waren. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Ansatz für weitere Studien (Liang et al., 2024).
Für Erwachsene gibt es eine kleine Studie: In einer doppelblinden Untersuchung mit 60 Studierenden mit ADHS verbesserte sich unter einem Fünf-Stämme-Präparat über drei Monate die Hyperaktivität in einem Computertest, ausserdem Verdauungsbeschwerden. Die Effekte waren bei Teilnehmenden mit niedrigerem Ausgangsniveau grösser, und die Autoren fordern grössere Studien (Levy Schwartz et al., 2024). Das ist ein interessanter Hinweis, aber noch keine Grundlage für eine Empfehlung.
Aus diesen Gründen findest Du hier keine Empfehlung für bestimmte Präparate, Stämme oder Dosierungen. Wenn Du ein Probiotikum oder eine andere Nahrungsergänzung nehmen möchtest, besprich das mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, vor allem wenn Du Medikamente nimmst. Mehr zum Thema findest Du im Ratgeber Nahrungsergänzung bei ADHS.

Was kannst Du für eine darmfreundliche Ernährung tun?
Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung ist der solide Ausgangspunkt, auch wenn sie ADHS nicht behandelt. Die Schweizer Lebensmittelpyramide empfiehlt täglich fünf Portionen Gemüse und Früchte, davon drei Portionen Gemüse, ausserdem Getreideprodukte und Hülsenfrüchte, ungesüsste Getränke und Süsses, Salziges und Alkoholisches nur in kleinen Mengen (BLV). Praktisch heisst das:
- Pflanzenvielfalt: Gemüse, Früchte, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte liefern Ballaststoffe, von denen sich viele Darmbakterien ernähren.
- Fermentierte Lebensmittel: Joghurt, Kefir oder Sauerkraut gehören in vielen Küchen zum Alltag. Ob sie bei ADHS etwas bewirken, ist nicht untersucht, es spricht aber nichts gegen sie, wenn Du sie verträgst.
- Weniger Zucker und stark verarbeitete Produkte: Das schont Energielevel und Gewicht. Mehr dazu im Ratgeber Zucker, Koffein und ADHS.
- Feste Mahlzeiten: Wer mit ADHS Essen vergisst oder impulsiv isst, profitiert oft von Struktur, siehe Ernährung bei ADHS.
- Stress, Bewegung und Schlaf: Auch sie wirken auf Verdauung und Wohlbefinden. Wenn Stress Dich bei Essen und Gefühlen aus der Bahn wirft, hilft der Ratgeber emotionales Essen bei ADHS.
Wenn Du ADHS-Medikamente nimmst, die den Appetit dämpfen, ist regelmässiges Essen besonders wichtig. Tipps dazu findest Du unter Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente. Zu Gluten und Casein, die ebenfalls manchmal mit dem Darm in Verbindung gebracht werden, lies Gluten, Casein und ADHS.
Wann solltest Du ärztlichen Rat suchen?
Lass Verdauungsbeschwerden ärztlich abklären, wenn sie anhalten, stark sind oder mit ungewolltem Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, nächtlichen Beschwerden oder Fieber einhergehen. Das hat mit ADHS nichts zu tun und gehört zur Hausärztin oder zum Hausarzt. Wenn Du den Verdacht hast, dass Konzentrationsprobleme, Unruhe oder Impulsivität auf ADHS zurückgehen, ist eine Abklärung der richtige Weg. Eine Diät oder ein Präparat kann sie nicht ersetzen.
Häufige Fragen zur Darm-Hirn-Achse bei ADHS
Hat ADHS seine Ursache im Darm?
Dafür gibt es keinen Beleg. Studien finden bei ADHS teils Unterschiede in der Darmflora, die Ergebnisse sind aber uneinheitlich und zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Ob die Darmflora ADHS beeinflusst oder umgekehrt, ist offen. Verdacht auf ADHS gehört in eine fachärztliche Abklärung, nicht in eine Darmuntersuchung.
Können Probiotika ADHS-Symptome verbessern?
Bei Kindern und Jugendlichen fand eine Metaanalyse von sieben placebokontrollierten Studien keine signifikante Verbesserung. Bei Erwachsenen gibt es eine kleine Studie mit Hinweisen auf weniger Hyperaktivität, die aber bestätigt werden muss. Wenn Du ein Präparat ausprobieren willst, sprich vorher ärztlich darüber und verzichte nicht deswegen auf Therapie oder Medikamente.
Kann ich meine Darmflora testen lassen?
Für die Abklärung von ADHS ist ein Darmflora-Test nicht vorgesehen und nicht aussagekräftig, weil es kein anerkanntes Darmmuster für ADHS gibt. Die Übersichtsarbeiten zeigen, dass sich die Befunde zwischen Studien stark unterscheiden. Für die Diagnose zählen Gespräch, Anamnese und Fragebogen bei einer Fachperson.
Welche Ernährung ist gut für Darm und Gehirn?
Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Früchten, Hülsenfrüchten und Vollkorn, wie sie die Schweizer Lebensmittelpyramide empfiehlt. Sie ist gut für die allgemeine Gesundheit. Dass sie ADHS-Symptome gezielt verbessert, ist nicht belegt. Bei Unverträglichkeiten oder Beschwerden hilft eine Ernährungsberatung, die auch Deine Medikamente und Deinen Alltag berücksichtigen kann.
Fazit
Die Darm-Hirn-Achse ist ein spannendes Forschungsfeld, aber bei ADHS noch kein Behandlungsansatz. Probiotika haben bei Kindern keine Wirkung auf die ADHS-Symptome gezeigt, bei Erwachsenen sind die Hinweise erst ein Anfang. Eine ausgewogene Ernährung tut Dir trotzdem gut. Wenn Dich ADHS im Alltag belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.
Quellen
- Mayer EA, Tillisch K, Gupta A (2015): Gut/brain axis and the microbiota. Journal of Clinical Investigation. jci.org/articles/view/76304
- Gkougka D et al. (2022): Gut microbiome and attention deficit/hyperactivity disorder: a systematic review. Pediatric Research 92. nature.com/articles/s41390-022-02027-6
- Jakobi B et al. (2024): The gut-microbiome in adult Attention-deficit/hyperactivity disorder: A Meta-analysis. European Neuropsychopharmacology 88. sciencedirect.com/science/article/pii/S0924977X24001585
- Prehn-Kristensen A et al. (2018): Reduced microbiome alpha diversity in young patients with ADHD. PLOS ONE. journals.plos.org/plosone
- Aarts E et al. (2017): Gut microbiome in ADHD and its relation to neural reward anticipation. PLOS ONE. journals.plos.org/plosone
- Liang et al. (2024): Therapeutic efficacy of probiotics for symptoms of attention-deficit hyperactivity disorder in children and adolescents: meta-analysis. BJPsych Open. cambridge.org (BJPsych Open)
- Levy Schwartz et al. (2024): Exploring the impact of probiotics on adult ADHD management through a double-blind RCT. Scientific Reports. nature.com/articles/s41598-024-73874-y
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Schweizer Lebensmittelpyramide. blv.admin.ch