Was ist ADHS? Ursachen, Symptome & Verlauf

Veröffentlicht am: 27. September 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

ADHS ist vielen nur als „Zappelphilipp-Syndrom“ bei Kindern bekannt. Dabei betrifft die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung auch Erwachsene, oft ohne dass sie es wissen oder je eine formelle Diagnose erhalten haben. In diesem Ratgeber erfährst Du verständlich, was ADHS ist, wie sie sich zeigt, welche Ursachen bekannt sind, wie der Verlauf aussehen kann und was hilft.

Kurz erklärt: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Neuroentwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und bei vielen Menschen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Typisch sind Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Unruhe, die den Alltag beeinträchtigen. ADHS ist stark erblich mitbedingt, keine Folge von Erziehung oder Willensschwäche, und lässt sich gut behandeln, auch wenn sie nicht heilbar ist.

Was bedeutet ADHS?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und beschreibt eine neurobiologisch mitbedingte Entwicklungsstörung. Sie ist als eigenständige Diagnose in den internationalen Klassifikationssystemen (ICD und DSM) anerkannt und keine Erfindung der Neuzeit. Die Kernmerkmale sind:

  • Störungen der Aufmerksamkeit
  • impulsives Verhalten
  • übermässige motorische oder innere Unruhe

Es gibt verschiedene Erscheinungsbilder. Wer vorwiegend unaufmerksam ist und wenig Hyperaktivität zeigt, wurde früher oft „ADS“ genannt. Heute spricht man von ADHS mit vorwiegend unaufmerksamer Präsentation. Bei Erwachsenen wird die unaufmerksame Präsentation als häufigste beschrieben, vor der hyperaktiven und der kombinierten (Ayano et al., 2023). Bei Frauen wird sie häufig übersehen, weil die Symptome weniger auffallen.

Erscheinungsbild Was im Vordergrund steht
Vorwiegend unaufmerksam Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Tagträumen, Mühe beim Beenden von Aufgaben
Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv Unruhe, Bewegungsdrang, vorschnelles Handeln und Sprechen
Kombiniert Merkmale aus beiden Bereichen

Wie häufig ist ADHS?

ADHS betrifft weltweit etwa 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen und rund 2,5 Prozent der Erwachsenen (Faraone et al., 2015). Weitere Studien kommen auf ähnliche Werte: Eine Meta-Analyse schätzt 2,6 Prozent für anhaltende ADHS seit der Kindheit und 6,8 Prozent, wenn man alle Erwachsenen mit ADHS-Symptomen mitzählt (Song et al., 2021), eine Übersicht über mehrere Meta-Analysen 3,1 Prozent (Ayano et al., 2023). Die Angaben unterscheiden sich, weil Studien ADHS verschieden definieren und messen.

Welche Symptome sind typisch?

Alltagsrealität mit ADHS: Ein erschöpfter Mann kämpft mit Konzentration und Struktur am Arbeitsplatz.

Die Symptome lassen sich in drei Bereiche gliedern, die je nach Lebensalter, Geschlecht und Person unterschiedlich ausgeprägt sind.

Unaufmerksamkeit

  • starke Ablenkbarkeit, zum Beispiel beim Lesen oder Arbeiten
  • Vergesslichkeit bei Alltagsaufgaben
  • Mühe mit Organisation, Chaos im Alltag
  • Schwierigkeiten, Anweisungen zu folgen oder Aufgaben zu beenden

Impulsivität

  • Vorpreschen ohne Überlegen, zum Beispiel in Gesprächen oder bei Entscheidungen
  • unbedachte Ausgaben oder riskantes Verhalten
  • emotionale Ausbrüche oder Stimmungsschwankungen
  • Mühe, Regeln und Strukturen einzuhalten

Hyperaktivität und innere Unruhe

  • ständiges Gedankenkreisen
  • Bewegungsdrang, zum Beispiel Wippen mit den Beinen oder Herumlaufen
  • Schlafprobleme und Einschlafschwierigkeiten
  • Gereiztheit bei Ruhe oder Langeweile

Bei Erwachsenen zeigen sich die Beschwerden oft weniger durch äussere Unruhe, sondern durch eine innere Getriebenheit und anhaltende Schwierigkeiten im Alltag. Fachleute beschreiben auch, dass emotionale Dysregulation bei ADHS über die ganze Lebensspanne verbreitet ist und wesentlich zur Beeinträchtigung beiträgt (Shaw et al., 2014).

Mann im Bürochaos mit Überforderung: typisches Bild bei ADHS im Alltag.

Besonders betroffen sind häufig diese Bereiche:

  • Beruf: Konzentrationsprobleme, Mühe mit Deadlines und Projektmanagement, Konflikte im Team
  • Beziehungen: emotionale Überreaktionen, Missverständnisse, impulsives Verhalten in Konflikten
  • Alltag und Selbstwert: Chaos im Haushalt, vergessene Termine, Gefühle des Scheiterns, Selbstkritik

Viele Betroffene erhalten erst spät eine Diagnose, bei manchen im Zusammenhang mit der Abklärung der eigenen Kinder. Die Erkenntnis löst oft eine Mischung aus Erleichterung und Bedauern aus: „Hätte ich das nur früher gewusst.“

Aus der Praxis

Häufig erleben wir im Gespräch, dass Betroffene mit der Frage kommen, ob sie sich nur nicht genug angestrengt haben oder ob das nicht eine Modediagnose ist. Wir erklären dann, dass ADHS keine Frage von Willensstärke oder Erziehung ist, sondern eine Besonderheit in der Selbststeuerung, die stark erblich mitbedingt ist. Das Bild vom Zappelphilipp hält sich hartnäckig, dabei zeigt sich ADHS bei Erwachsenen oft leiser und innerlicher.

Wichtig ist uns, dass Du Dich nicht auf ein Etikett reduziert fühlst. Die Diagnose ist ein Anfang: Erst wenn klar ist, was bei Dir vorliegt und was nicht, lässt sich gemeinsam besprechen, welche Unterstützung zu Deinem Alltag passt.

Was sind die Ursachen von ADHS?

ADHS entsteht durch ein Zusammenspiel von Genen und Umweltfaktoren, kein einzelner Faktor ist allein ausreichend oder notwendig (Faraone et al., 2015). Wichtig: Eltern sind nicht schuld an ADHS.

Genetik

Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen, dass ADHS stark erblich ist, mit einer Heritabilität von etwa 74 Prozent. Viele Gene tragen jeweils nur einen kleinen Teil bei (Faraone & Larsson, 2019). Mehr dazu im Beitrag Vererbung bei ADHS.

Neurobiologie

Beteiligt sind Hirnnetzwerke, die Aufmerksamkeit, Planung und Selbststeuerung regeln. Eine Übersichtsarbeit zu ADHS mit Angst und Depression beschreibt unter anderem Veränderungen im Dopamin- und Noradrenalin-System im Striatum sowie Einschränkungen exekutiver Funktionen, etwa beim Arbeitsgedächtnis und bei der Aufmerksamkeit (Fu et al., 2025). Das Bild ist komplex und noch nicht vollständig verstanden.

Umweltfaktoren

Als Risikofaktoren werden zum Beispiel Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft und schwere frühe Deprivation in Institutionen genannt. Umweltfaktoren haben jeweils nur kleine Einzeleffekte und wirken mit den Genen zusammen (Faraone et al., 2015). Wenn ein Elternteil ADHS hat, ist das Risiko für Kinder erhöht, was die Genetik erklärt und keine Erziehungsfrage ist.

Frustrierter Student mit ADHS beim Lernen: Konzentration fällt schwer.

Wie verläuft ADHS?

ADHS ist eine Störung, die sich im Lauf des Lebens wandelt: Die Symptome nehmen mit dem Alter oft ab, bleiben aber bei vielen bestehen (Faraone et al., 2015). Die europäische Konsensusempfehlung beschreibt ADHS in der Mehrheit der Fälle als Störung über die Lebensspanne und fand auch bei über 60-Jährigen ähnliche Häufigkeiten (Kooij et al., 2019). Eine Meta-Analyse zeigt dagegen, dass die Häufigkeit mit dem Alter abnimmt, vor allem bei anhaltender ADHS seit der Kindheit (Song et al., 2021). Die Zahlen hängen also davon ab, wie ADHS im Erwachsenenalter definiert wird.

Begleiterkrankungen sind bei Erwachsenen mit ADHS häufig. Die europäische Konsensusempfehlung nennt Lebenszeit-Raten an Begleiterkrankungen von 60 bis 80 Prozent, vor allem Stimmungs-, Angst- und Suchterkrankungen (Kooij et al., 2019). Mit passender Behandlung lassen sich die Symptome deutlich verringern, auch wenn eine Heilung nicht bekannt ist (Faraone et al., 2015). Je nach Fall können sich Selbststeuerung, Alltagsstrategien und Lebensqualität verbessern. Eine Meta-Analyse zu Medikamenten fand zum Beispiel Verbesserungen der Lebensqualität, die aber kleiner ausfielen als die Wirkung auf die Kernsymptome. Deshalb wird empfohlen, Medikamente mit nicht-medikamentösen Massnahmen zu kombinieren (Bellato et al., 2025).

Wie wird ADHS festgestellt und behandelt?

Die Diagnose stellt eine Fachperson in einem ausführlichen Gespräch, nicht über einen Test oder Blutwert. Die europäische Konsensusempfehlung nennt strukturierte Interviews zu Symptomen und Beeinträchtigungen über die Lebensspanne, etwa das Interview DIVA 2.0, ergänzt durch Angaben von Angehörigen (Kooij et al., 2019). Wie das in der Schweiz abläuft, erklären wir in einem eigenen Ratgeber zur Diagnose.

Die Behandlung ist meist multimodal: Psychoedukation, Medikamente und kognitive Verhaltenstherapie als Ergänzung (Kooij et al., 2019). Eine Übersichtsarbeit mit 40 Studien beschrieb Medikamente sowie nicht-medikamentöse Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeit und Psychoedukation als wirksam, am besten in Kombination (Wakelin et al., 2023). Welche Behandlung für Dich passt, entscheidet eine Ärztin oder ein Arzt mit Dir. Verändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust. Einen Überblick findest Du auf unserer Seite zur ADHS-Therapie.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Du Dich in den beschriebenen Symptomen wiedererkennst, sie seit der Kindheit bestehen und Beruf, Beziehungen oder Wohlbefinden belasten, lohnt sich eine Abklärung. Das gilt auch, wenn Du wegen Depression oder Angst behandelt wirst und Dich trotzdem nicht besser fühlst. Bei Männern und Frauen zeigt sich ADHS unterschiedlich, mehr dazu bei ADHS bei Männern. Die Abklärung kann auch andere Erklärungen für Deine Beschwerden prüfen.

Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, an den Notfall, den Rettungsdienst (144) oder die Dargebotene Hand (143, rund um die Uhr).

Häufige Fragen zu ADHS

Ist ADHS eine Modeerscheinung?

Nein. ADHS ist ein gut untersuchtes Störungsbild mit hoher erblicher Komponente (Heritabilität etwa 74 Prozent), das weltweit bei Kindern und Erwachsenen gefunden wird (Faraone & Larsson, 2019; Faraone et al., 2015). Dass heute mehr Erwachsene davon hören und sich abklären lassen, ändert nichts daran, dass die Beschwerden real sind.

Ist ADHS dasselbe wie ADS?

Das Kürzel ADS wurde früher für die Form ohne auffällige Hyperaktivität verwendet. Heute spricht man von ADHS mit vorwiegend unaufmerksamer Präsentation. Bei Erwachsenen wird diese Form als häufigste beschrieben (Ayano et al., 2023), bei Frauen wird sie oft übersehen, weil sie weniger auffällt.

Kann man ADHS heilen?

Nein, eine Heilung ist nicht bekannt, aber die Symptome lassen sich mit Behandlung deutlich verringern (Faraone et al., 2015). Viele Betroffene kommen mit Wissen über ADHS, Alltagsstrategien, Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamenten besser zurecht.

Wer stellt die Diagnose ADHS?

Die Diagnose wird in einer ausführlichen Abklärung durch eine Fachperson gestellt, in der Regel durch Fachärztinnen und Fachärzte mit ADHS-Erfahrung. Ein Online-Test allein reicht nicht. Mehr zu den Berufsgruppen und zum Ablauf findest Du in unserem Ratgeber.

Fazit: ADHS verstehen und annehmen

ADHS ist eine komplexe, aber behandelbare neurobiologisch mitbedingte Besonderheit. Für viele Erwachsene ist die Diagnose ein Schlüsselmoment, weil vieles plötzlich einen Sinn ergibt. Eine Übersichtsarbeit zu Frauen beschreibt Erleichterung und mehr Selbstakzeptanz nach der Diagnose (Attoe & Climie, 2023). Es ist nie zu spät, sich besser zu verstehen. Das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist ein erster Schritt. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Mehr zur Einordnung findest Du auch im Beitrag Neurodivergenz und ADHS.

Quellen

  • Faraone, S. V. et al. (2015). Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers, 1, 15020. nature.com
  • Faraone, S. V. & Larsson, H. (2019). Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry. nature.com
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. sciencedirect.com
  • Song, P. et al. (2021). The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: a global systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health. PMC7916320
  • Ayano, G. et al. (2023). Prevalence of attention deficit hyperactivity disorder in adults: umbrella review of evidence generated across the globe. Psychiatry Research, 328. sciencedirect.com
  • Shaw, P., Stringaris, A., Nigg, J. & Leibenluft, E. (2014). Emotion dysregulation in attention deficit hyperactivity disorder. American Journal of Psychiatry. PubMed
  • Fu, X. et al. (2025). Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: a review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Wakelin, C., Willemse, M. & Munnik, E. (2023). A review of recent treatments for adults living with attention-deficit/hyperactivity disorder. South African Journal of Psychiatry, 29. sajp.org.za
  • Bellato, A. et al. (2025). Systematic review and meta-analysis: ADHD medication effects on quality of life. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 64(3), 346-361. sciencedirect.com
  • Attoe, D. E. & Climie, E. A. (2023). Miss. Diagnosis: a systematic review of ADHD in adult women. Journal of Attention Disorders, 27(7). sagepub.com

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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