Koffein und Zucker bei ADHS: Was Studien zeigen

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro-ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Kaffee am Morgen, Cola am Nachmittag, etwas Süsses zur Belohnung: Viele Menschen mit ADHS greifen zu Zucker und Koffein, um wacher oder besser gelaunt zu sein. Gleichzeitig hält sich der Ruf, beides mache ADHS schlimmer. Dieser Ratgeber zeigt, was die Forschung zu Zucker und Koffein bei ADHS tatsächlich sagt, wo die Studienlage offen ist und wie Du Deinen eigenen Umgang damit prüfen kannst.

Kurz erklärt: Dass Zucker ADHS auslöst, ist nicht belegt, aber in Beobachtungsstudien hängt ein hoher Zuckerkonsum mit mehr ADHS-Symptomen bei Kindern zusammen. Was Ursache und was Folge ist, ist offen. Koffein kann kurzfristig wach machen, verlängert aber nachweislich die Einschlafzeit und verkürzt den Schlaf, was bei ADHS besonders ins Gewicht fallen kann. Weder Zucker noch Koffein musst Du pauschal verbieten, ein bewusster Umgang mit Beobachtung der eigenen Reaktion ist sinnvoller.

Macht Koffein bei ADHS müde oder wach?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. In den von uns geprüften Quellen finden wir keinen Beleg dafür, dass Koffein bei ADHS typischerweise müde macht oder beruhigt. Eine solche „paradoxe“ Wirkung ist wissenschaftlich nicht gesichert. Gesichert ist dagegen der Einfluss auf den Schlaf: Koffein verlängert die Einschlafzeit und verkürzt den Schlaf (Clark & Landolt, 2017). Wer deshalb schlechter schläft, ist am nächsten Tag oft müder, und das kann sich anfühlen, als mache Kaffee müde. Denkbar ist auch, dass die Müdigkeit wieder durchkommt, wenn die Wirkung nachlässt, oder dass Schlafmangel, Stress oder Medikamente eine Rolle spielen. Das sind Erklärungsansätze und keine Befunde aus ADHS-Studien.

So prüfst Du Deine eigene Reaktion: Trinke eine Woche lang Kaffee nur bis zum Mittag und notiere, wie Du schläfst und wie Dein Energielevel über den Tag verläuft. Mehr zur Studienlage steht im Abschnitt Koffein bei ADHS: Hilfe oder Hindernis?.

Verschlimmert Zucker die ADHS-Symptome?

Das ist nicht gesichert: Es gibt einen Zusammenhang, aber keinen Beleg für Ursache und Wirkung. Eine Meta-Analyse von sieben Beobachtungsstudien mit knapp 26 000 Kindern und Jugendlichen fand einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Zucker oder gezuckerten Getränken und einem höheren Risiko für ADHS-Symptome. Die Studien unterschieden sich allerdings stark voneinander, und die Autorinnen und Autoren halten weitere Studien für nötig, die andere Einflüsse sorgfältiger herausrechnen, bevor sich Ursachen benennen lassen (Farsad-Naeimi et al., 2020).

Beobachtungsstudien können nicht zeigen, dass der Zucker die Symptome auslöst. Denkbar ist auch, dass andere Faktoren eine Rolle spielen. Für eine Aussage zu Erwachsenen mit ADHS haben wir keine geprüfte Studie gefunden.

Unabhängig von ADHS empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, freie Zucker auf weniger als 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen (WHO). Das ist ein sinnvolles Ziel für alle, nicht nur für Menschen mit ADHS.

Wie kannst Du im Alltag mit Zucker umgehen?

Ein Glas Eiskaffee mit Strohhalm steht auf einem Holztisch in der Sonne, daneben eine Sonnenbrille. Der bewusste Konsum von koffeinhaltigen Getränken spielt für den Tagesrhythmus eine wichtige Rolle.

Am besten funktioniert ein Vorgehen in kleinen Schritten, statt eines radikalen Verzichts. Manche Menschen bemerken, dass sie nach viel Süssem unruhiger, gereizter oder schneller erschöpft sind. Andere merken nichts. Das kannst Du für Dich selbst herausfinden:

  • Beobachte, wann Du zu Süssem greifst: In Stressmomenten, aus Langeweile, als Belohnung? Wenn Zucker vor allem Gefühle regulieren soll, hilft der Beitrag zum emotionalen Essverhalten bei ADHS.
  • Führe ein Ernährungstagebuch: Notiere eine oder zwei Wochen, was Du isst und trinkst und wie Du Dich danach fühlst. So erkennst Du Muster, ohne Dich auf ein Bauchgefühl zu verlassen.
  • Teste Alternativen: zum Beispiel Wasser oder ungesüssten Tee statt Süssgetränke, Nüsse statt Schokolade, Vollkornprodukte und Eiweiss in Mahlzeiten.
  • Achte auf versteckten Zucker: in Müesli, Joghurt, Smoothies und Getränken. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich.

Eine allgemeine Einordnung zu Mahlzeiten und Diäten findest Du im Beitrag Ernährung bei ADHS.

Koffein bei ADHS: Hilfe oder Hindernis?

Beides ist möglich, und die Wirkung ist individuell. Koffein ist das weltweit am häufigsten konsumierte psychoaktive Mittel und für gesunde Erwachsene laut einer Übersichtsarbeit relativ sicher. Kinder, Schwangere und Menschen mit bestimmten Erkrankungen gelten als verletzlicher, mit möglichen Folgen für Herz-Kreislauf, Schlaf und Substanzgebrauch (Temple et al., 2017). Dieselbe Arbeit erwähnt, dass Kinder mit ADHS höhere Raten von problematischem Koffeinkonsum zeigen. Ob Koffein bei ADHS gezielt hilft, haben wir in den geprüften Quellen nicht belegt gefunden.

Besonders deutlich ist der Einfluss auf den Schlaf. Eine systematische Übersichtsarbeit fand, dass Koffein die Zeit bis zum Einschlafen verlängert, die Schlafdauer und Schlafeffizienz verringert und den Tiefschlaf reduziert. Dosis und Zeitpunkt spielen eine klare Rolle, und genetische Unterschiede erklären, warum Menschen verschieden stark reagieren (Clark & Landolt, 2017). Weil bei ADHS ohnehin häufig Schlafprobleme vorkommen, lohnt sich hier besondere Aufmerksamkeit.

Bereich Was die geprüften Quellen sagen
Schlaf Koffein verlängert die Einschlafzeit, verkürzt den Schlaf und mindert die Schlafqualität; Dosis und Zeitpunkt sind wichtig (Clark & Landolt, 2017)
Gesunde Erwachsene laut Übersichtsarbeit relativ sicher (Temple et al., 2017)
Kinder und Jugendliche mögliche Folgen für Verhalten und Schlaf; die American Academy of Pediatrics sagt, Energy Drinks hätten in der Ernährung von Kindern und Jugendlichen keinen Platz (Temple et al., 2017)
Menschen mit ADHS höhere Raten problematischen Konsums bei Kindern erwähnt; zur gezielten Wirkung keine geprüfte Studie

Aus diesen Quellen leiten wir keine festen Grenzwerte ab. Als Orientierung kann gelten: Beobachte, wie Du schläfst, wenn Du Koffein spät am Tag trinkst. Wenn Du schlecht einschläfst, verlege den letzten Kaffee nach vorn oder lass ihn weg. Mehr zum Abend findest Du in den Tipps zur Schlafhygiene bei ADHS.

Aus der Praxis

In der Anamnese fragen wir nach Koffein und Süssem, ohne zu urteilen. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass beides als Hilfe gegen Müdigkeit oder zur Belohnung dient. Wichtig ist uns dann die Frage, wofür es gebraucht wird: Fehlt Schlaf, ist der Stress hoch, oder soll ein Gefühl reguliert werden? Besonders schauen wir auf den Zeitpunkt, denn Koffein spät am Tag kann das Einschlafen erschweren, und bei ADHS sind Schlafprobleme ohnehin häufig. Ein pauschales Verbot halten wir nicht für hilfreich. Sinnvoller ist es, die eigene Reaktion zu beobachten und gemeinsam zu entscheiden, was sich ändern lässt. Bei Herzrasen, Zittern oder starker Nervosität nach Koffein sowie unter Medikation sprich es bitte ärztlich an.

Was ist mit Energy Drinks und Cola?

Auf einem Holztisch stehen Cappuccino, Espresso und ein Stück Kuchen mit Beeren und Sahne. Ein bewusster Umgang mit Zucker und Koffein hilft, Schwankungen im Energielevel zu vermeiden.

Getränke, die Zucker und Koffein kombinieren, sind bei Kindern und Jugendlichen besonders kritisch. Die American Academy of Pediatrics hat festgehalten, dass Koffein und andere Stimulanzien in Energy Drinks in der Ernährung von Kindern und Jugendlichen keinen Platz haben (zitiert nach Temple et al., 2017). Für Erwachsene mit ADHS haben wir keine ADHS-spezifische Studie geprüft. Weil solche Getränke viel Zucker enthalten können, lohnt sich ein Blick auf die Menge, auch aus Sicht der WHO-Empfehlung zu freien Zuckern.

Wenn Du ADHS-Medikamente nimmst, kläre Koffeinkonsum mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt ab. Wir haben dazu keine Studie geprüft, und eine pauschale Aussage wäre unseriös. Mehr zu Medikamenten und Appetit findest Du im Beitrag Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Sprich mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, wenn Du nach Koffein Herzrasen, Zittern, starke Nervosität oder Angstgefühle bemerkst, wenn Du ohne Kaffee kaum durch den Tag kommst oder wenn Schlafprobleme länger anhalten. Auch wenn Du Zucker oder Koffein vor allem nutzt, um Stress oder Müdigkeit zu überspielen, lohnt sich ein Gespräch über die Ursache.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise suche sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand.

Häufige Fragen zu Zucker, Koffein und ADHS

Macht Zucker Kinder mit ADHS hyperaktiv?

Das lässt sich so nicht sagen. Eine Meta-Analyse von Beobachtungsstudien fand einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und ADHS-Symptomen bei Kindern, aber mit grossen Unterschieden zwischen den Studien (Farsad-Naeimi et al., 2020). Ursache und Wirkung sind nicht geklärt. Ein Verbot ist nicht nötig. Hilfreich ist eine ausgewogene Ernährung mit wenig Süssgetränken.

Warum macht Kaffee bei ADHS manchmal müde?

Eine paradoxe Wirkung ist nicht belegt. Häufige Erklärungen sind Schlafmangel durch spät getrunkenen Kaffee, eine nachlassende Wirkung oder andere Ursachen wie Stress. Trinke Kaffee einige Tage nur bis zum Mittag und beobachte, ob sich Schlaf und Energie verändern. Wenn die Müdigkeit anhält, lass sie ärztlich abklären (Clark & Landolt, 2017).

Darf ich zu ADHS-Medikamenten Kaffee trinken?

Das hängt vom Medikament und von Dir ab. Wir haben dazu keine Studie geprüft, deshalb besprich es mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Melde Dich ärztlich, wenn Du Herzrasen, Zittern oder starke Nervosität bemerkst.

Darf ich bei ADHS Kaffee trinken?

Für gesunde Erwachsene gilt Koffein laut einer Übersichtsarbeit als relativ sicher (Temple et al., 2017). Ob und wie viel für Dich passt, hängt von Dir und Deinem Befinden ab. Achte aber auf Deinen Schlaf: Koffein kann das Einschlafen verzögern und den Schlaf verkürzen (Clark & Landolt, 2017). Trinke Kaffee lieber früher am Tag und beobachte, wie Du reagierst.

Ersetzt Koffein ADHS-Medikamente?

Nein. Wir haben keine geprüfte Studie gefunden, die Koffein als Behandlung bei ADHS belegt. Wenn Du Dich ohne Behandlung dauerhaft müde und unkonzentriert fühlst, lass das ärztlich abklären. Setze verordnete Medikamente nie auf eigene Faust ab. Koffein kann ausserdem den Schlaf stören (Clark & Landolt, 2017). Besprich Müdigkeit und Konzentrationsprobleme deshalb mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, statt sie mit Kaffee auszugleichen.

Wie reduziere ich Zucker und Koffein, ohne zu scheitern?

Wähle ein Ziel statt vieler: zum Beispiel keine Süssgetränke oder Kaffee nur bis zum Mittag. Ersetze statt zu streichen, etwa durch Tee oder Wasser. Ein Tagebuch zeigt, wie Du Dich fühlst. Wenn Heisshunger oder Müdigkeit zunehmen, besprich das mit Deinem Behandlungsteam.

Fazit: Bewusst statt verboten

Zucker und Koffein sind bei ADHS keine Verbotsliste, aber auch nicht harmlos. Zucker hängt in Beobachtungsstudien mit mehr Symptomen zusammen, Koffein kann den Schlaf stören. Teste kleine Veränderungen und beobachte, wie es Dir geht. Wenn Dich ADHS im Alltag stark belastet, kann eine Abklärung oder eine Therapie der nächste Schritt sein. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, in Zürich, Biel oder online.

Quellen

  • Farsad-Naeimi, A. et al. (2020). Sugar consumption, sugar sweetened beverages and attention deficit hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis. Complementary Therapies in Medicine, 53. sciencedirect.com
  • Temple, J. L. et al. (2017). The safety of ingested caffeine: a comprehensive review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Clark, I. & Landolt, H. P. (2017). Coffee, caffeine, and sleep: a systematic review of epidemiological studies and randomized controlled trials. Sleep Medicine Reviews, 31, 70-78. sciencedirect.com
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO). Healthy diet, Fact sheet. who.int

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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