Essstörungen & ADHS: Eine oft übersehene Verbindung

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Essen als Trost, als Ventil oder als Versuch, Kontrolle zu behalten: Viele Menschen kennen das, und bei ADHS ist es besonders häufig ein Thema. Das ist keine Schwäche und keine Frage der Disziplin. In diesem Beitrag erfährst Du, was die Forschung zum Zusammenhang von ADHS und Essstörungen sagt, woran Du Warnzeichen erkennst und welche Hilfe es in der Schweiz gibt.

Kurz erklärt: ADHS und Essstörungen treten häufiger gemeinsam auf, als es der Zufall erwarten lässt. Am deutlichsten ist der Zusammenhang für Essanfälle (Binge-Eating-Störung) und Bulimie. Impulsivität, schwer regulierbare Gefühle und eine geringere Wahrnehmung von Hunger und Sättigung können dabei eine Rolle spielen. Essstörungen sind behandelbar, und eine gleichzeitige Behandlung der ADHS kann sinnvoll sein.

Wie hängen ADHS und Essstörungen zusammen?

Mehrere Studien zeigen einen Zusammenhang, der je nach Essstörung unterschiedlich stark ist. Eine systematische Übersichtsarbeit (Kaisari et al., 2017) wertete 75 Studien aus und kam zu einer „mässig starken“ Belegbarkeit des Zusammenhangs von ADHS-Symptomen und gestörtem Essverhalten:

  • Binge-Eating-Störung: In 20 von 27 Studien fand sich ein signifikanter Zusammenhang.
  • Bulimia nervosa: In 17 von 21 Studien fand sich ein signifikanter Zusammenhang, besonders mit Impulsivität.
  • Überessen: In 10 von 12 Studien zeigte sich ein Zusammenhang.
  • Magersucht und restriktives Essen: Die Befunde waren uneinheitlich.

Auch bei Jugendlichen zeigt sich ein Muster. In einer repräsentativen Befragung von 4616 israelischen Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren lag der Anteil mit auffälligem Essverhalten bei Jugendlichen mit ADHS bei 50,2 Prozent, ohne ADHS bei 43,9 Prozent. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Status und Körpergewicht blieb ein um 41 Prozent erhöhtes Risiko bestehen. Erfasst wurde das Essverhalten mit einem Screeningfragebogen, es handelt sich also nicht um Diagnosen. Zwischen Jugendlichen mit und ohne Stimulanzienbehandlung gab es keinen Unterschied.

Eine junge Frau sitzt auf einem Sofa und isst gedankenverloren einen Donut, um sie herum liegen weitere Donuts. Das Bild steht für impulsives Essen.

Warum kommen ADHS und Essstörungen oft zusammen vor?

Genau geklärt ist das nicht, aber es gibt mehrere plausible Erklärungen, die sich ergänzen können:

  • Impulsivität: Der europäische Konsensus zur ADHS bei Erwachsenen beschreibt impulsive Essanfälle, oft als Reaktion auf Unruhe oder auf das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung. Mehr dazu im Beitrag zu Impulsivität bei ADHS.
  • Gefühle: In zwei Studien (237 und 142 Personen, überwiegend junge Erwachsene) erklärte eine gedrückte Stimmung einen Teil des Zusammenhangs zwischen ADHS-Symptomen und Essanfällen sowie restriktivem Essen. Das passt zur emotionalen Dysregulation bei ADHS. Essen kann kurzfristig beruhigen, belastet aber oft mit Scham und Schuld, was an Deinem Selbstwert nagen kann.
  • Körpersignale: Unaufmerksamkeit kann dazu führen, dass Hunger und Sättigung schwerer wahrgenommen werden. In einer der beiden Studien erklärte dies einen Teil des Zusammenhangs zwischen Unaufmerksamkeit und Essanfällen.
  • Belohnungssystem: Die Übersichtsarbeit nennt eine mögliche gemeinsame Störung im Dopaminsystem von ADHS und Übergewicht als Hypothese. Sie ist nicht bewiesen.

Mehr zum Alltagsthema findest Du auch im Beitrag Essen als Kompensation bei ADHS.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir auch nach dem Essverhalten, selbst wenn Du wegen etwas anderem kommst. Essanfälle sind oft mit Scham verbunden und werden manchmal nicht von selbst erwähnt. Wir schauen, ob Essen vor allem Anspannung abbaut oder ob Kontrollverlust, Erbrechen, extremes Fasten oder starke Sorgen um Figur und Gewicht dahinterstehen.

Dann braucht die Essstörung eine eigene Behandlung, und auch der Körper wird mitbetrachtet, zum Beispiel gemeinsam mit der Hausärztin oder dem Hausarzt. Wichtig ist uns die Abstimmung zwischen den Fachpersonen. Ob ein ADHS-Medikament passt, wird bei bekannter Essstörung besonders sorgfältig abgewogen, weil der Appetit sinken kann.

Welche Anzeichen sprechen für eine Essstörung?

Wenn Essen oder Nicht-Essen Dein Denken und Handeln stark bestimmt und Du es nicht mehr steuern kannst. Dazu können gehören:

  • wiederholte Essanfälle mit Kontrollverlust, oft heimlich und mit Scham
  • Erbrechen, Abführmittel, extremes Fasten oder übermässiger Sport, um das Essen auszugleichen
  • strenge Essensregeln, ständige Angst vor Gewichtszunahme
  • starke Gedanken an Figur und Gewicht
  • Rückzug, weil Essen und Körper Stress auslösen

Eine Frau liegt auf dem Boden, umgeben von Chips und mit einem Massband um den Körper. Das Bild zeigt den Konflikt zwischen Heisshunger und dem Wunsch nach Kontrolle.

Diese Liste ersetzt keine Diagnose. Sie hilft Dir aber einzuschätzen, ob ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll ist. Wichtig: Eine Essstörung betrifft auch den Körper. Die deutschsprachige S3-Leitlinie nennt unter anderem Kontrollen von Elektrolyten und Wasserhaushalt, Herz-Kreislauf-Funktion, Magen-Darm-Trakt, Knochendichte und Zahngesundheit. Die Hausärztin oder der Hausarzt ist dafür eine wichtige erste Anlaufstelle.

Wie werden ADHS und Essstörung behandelt?

Meist beides gemeinsam. Die S3-Leitlinie zu Essstörungen nennt Psychotherapie als Behandlungsmethode der Wahl, bei Bulimie und Binge-Eating-Störung steht sie an erster Stelle, Medikamente spielen eine nachrangige Rolle. Für die ADHS gilt laut europäischem Konsensus: Psychoedukation ist der erste Schritt, und Stimulanzien sind bei Erwachsenen das Mittel der ersten Wahl mit mässigen bis hohen klinischen Effekten.

Beim Zusammentreffen beider Erkrankungen braucht es Abstimmung zwischen den Fachpersonen. Wichtig zu wissen:

  • Medikamente und Appetit: Nach dem Konsensus gehören verminderter Appetit und Schlafprobleme zu den Hauptnebenwirkungen von Stimulanzien. Auch die Angaben der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH (MedlinePlus) nennen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei Methylphenidat. Bei einer Essstörung wird deshalb besonders sorgfältig abgewogen. Mehr dazu im Beitrag Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente. Ändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust.
  • Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie reduziert nach dem Konsensus ADHS-Kernsymptome, und sie wird am besten als Teil einer multimodalen Behandlung ergänzend zu Medikamenten eingesetzt. Bei Essstörungen steht die Psychotherapie ohnehin an erster Stelle.
  • Alltag: Feste Mahlzeiten, Erinnerungen auf dem Handy oder ein Wochenplan können Struktur geben. Das sind praktische Anregungen, nicht einzeln in ADHS-Studien geprüft.

Eine Frau in schwarzem Badeanzug misst mit einem gelben Massband ihren Körperumfang. Das Bild steht für das Thema Körperbild.

Auch das Wissen selbst kann entlasten: Wenn Du verstehst, dass Impulsivität, Gefühle und Körpersignale beim Essen zusammenspielen können, musst Du Dich weniger für Essanfälle verurteilen. Nach dem europäischen Konsensus ist Psychoedukation der erste Schritt der ADHS-Behandlung. Verständnis ersetzt die Behandlung nicht, ist aber ein guter Anfang.

Allgemeine Informationen zur Ernährung findest Du im Beitrag Ernährung bei ADHS.

Wo bekommst Du in der Schweiz Hilfe?

Die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES) führt ein Adressverzeichnis mit Institutionen und Praxen und bietet eine E-Mail-Beratung an. Auch die Hausärztin oder der Hausarzt kann den Weg weisen. Wenn Du Dich gesundheitlich akut schlecht fühlst oder bei Gedanken, Dir etwas anzutun, rufe die Rettung unter 144 an oder wende Dich an die Dargebotene Hand unter 143, rund um die Uhr und anonym.

Häufige Fragen zu ADHS und Essstörungen

Haben Menschen mit ADHS häufiger Essanfälle?

Die Studienlage spricht dafür. Eine Übersichtsarbeit mit 75 Studien fand besonders für Binge-Eating und Bulimie einen Zusammenhang mit ADHS-Symptomen, vor allem mit Impulsivität. Das heisst nicht, dass jeder Mensch mit ADHS Essanfälle hat. Viele haben keine Essprobleme. Wenn Du solche Muster bei Dir bemerkst, lohnt sich ein Gespräch mit einer Fachperson.

Können ADHS-Medikamente das Essverhalten verändern?

Ja. Verminderter Appetit gehört zu den bekannten Nebenwirkungen von Stimulanzien. In der israelischen Jugendstudie unterschied sich das auffällige Essverhalten zwischen behandelten und unbehandelten Jugendlichen jedoch nicht. Wenn Du bereits eine Essstörung hast, besprich das vor einem Behandlungsbeginn offen mit der Ärztin oder dem Arzt.

Kann man ADHS und eine Essstörung gleichzeitig behandeln?

Ja, und das ist oft sinnvoll. Nach der S3-Leitlinie steht bei Bulimie und Binge-Eating-Störung die Psychotherapie an erster Stelle. Für die ADHS gelten Psychoedukation, Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamente. Wichtig ist, dass die Fachpersonen von beiden Diagnosen wissen und sich abstimmen.

Ist Magersucht auch häufiger bei ADHS?

Die Befunde sind uneinheitlich. In der Übersichtsarbeit zeigte sich für Magersucht und restriktives Essen kein klares Bild. In einer Befragung von Erwachsenen sagten ADHS-Symptome aber sowohl Essanfälle als auch restriktives Essen voraus, und eine gedrückte Stimmung spielte dabei eine Rolle. Bei starkem Hungern solltest Du ärztliche Hilfe holen, unabhängig von der Ursache.

Fazit

ADHS und Essstörungen werden leicht übersehen, weil jeweils die eine Erkrankung die andere verdecken kann. Wichtig ist, beides im Blick zu haben und frühzeitig Unterstützung zu suchen. Wenn Du wissen möchtest, wie wir bei der Abklärung vorgehen, findest Du Informationen auf der Seite zur ADHS-Abklärung, zu den Behandlungsmöglichkeiten auf der Seite zur ADHS-Therapie. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.

Quellen

  • Kaisari P, Dourish CT, Higgs S (2017). Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) and disordered eating behaviour: A systematic review and a framework for future research. Clinical Psychology Review 53:109-121. ScienceDirect
  • Kaisari P, Dourish CT, Rotshtein P, Higgs S (2018). Associations Between Core Symptoms of Attention Deficit Hyperactivity Disorder and Both Binge and Restrictive Eating. Frontiers in Psychiatry. Frontiers
  • Namimi-Halevi C et al. (2023). Attention-deficit hyperactivity disorder is associated with disordered eating in adolescents. Pediatric Research 96(4):1068-1075. Nature
  • Kooij JJS et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Volltext (PDF)
  • DGPM, DGESS, DGPPN u. a. (2018). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen, AWMF-Register Nr. 051-026. AWMF
  • National Library of Medicine (NIH): Methylphenidate, MedlinePlus Drug Information. MedlinePlus
  • Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES). sges-ssta-ssda.ch
  • Die Dargebotene Hand: 143.ch

Wie geht es weiter?

Du möchtest wissen, ob eine ADHS-Abklärung für dich sinnvoll ist? Unter ADHS-Diagnostik findest du den Ablauf, unter Kosten der Abklärung die Abrechnung über die Krankenkasse. Erste Hinweise kannst du mit dem ADHS-Test für Erwachsene einordnen.

Medizinisch geprüft von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, spezialisiert auf die Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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