ADHS Selbsttest: Was sie können und was nicht

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Immer mehr Erwachsene fragen sich, ob sie von ADHS betroffen sein könnten. Symptome wie innere Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Mühe mit Zeitmanagement oder impulsives Verhalten können Hinweise sein, vor allem, wenn sie schon seit der Kindheit bestehen. Viele suchen deshalb zuerst einen Online-Selbsttest. In diesem Ratgeber erfährst Du, was solche Tests aussagen, wo ihre Grenzen liegen und wie es nach einem auffälligen Ergebnis weitergeht.

Für einen ersten Eindruck kannst Du auch unseren kurzen Selbstcheck für Erwachsene machen: acht Aussagen, rund zwei Minuten, ohne Speicherung. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung.

Kurz erklärt: Ein ADHS-Selbsttest ist ein Fragebogen, der erste Hinweise geben kann, aber keine Diagnose stellt. Auch etablierte Screening-Fragebögen übersehen Betroffene und können zu viele Verdachtsfälle liefern. Ob ADHS vorliegt, klärt eine fachärztliche Abklärung mit ausführlichem Gespräch über Kindheit und Alltag.

Was ist ein ADHS-Selbsttest für Erwachsene?

Im Vordergrund liegt ein Fragebogen mit dem Titel „ADHD Self Test“, im Hintergrund sitzt eine Frau nachdenklich auf einem Stuhl.

Ein ADHS-Selbsttest ist ein strukturierter Fragebogen, der online oder auf Papier ausgefüllt wird und prüft, ob Deine Erfahrungen zum ADHS-Symptombild passen. Er ist ein Screening, also eine Vorauswahl, und keine Diagnose. Ein bekanntes Beispiel ist die „Adult ADHD Self-Report Scale“ (ASRS) der WHO mit 18 Fragen und einer Kurzform mit sechs Fragen (Kessler et al., 2005). Typische Fragestellungen sind:

  • Fällt es Dir schwer, bei Aufgaben am Ball zu bleiben, auch wenn sie Dir Spass machen?
  • Wie oft schiebst Du Tätigkeiten auf, obwohl Du weisst, dass sie dringend sind?
  • Verlierst Du häufig Dinge wie Schlüssel, Handy oder Unterlagen?
  • Reagierst Du impulsiv, ohne vorher nachzudenken?
  • Hattest Du als Kind oder Jugendliche(r) ähnliche Probleme?

Die Fragen betreffen Aufmerksamkeit, Impulsivität, Organisation, Emotionsregulation und die Entwicklungsgeschichte.

Wie zuverlässig sind ADHS-Selbsttests?

Sie sind als Hinweis nützlich, aber nicht zuverlässig genug für eine Diagnose. In der Validierungsstudie zum ASRS erkannte die Kurzform mit sechs Fragen etwa 69 Prozent der Betroffenen (Sensitivität) und schloss rund 99 Prozent der Nicht-Betroffenen korrekt aus (Spezifität). Das heisst: Ein Teil der Betroffenen wird mit einem solchen Screening übersehen (Kessler et al., 2005). Das gilt für einen gut geprüften Fragebogen, bei beliebigen Online-Tests ist die Aussagekraft nicht bekannt.

Die Gegenrichtung zeigt eine Übersichtsarbeit bei Erwachsenen in psychiatrischen Ambulanzen: Studien, die nur ein Screening nutzten, kamen auf rund 27 Prozent mit ADHS, Studien mit anschliessender Diagnostik auf rund 15 Prozent (Adamis et al., 2022). Screenings können also auch zu viele Verdachtsfälle liefern. Dazu passt eine Studie mit über 5600 jungen Schweizer Männern, in der 4,0 Prozent die Kriterien eines WHO-Screenings erfüllten. Das ist eine Schätzung auf Basis eines Screenings und keine Diagnose (Estévez et al., 2014).

Bereich Selbsttest Fachärztliche Abklärung
Grundlage Deine Selbsteinschätzung in einem Fragebogen strukturiertes Gespräch über Symptome und Beeinträchtigungen im ganzen Leben, bei Bedarf Angaben von Angehörigen
Aussage Hinweis, ob ein Verdacht besteht Diagnose oder Ausschluss, inklusive Prüfung anderer Ursachen
Grenzen kann Betroffene übersehen und Nicht-Betroffene markieren braucht Zeit und Fachwissen

Die europäische Konsensusempfehlung beschreibt als Kern der Diagnose ein strukturiertes Interview, etwa die DIVA 2.0, zu Symptomen und Beeinträchtigungen über die Lebensspanne, ergänzt durch Angaben von Angehörigen (Kooij et al., 2019). Die DIVA ist also kein Selbsttest, sondern wird von Fachpersonen durchgeführt.

Woran erkennst Du einen seriösen Test?

An Transparenz über Herkunft, Zweck und Grenzen. Nicht jeder Online-Test ist wissenschaftlich fundiert. Achte auf Folgendes:

  • Herkunft: Tests von Universitäten, Fachkliniken oder Fachgesellschaften sind eine bessere Ausgangslage als anonyme Seiten.
  • Transparenz: Gute Tests erklären Zweck und Auswertung und sagen klar, dass es sich nicht um eine Diagnose handelt.
  • Datenschutz: Deine Angaben sollten anonym und sicher verarbeitet werden. Gib keine Gesundheitsdaten an, wenn unklar ist, wer sie erhält.
  • Praxisbezug: Je konkreter die Fragen mit Alltagsbeispielen formuliert sind, desto besser kannst Du sie beantworten.
  • Keine Verkaufsabsicht: Sei vorsichtig bei Tests, die sofort ein kostenpflichtiges Produkt anbieten.

Welche Grenzen haben Selbsttests?

Eine Therapeutin in einem modernen Praxisraum hält einen Diagnosebogen und hört einer Patientin aufmerksam zu.

Ihre Grenzen liegen bei Subjektivität, Verwechslungsgefahr und fehlendem Kontext. Ein Selbsttest stützt sich auf Deine Wahrnehmung, und die schwankt mit Tagesform, Stimmung und Selbstbild. Dazu kommt:

  • Verwechslungsgefahr: Viele ADHS-Symptome überschneiden sich mit Depression, Angststörungen oder Burnout. Auch hohe Raten an Begleiterkrankungen können die ADHS maskieren, und die Diagnose ist wegen der Überlappung herausfordernd (Kooij et al., 2019; Williams et al., 2023).
  • Fehlender Kontext: Ein Test kennt weder Deine Lebensgeschichte noch Dein Umfeld.
  • Keine Diagnose: Auch bei hoher Übereinstimmung ersetzt der Test keine ärztliche Abklärung.

Bei Frauen zeigt sich ADHS häufig leiser, mit mehr Unaufmerksamkeit und innerer Belastung (Hinshaw et al., 2022). Wenn Du Dich in den klassischen Fragen zu Hyperaktivität nicht wiederfindest, heisst das deshalb nicht, dass ADHS ausgeschlossen ist. Mehr dazu im Beitrag ADHS bei Frauen.

Auch andere Besonderheiten können eine Rolle spielen und die Einschätzung beeinflussen, zum Beispiel andere Formen der Neurodivergenz, Hochsensibilität oder Autismus. Eine Abklärung sollte das berücksichtigen.

Aus der Praxis

Viele bringen ein Testergebnis mit, manchmal mit Sorge, manchmal mit Erleichterung. In der Sprechstunde nehmen wir es als Gesprächsanlass, aber nicht als Befund. Wir fragen, welche Fragen Dich beim Ausfüllen am meisten angesprochen haben und wie Du Dich als Kind erlebt hast. Das zeigt oft mehr als die Punktzahl.

Häufig unterschätzen Betroffene, dass auch Depression, Ängste, Schlafprobleme oder Erschöpfung zu einem auffälligen Ergebnis führen können. Umgekehrt schliesst ein unauffälliges Ergebnis ADHS nicht aus. Wichtig ist uns deshalb, die Beschwerden im Gesamtbild zu betrachten und andere Erklärungen mitzuprüfen. Ein Test ist freiwillig und keine Voraussetzung für ein Gespräch mit uns.

Was tun bei einem auffälligen Ergebnis?

Der nächste Schritt ist eine fachliche Abklärung, nicht der Griff zu Selbstbehandlung oder Medikamenten. Informationen dazu findest Du in unserem Ratgeber zur ADHS-Diagnose in der Schweiz. Eine vollständige Abklärung umfasst typischerweise:

  • Anamnese: ein ausführliches Gespräch über Kindheit, Schulzeit, Beruf und heutigen Alltag
  • Strukturiertes Interview: zum Beispiel DIVA 2.0 (Kooij et al., 2019)
  • Standardisierte Fragebögen: ergänzend zum Gespräch
  • Differenzialdiagnostik: Prüfung anderer Ursachen wie Depression, Angst oder Schlafprobleme
  • Fremdanamnese: Angaben von Eltern, Partnerin oder Partner, wenn möglich

Wie bereitest Du Dich nach einem auffälligen Ergebnis auf die Abklärung vor?

Mit wenigen Notizen wird das Gespräch deutlich aussagekräftiger:

  1. Notiere drei bis fünf Alltagssituationen, in denen Du Mühe hast, mit konkreten Beispielen aus den letzten Wochen.
  2. Halte fest, seit wann diese Schwierigkeiten bestehen und wie es in Kindheit und Schulzeit war. Alte Zeugnisse mit Bemerkungen zu Konzentration oder Verhalten helfen.
  3. Überlege, wer Dich aus der Kindheit oder heute gut kennt und Auskunft geben könnte, etwa Eltern, Geschwister oder Partnerin oder Partner.
  4. Schreibe frühere Diagnosen und Behandlungen auf, zum Beispiel wegen Depression, Angst oder Schlafproblemen.
  5. Bring das Testergebnis mit, wenn Du magst, und betrachte es als Gesprächsstart und nicht als Beweis.

Bei uns ist der Einstieg ein kostenloses Beratungsgespräch. Die Abklärung dauert danach in der Regel etwa acht Wochen mit etwa fünf Gesprächen. Details zur Abrechnung findest Du im Beitrag zur Abrechnung über die Grundversicherung.

Und wenn das Ergebnis unauffällig ist?

Eine Therapeutin sitzt einem Klienten gegenüber, beide halten einen Fragebogen in der Hand. Die Atmosphäre ist offen und empathisch.

Ein unauffälliges Ergebnis schliesst ADHS nicht sicher aus. Weil auch gute Screenings Betroffene übersehen (Kessler et al., 2005), solltest Du Deine Beschwerden ernst nehmen, wenn sie Dich über längere Zeit belasten, auch wenn der Test unauffällig war. Sprich dann mit Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt oder einer Fachperson. Das gilt unabhängig davon, ob ADHS oder etwas anderes dahintersteckt.

Wie geht es nach einer Diagnose weiter?

Meist mit einer individuell abgestimmten Kombination aus Wissen über ADHS, Psychotherapie, Alltagsstrategien und bei Bedarf Medikamenten. Die europäische Konsensusempfehlung nennt Psychoedukation, Medikamente und kognitive Verhaltenstherapie als Ergänzung (Kooij et al., 2019). Eine Meta-Analyse fand für kognitive Verhaltenstherapie bei Erwachsenen mit ADHS deutliche Verbesserungen im Vorher-nachher-Vergleich, im Vergleich mit Kontrollgruppen kleinere (Knouse et al., 2017). Welche Medikamente passen, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt. Ändere sie nie auf eigene Faust.

  • Psychoedukation: verstehen, wie ADHS funktioniert und was es bedeutet
  • Psychotherapie: zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie
  • Coaching und Alltagshilfen: Strukturen für Alltag, Beruf und Beziehungen
  • Austausch mit anderen Betroffenen: Die ADHS-Organisation elpos bietet in der Schweiz kostenlose Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall sowie Gesprächsgruppen, online und vor Ort

Eine Diagnose ist kein Makel, sondern ein Werkzeug, um Dich besser zu verstehen. Eine Übersichtsarbeit zu Frauen beschreibt, dass die Diagnose später oft als Erleichterung erlebt wird (Attoe & Climie, 2023).

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn mehrere Symptome auf Dich zutreffen, seit der Kindheit bestehen und Deinen Alltag spürbar belasten, ist eine Abklärung sinnvoll, unabhängig vom Testergebnis. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, den Notfall, den Rettungsdienst (144) oder die Dargebotene Hand (143, rund um die Uhr).

Häufige Fragen zum ADHS-Selbsttest

Kann ein Online-Test ADHS diagnostizieren?

Nein. Ein Online-Test kann nur einen Verdacht anzeigen. Die Diagnose stützt sich auf ein strukturiertes Gespräch über Symptome und Beeinträchtigungen über die Lebensspanne, bei Bedarf mit Angaben von Angehörigen (Kooij et al., 2019).

Was bedeutet ein hoher Punktewert im Selbsttest?

Er bedeutet, dass viele Deiner Angaben zum ADHS-Bild passen, mehr nicht. Auch bei Depression, Angst oder Burnout können hohe Werte vorkommen. Ein hoher Wert ist ein guter Anlass, die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen. In Studien lagen Screening-Ergebnisse deutlich höher als Ergebnisse mit anschliessender Diagnostik (Adamis et al., 2022).

Gibt es einen ADHS-Test speziell für Frauen?

Ob ein bestimmter Test leisere Erscheinungsformen wie Unaufmerksamkeit und innere Unruhe gut erfasst, lässt sich als Laie schwer beurteilen. Bei Frauen zeigt sich ADHS häufig anders als das klassische Bild (Hinshaw et al., 2022), deshalb zählt die ärztliche Abklärung mehr als ein Testergebnis. Wichtig ist, dass dabei gezielt nach diesen Formen gefragt wird.

Muss ich vor der Abklärung einen Selbsttest machen?

Nein. Ein Selbsttest ist freiwillig und kein Eintrittsticket. Du kannst auch direkt ein Gespräch suchen, zum Beispiel mit Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder bei uns im kostenlosen Erstgespräch mit dem Beratungsteam.

Wie lange dauert ein ADHS-Test beim Facharzt?

Ein Selbsttest dauert wenige Minuten, die ärztliche Abklärung deutlich länger. Bei uns dauert sie in der Regel etwa acht Wochen mit etwa fünf Gesprächen, nach einem kostenlosen Beratungsgespräch. Der Aufwand ist grösser als bei einem Fragebogen, weil Kindheit, Alltag und andere mögliche Ursachen gründlich angeschaut werden.

Gibt es einen ADS-Test?

Einen eigenen ADS-Test gibt es üblicherweise nicht. ADS ist die umgangssprachliche Bezeichnung für das überwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild der ADHS. Fragebögen und die ärztliche Abklärung prüfen alle Erscheinungsbilder, also auch die Form ohne ausgeprägte Hyperaktivität.

Fazit: Der Selbsttest als Startpunkt, nicht als Endpunkt

Ein ADHS-Selbsttest kann Dir helfen, Dich besser zu verstehen, aber er ersetzt keine Diagnose. Er ist ein erster Reflexionsraum, der Dich ermutigen kann, Dir fachliche Hilfe zu holen, egal wie das Ergebnis aussieht. Das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist ein einfacher erster Schritt. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung.

Quellen

  • Kessler, R. C. et al. (2005). The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS): a short screening scale for use in the general population. Psychological Medicine, 35(2), 245-256. doi.org
  • Adamis, D. et al. (2022). ADHD in adults: systematic review and meta-analysis. Journal of Attention Disorders, 26(12). sagepub.com
  • Estévez, N. et al. (2014). Prevalence of and associated factors for adult attention deficit hyperactivity disorder in young Swiss men. PLOS ONE. plos.org
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. sciencedirect.com
  • Williams, O. C. et al. (2023). Adult attention deficit hyperactivity disorder: a comprehensive review. Annals of Medicine and Surgery. PMC10205222
  • Hinshaw, S. P., Nguyen, P. T., O’Grady, S. M. & Rosenthal, E. A. (2022). Annual Research Review: Attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women: underrepresentation, longitudinal processes, and key directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry. doi.org
  • Knouse, L. E., Teller, J. & Brooks, M. A. (2017). Meta-analysis of cognitive-behavioral treatments for adult ADHD. Journal of Consulting and Clinical Psychology. PubMed
  • Attoe, D. E. & Climie, E. A. (2023). Miss. Diagnosis: a systematic review of ADHD in adult women. Journal of Attention Disorders, 27(7). sagepub.com
  • elpos Schweiz, ADHS-Organisation: Angebote für Erwachsene. elpos.ch

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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