Wenn bei einem Kind oder bei Dir selbst ADHS festgestellt wird, taucht in vielen Familien eine Frage auf: Wird ADHS vererbt? Die kurze Antwort lautet: zu einem grossen Teil ja, aber nicht auf eine einfache Art. In diesem Ratgeber erfährst Du, was die Forschung zur Vererbung sagt, warum es kein einzelnes „ADHS-Gen“ gibt, welche Rolle die Umwelt spielt und wie Familien gut mit der Diagnose umgehen können.
Kurz erklärt: ADHS ist in hohem Mass erblich. Zwillingsstudien schätzen die Erblichkeit im Durchschnitt auf etwa 74 Prozent (Faraone & Larsson, 2019). Es sind aber sehr viele Genvarianten mit jeweils kleiner Wirkung beteiligt, und auch Umweltfaktoren spielen mit. Ein Kind bekommt deshalb nicht zwangsläufig ADHS, nur weil ein Elternteil betroffen ist, und ADHS kann auch ohne bekannte Familiengeschichte auftreten.
Wie stark ist ADHS erblich?
ADHS gilt als neurobiologische Entwicklungsstörung mit hoher genetischer Beteiligung. Ein Übersichtsartikel von Faraone und Larsson (2019) kommt über 37 Zwillingsstudien hinweg auf eine durchschnittliche Erblichkeit (Heritabilität) von 74 Prozent. Bei klinisch diagnostizierter ADHS liegen die Schätzungen zwischen 77 und 88 Prozent. Zudem zeigte eine Studie mit 894 Betroffenen, dass Geschwister von Menschen mit ADHS ein neunfach erhöhtes Risiko haben, ebenfalls ADHS zu entwickeln.

Wichtig für das Verständnis: Erblichkeit beschreibt, wie gross der Anteil der Unterschiede zwischen Menschen ist, der auf genetische Unterschiede zurückgeht. Sie ist keine Wahrscheinlichkeit für den Einzelfall. Eine Erblichkeit von rund 74 Prozent heisst also nicht, dass ein Kind mit 74 Prozent Wahrscheinlichkeit ADHS bekommt.
Gibt es ein einzelnes ADHS-Gen?
Nein. ADHS beruht auf dem Zusammenspiel sehr vieler Genvarianten, die jeweils nur einen kleinen Beitrag leisten. Nach Faraone und Larsson (2019) geht etwa ein Drittel der Erblichkeit auf häufige Genvarianten zurück. Risikowerte, die aus solchen Varianten berechnet werden, erklären aber nur rund 5,5 Prozent der Unterschiede. Eine grosse internationale Genomstudie mit fast 39 000 Betroffenen fand 27 Genorte mit Verbindung zu ADHS und 76 mögliche Risikogene, die besonders in der frühen Gehirnentwicklung aktiv sind (Demontis et al., 2023). Die Studie zeigte auch, dass ein grosser Teil der beteiligten Varianten mit anderen psychischen Störungen geteilt wird. Das passt zu der Beobachtung, dass ADHS oft gemeinsam mit anderen Erkrankungen auftritt.
| Frage | Was die Forschung dazu sagt |
|---|---|
| Wie erblich ist ADHS? | Durchschnittlich etwa 74 Prozent in Zwillingsstudien (Faraone & Larsson, 2019) |
| Gibt es ein ADHS-Gen? | Nein, viele Genvarianten mit kleiner Wirkung sind beteiligt (Demontis et al., 2023) |
| Lässt sich ADHS aus den Genen vorhersagen? | Nur sehr begrenzt: Risikowerte erklären rund 5,5 Prozent der Unterschiede (Faraone & Larsson, 2019) |
| Spielt die Umwelt eine Rolle? | Ja, kein einzelner Faktor ist allein notwendig oder ausreichend (Faraone et al., 2015) |
Wird ADHS eher von der Mutter oder vom Vater vererbt?
Aus der genetischen Sicht gibt es keinen Grund für eine solche Regel. Weil sehr viele Genvarianten beteiligt sind, können beide Elternteile Anlagen weitergeben. In den von uns geprüften Übersichtsarbeiten fanden wir keine Aussage, dass ADHS überwiegend über ein Geschlecht weitergegeben wird. Die Studienlage zu einzelnen Unterschieden ist uneinheitlich und lässt sich nicht auf den Einzelfall übertragen.
Was sich unterscheidet, ist eher das Erkennen: Mädchen zeigen oft weniger Hyperaktivität und Impulsivität und werden seltener zugewiesen, bei Erwachsenen liegt das Geschlechterverhältnis in Studien nahe bei 1 zu 1 (Kooij et al., 2019). Lies dazu mehr in den Ratgebern zu ADHS bei Frauen und ADHS bei Männern.
Aus der Praxis
Häufig hören wir von Eltern die Frage, ob sie etwas falsch gemacht haben. Wir erklären dann, dass ADHS keine Folge von Erziehung ist, sondern ein Zusammenspiel aus vielen Anlagen und Umweltfaktoren. In der Abklärung fragen wir ausserdem nach der Familiengeschichte, denn sie liefert Hinweise, ersetzt aber nicht die Untersuchung.
Manche Eltern erkennen sich im Verlauf der Abklärung ihres Kindes in den Beschreibungen selbst wieder. Das kann verunsichern und zugleich entlasten. Wichtig ist uns: Eine eigene Abklärung ist eine Möglichkeit, keine Pflicht. Auch eine leere Familiengeschichte schliesst ADHS nicht aus, weil sie in vielen Familien nicht abgeklärt wurde. Fragen zu Deinem Kind besprichst Du am besten mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.
Kann ADHS auch ohne familiäre Vorbelastung auftreten?
Ja. Nach einem Übersichtsartikel zu ADHS ist kein einzelner Risikofaktor notwendig oder ausreichend, um ADHS auszulösen. Es wirken mehrere genetische und umweltbezogene Faktoren zusammen (Faraone et al., 2015). Als Umweltfaktoren werden unter anderem Rauchen in der Schwangerschaft diskutiert, wobei familiäre Einflüsse die Befunde verzerren können, sowie schwere frühe Vernachlässigung in Heimen (Faraone et al., 2015). Hinzu kommt: In vielen Familien wurde ADHS nie abgeklärt. Gerade bei älteren Menschen sind viele Betroffene nie diagnostiziert worden (Dobrosavljevic et al., 2020). Eine „leere“ Familiengeschichte heisst deshalb nicht immer, dass niemand betroffen war.
Mein Kind hat ADHS: Sollte ich mich selbst abklären lassen?
Das ist eine Möglichkeit, aber keine Pflicht. Viele Eltern erkennen sich in den Beschreibungen ihres Kindes wieder, etwa bei Unorganisiertheit, Impulsivität, starken Gefühlen oder einem Alltag, der schnell im Chaos versinkt. Wenn Du solche Muster seit Deiner Kindheit kennst und sie Dich belasten, kann eine Abklärung sinnvoll sein. Wie sie abläuft, erfährst Du im Ratgeber zur ADHS-Diagnose in der Schweiz und im Überblick zu ADHS bei Erwachsenen.

Eine eigene Diagnose kann den Familienalltag entlasten. Wer die eigenen Schwierigkeiten versteht, geht oft mitfühlender mit sich und mit dem Kind um und kann Struktur im Alltag bewusster gestalten.
Wie kann eine Familie mit ADHS gut umgehen?
Hilfreich sind verständliche Information, klare Abläufe und Unterstützung von aussen. Schuldzuweisungen helfen nicht: Die Forschung beschreibt ADHS als Zusammenspiel genetischer und umweltbezogener Risikofaktoren (Faraone et al., 2015), nicht als Folge „falscher“ Erziehung. Für Kinder und Jugendliche gehören Elterntraining und Verhaltensmodifikation zu den bewährten Behandlungsbausteinen (Schmeck et al., 2008). Folgendes kann im Alltag unterstützen:
- Offenheit: Erkläre die Diagnose altersgerecht und ohne Schuldzuweisungen.
- Struktur: Feste Abläufe, sichtbare Pläne und regelmässige Schlaf- und Essenszeiten geben Halt.
- Ressourcen sehen: Schau nicht nur auf Schwierigkeiten, sondern auch auf das, was gut klappt und Freude macht.
- Hilfe annehmen: Beratung, Elterntraining, Familiengespräche oder Coaching können entlasten.
- Austausch: Selbsthilfegruppen und Gespräche mit anderen Betroffenen zeigen Dir, dass Du nicht allein bist.
Mehr dazu liest Du im Ratgeber Wie Angehörige unterstützen können.
Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Wenn Du bei Deinem Kind oder bei Dir selbst Hinweise auf ADHS bemerkst, die über längere Zeit bestehen und den Alltag belasten, sprich mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt, der Hausärztin oder dem Hausarzt. Bei akuten Krisen oder Suizidgedanken wende Dich sofort an den Notfall, rufe die 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand.
Häufige Fragen zur Vererbung von ADHS
Wie hoch ist das Risiko, dass mein Kind ADHS bekommt?
Eine genaue Prozentzahl für den Einzelfall lässt sich nicht nennen. Das Risiko ist bei Familien mit ADHS erhöht: In einer Studie hatten Geschwister von Betroffenen ein neunfach höheres Risiko als Kontrollpersonen. Gleichzeitig tragen viele Gene und Umweltfaktoren bei, deshalb entwickelt nicht jedes Kind ADHS, dessen Eltern betroffen sind.
Gibt es einen Gentest für ADHS?
Nein, für die Diagnose wird kein Gentest eingesetzt. Aus Genvarianten berechnete Risikowerte erklären nur etwa 5,5 Prozent der Unterschiede und sagen im Einzelfall wenig aus. Die Diagnose beruht auf einer klinischen Abklärung mit Gespräch, Fragebögen und Einschätzungen aus Kindheit und Alltag.
Ist ADHS die Folge schlechter Erziehung?
Nein. Die Forschung beschreibt ADHS als Zusammenspiel genetischer und umweltbezogener Risikofaktoren, kein einzelner Faktor ist allein ausschlaggebend. Erziehung kann den Alltag mit ADHS erleichtern oder erschweren, sie ist aber nicht die Ursache. Eltern verdienen deshalb Unterstützung und keine Vorwürfe, etwa in Form von Elterntraining oder Beratung.
Muss ich mich abklären lassen, wenn mein Kind ADHS hat?
Nein, es gibt keine Pflicht. Wenn Du Dich in den Beschreibungen wiedererkennst und die Schwierigkeiten Dich schon lange belasten, kann eine Abklärung hilfreich sein. Sie kann Deinen Alltag und das Zusammenleben in der Familie entlasten. Sprich dafür mit Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt.
Fazit: ADHS ist oft erblich, aber kein festgelegtes Schicksal
Gene spielen bei ADHS eine grosse Rolle, doch sie bestimmen den Verlauf nicht allein. Mit Wissen, Offenheit und passender Begleitung können Familien gut mit ADHS leben. Im kostenlosen Erstgespräch mit unserem Beratungsteam kannst Du besprechen, ob eine Abklärung für Dich oder Dein Kind sinnvoll ist. Wie sie bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung.
Quellen
- Faraone SV, Larsson H (2019): Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry 24:562-575. Zum Artikel
- Demontis D et al. (2023): Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains. Nature Genetics 55:198-208. Zum Artikel
- Faraone SV et al. (2015): Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers 1:15020. Zum Artikel
- Kooij JJS et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Zum Artikel
- Dobrosavljevic M et al. (2020): Prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder in older adults: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 118:282-289. Zum Artikel
- Schmeck K et al. (2008): Behandlung von Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Störungen (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen. Schweizerisches Medizin-Forum. Zum Artikel