Gluten, Casein & ADHS: Gibt es eine Unverträglichkeit?

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Im Netz liest Du immer wieder, dass Menschen mit ADHS auf Gluten oder Milchprodukte verzichten und sich danach klarer, ruhiger und fokussierter fühlen. Das klingt verlockend, vor allem wenn Du Dich im Alltag viel anstrengen musst. In diesem Ratgeber erfährst Du, was Gluten und Casein sind, was die Forschung bei ADHS tatsächlich zeigt, wie Du erkennst, ob eine Unverträglichkeit vorliegen könnte, und was Du beachten solltest, bevor Du Deine Ernährung umstellst.

Kurz erklärt: Eine gluten- oder caseinfreie Ernährung ist keine anerkannte Behandlung bei ADHS. Für eine allgemeine Wirkung auf ADHS-Symptome fehlen belastbare Studien, während ein Zusammenhang zwischen ADHS und der Autoimmunerkrankung Zöliakie in mehreren Studien beschrieben wird. Bei Verdacht auf Zöliakie solltest Du Dich vor dem Weglassen von Gluten ärztlich testen lassen, weil ein glutenfreier Speiseplan die Testergebnisse verfälschen kann.

Was sind Gluten und Casein?

Gluten ist ein Klebereiweiss, das in Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste vorkommt und Teig seine Elastizität gibt. Es steckt deshalb nicht nur in Brot und Pasta, sondern auch in vielen Fertigprodukten und Saucen. Casein ist das wichtigste Eiweiss der Kuhmilch und damit in Milch, Joghurt, Käse, Quark und Rahm enthalten.

Für die meisten Menschen sind beide Stoffe unproblematisch. Bei einer Zöliakie ist das anders: Das ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Gluten Entzündungen im Dünndarm auslöst. Davon zu unterscheiden sind Weizenallergie und eine (umstrittene) Glutensensitivität ohne Zöliakie. Casein ist ausserdem nicht dasselbe wie Laktose: Eine Laktoseintoleranz betrifft den Milchzucker, nicht das Eiweiss.

Eine Person hält mehrere frische Brote aus dunklem Mehl, zwischen den Broten liegt ein Bündel Weizenähren.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen ADHS und Zöliakie?

Ja, mehrere Studien beschreiben einen Zusammenhang, ein klares Bild gibt es aber nicht. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2022 wertete 23 Studien zu Kindern aus: 13 fanden einen positiven Zusammenhang zwischen ADHS und Zöliakie, während eine frühere Übersicht von 2015 noch keinen gefunden hatte. Die Autorin führt die Unterschiede auf uneinheitliche Methoden zurück. Sie vermutet, dass unbehandelte Zöliakie Unaufmerksamkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen auslösen und dadurch ADHS ähneln kann, und unterstützt ein Screening, räumt aber ein, dass es als Routine umstritten ist (Gaur, 2022).

Eine kleine Untersuchung an 67 Personen mit ADHS fand bei 10 von ihnen Hinweise auf eine Zöliakie. Nach mindestens sechs Monaten glutenfreier Kost berichteten diese Personen oder ihre Eltern über weniger ADHS-typische Probleme (Niederhofer, 2011). Die Studie hatte keine Kontrollgruppe und war klein. Sie zeigt, dass es sich lohnen kann, an Zöliakie zu denken, ist aber kein Beleg dafür, dass Gluten bei ADHS allgemein schadet.

Hilft eine gluten- oder caseinfreie Diät bei ADHS?

Für eine allgemeine Empfehlung reicht die Studienlage nicht. Die bekannteren Studien zu Ernährung bei ADHS betreffen etwas anderes: strikte „Few-Foods“-Diäten, bei denen nur wenige Lebensmittel erlaubt sind. In der niederländischen INCA-Studie mit 100 Kindern zwischen 4 und 8 Jahren besserten sich die ADHS-Werte in der Diätgruppe deutlich stärker als in der Kontrollgruppe. Beim gezielten Wiedereinführen von Lebensmitteln kehrten die Beschwerden bei 63 Prozent der Kinder, die auf die Diät angesprochen hatten, zurück, unabhängig von Antikörperwerten im Blut. Die Autorinnen und Autoren raten deshalb von Diäten ab, die auf IgG-Bluttests beruhen (Pelsser et al., 2011).

Eine Auswertung von Übersichtsarbeiten kam zu dem Ergebnis, dass die Few-Foods-Diät in Studien mittlere bis grössere Effekte zeigte, vor allem bei Beurteilungen durch Eltern und andere Personen, und eine Option für Untergruppen von Kindern sein könnte, die nicht auf Medikamente ansprechen oder dafür zu jung sind (Pelsser et al., 2017). Eine weitere Übersicht schätzt, dass nur eine Minderheit der Kinder von Eliminationsdiäten profitiert, und betont, dass die Studien klein und teils alt sind. Sie warnt vor Nährstoffmangel und empfiehlt eine Begleitung durch Ernährungsfachpersonen (Nigg & Holton, 2014).

Ansatz Was die Studien zeigen Einschränkung
Glutenfrei bei bestätigter Zöliakie Zöliakie wird mit glutenfreier Kost behandelt, in kleinen Studien besserten sich dabei auch ADHS-typische Probleme Kleine Studien ohne Kontrollgruppe
Few-Foods-Diät (Eliminationsdiät) In Studien an Kindern besserten sich ADHS-Werte bei einem Teil Sehr streng, nur unter Begleitung, nur Kinder untersucht, Beurteilung oft durch Eltern
Gluten und Casein ohne Zöliakie weglassen In den von uns gesichteten Übersichtsarbeiten keine belastbaren Belege für ADHS Studienlage dünn
Diät nach IgG-Bluttest Von den Autoren der INCA-Studie nicht empfohlen Test sagte das Ansprechen nicht voraus

Die genannten Studien betreffen überwiegend Kinder. Für Erwachsene mit ADHS haben wir keine belastbaren Studien zu Gluten oder Casein gefunden. Mehr zu gezielten Auslassdiäten findest Du im Ratgeber Eliminationsdiäten bei ADHS.

Aus der Praxis

Wenn Patientinnen und Patienten nach glutenfreier oder caseinfreier Ernährung fragen, hören wir zuerst zu: Was erhoffst Du Dir, und was hast Du schon ausprobiert? Häufig steckt der Wunsch nach mehr Ruhe und Klarheit dahinter. Wichtig ist uns die Unterscheidung: Ein Verdacht auf Zöliakie gehört ärztlich abgeklärt, und zwar bevor Du Gluten weglässt, weil sonst Testergebnisse verfälscht werden können. Ohne solche Hinweise gibt es bei ADHS keine belastbare Grundlage für einen Verzicht. Oft unterschätzt wird, dass auch bewussteres Essen und mehr Aufmerksamkeit für den eigenen Körper etwas verändern können. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollte eine Auslassdiät nicht ohne ärztliche Begleitung erfolgen. Wir besprechen das gemeinsam mit Dir.

Warum fühlen sich manche nach dem Weglassen besser?

Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen, und nicht alle haben mit Gluten oder Casein zu tun. Wer sich mit Ernährung beschäftigt, kocht oft bewusster, isst weniger Fertigprodukte, plant Mahlzeiten und schläft vielleicht besser. Auch Erwartung und Aufmerksamkeit für den eigenen Körper spielen mit. Das macht die Besserung nicht weniger echt, es erschwert aber den Rückschluss auf eine bestimmte Ursache. Deshalb solltest Du nicht jede Veränderung allein auf die Ernährung zurückführen, sondern Schlaf, Stress und Medikamente mitdenken.

Manchmal wird als Erklärung auch die Darm-Hirn-Achse genannt. Hier ist die Forschung ebenfalls im Fluss, und Ergebnisse sind nicht eindeutig.

Eine grosse Menge ungekochter Fusilli-Nudeln liegt dicht aneinandergereiht.

Wie gehst Du vor, wenn Du es ausprobieren möchtest?

Kläre zuerst ab, ob eine Zöliakie vorliegen könnte, und stelle die Ernährung erst danach um. Ärztinnen und Ärzte empfehlen, vor der Diagnostik nicht auf glutenfrei umzustellen, weil das die Testergebnisse beeinflussen kann (NIDDK). Danach kannst Du mit Fachbegleitung so vorgehen:

  • Mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sprechen: Besprich Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall oder Blähungen und ob ein Zöliakie-Test sinnvoll ist.
  • Ernährungsberatung einbeziehen: Eine Fachperson kann Lücken erkennen. Bei Eliminationsdiäten wird Begleitung empfohlen, um Nährstoffmängel zu vermeiden.
  • Zeitraum festlegen: Lege vorher fest, wie lange Du etwas weglässt und woran Du eine Veränderung messen willst.
  • Tagebuch führen: Notiere Konzentration, Stimmung, Verdauung, Schlaf und Stress. So siehst Du, ob wirklich das Essen den Unterschied macht.
  • Gezielt wieder einführen: Nur so lässt sich beurteilen, ob ein Lebensmittel eine Rolle spielt.
  • Medikamente nicht eigenmächtig ändern: Wenn Du ADHS-Medikamente nimmst und Deine Ernährung ändert sich, beobachte, wie Du sie verträgst, und sprich mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Tipps findest Du im Ratgeber Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente.

Bei Kindern und Jugendlichen gehört eine Diätumstellung nur in Absprache mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt. Mehr zum Gesamtbild findest Du im Ratgeber Ernährung bei ADHS.

Wann solltest Du ärztlichen Rat suchen?

Sprich mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, wenn Du länger anhaltende Verdauungsbeschwerden, ungewollten Gewichtsverlust oder ausgeprägte Müdigkeit hast. Das können Hinweise auf eine Zöliakie oder eine andere Erkrankung sein, und sie lassen sich nicht über Ernährungsexperimente klären. Das gilt auch, wenn Du Dich in ADHS-Beschreibungen wiedererkennst: Eine Abklärung klärt, ob ADHS vorliegt oder etwas anderes dahintersteckt.

Häufige Fragen zu Gluten, Casein und ADHS

Ist ADHS eine Gluten- oder Caseinunverträglichkeit?

Nein. ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung und keine Nahrungsmittelunverträglichkeit. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang mit Zöliakie beschreiben, aber auch widersprüchliche Ergebnisse. Eine gluten- oder caseinfreie Ernährung ersetzt deshalb weder die Abklärung noch die Behandlung von ADHS. Wenn Du es dennoch ausprobieren möchtest, sprich zuerst mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Soll ich einen IgG-Test auf Nahrungsmittel machen?

Davon raten die Autoren der INCA-Studie ab. Bei den Kindern, die auf die Diät ansprachen, kehrten die Beschwerden beim Wiedereinführen von Lebensmitteln unabhängig vom IgG-Blutwert zurück. Der Test sagte also nicht voraus, wer reagiert. Bei Verdacht auf Zöliakie wird ärztlich anders getestet.

Wie wird Zöliakie festgestellt?

Ärztinnen und Ärzte suchen nach Antikörpern und Veränderungen im Darm. Wichtig ist, bis zur Abklärung weiter normal Gluten zu essen, weil eine glutenfreie Kost die Ergebnisse verfälschen kann. Lass Dich dazu von Deiner Hausärztin, Deinem Hausarzt oder einer Gastroenterologin beraten.

Kann ich mit ADHS ohne Risiko glutenfrei leben?

Glutenfrei zu essen ist grundsätzlich möglich, bedeutet aber Aufwand, Kosten und die Gefahr einseitiger Ernährung. Ersatzprodukte sind nicht automatisch ausgewogener. Wenn Du ausprobieren möchtest, lass Dich beraten und achte darauf, dass Du weiterhin genug Ballaststoffe, Eiweiss und Nährstoffe bekommst. Besonders bei Kindern ist eine ärztliche Begleitung wichtig.

Fazit

Gluten und Casein sind bei ADHS kein belegter Auslöser. Der Zusammenhang mit Zöliakie ist ein ernstzunehmender Hinweis, der ärztlich abgeklärt werden sollte, bevor Du Deine Ernährung umstellst. Wenn Dich ADHS im Alltag belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.

Quellen

  • Pelsser LM et al. (2011): Effects of a restricted elimination diet on the behaviour of children with attention-deficit hyperactivity disorder (INCA study): a randomised controlled trial. The Lancet. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21296237
  • Pelsser LM, Frankena K, Toorman J, Rodrigues Pereira R (2017): Diet and ADHD, Reviewing the Evidence: A Systematic Review of Meta-Analyses of Double-Blind Placebo-Controlled Trials Evaluating the Efficacy of Diet Interventions on the Behavior of Children with ADHD. PLOS ONE. journals.plos.org/plosone
  • Nigg JT, Holton K (2014): Restriction and Elimination Diets in ADHD Treatment. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America 23(4). pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4322780
  • Gaur S (2022): The Association between ADHD and Celiac Disease in Children. Children 9(6). mdpi.com/2227-9067/9/6/781
  • Niederhofer H (2011): Association of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Celiac Disease: A Brief Report. Primary Care Companion to CNS Disorders. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3184556
  • National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK): Diagnosis of Celiac Disease. niddk.nih.gov

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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